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Materialdienst 8/2009
Heiko Ehrhardt

Voldemort, Sauron & Co.

Das Böse in der Fantasy-Literatur

„Seine Narbe hatte seit 19 Jahren nicht mehr geschmerzt. Alles war gut.“ Diese Worte, die letzten im letzten Harry-Potter-Band1, überraschen in Anbetracht dessen, was vorher geschildert wurde, doch ein wenig: Gab es in den Bänden I bis III eigentlich keine Todesfälle2 und in IV bis VI pro Band immer nur einen am Ende des Buches, so ist der letzte Band von einer auffälligen Häufung geprägt: Mad-Eye Moody, Dobby, Fred Weasley, Remus Lupin, Tonks sowie eine große Anzahl der bösen „Todesser“3 müssen das Zeitliche segnen, bevor Voldemort schließlich endgültig besiegt werden kann.4 Und dann folgt mit dem lapidar „19 Jahre später“ überschriebenen letzten Kapitel ein Epilog, der alles rosarot malt und der die heftigen Konflikte ebenso in Wohlgefallen auflöst wie die schmerzhaften Abschiede von liebgewonnenen Charakteren.

Zugleich allerdings konfrontiert das Ende der Reihe mit einigen Fragen, die durchaus überraschen, da sie eine theologische Tiefendimension aufweisen, die man in den weitgehend religionsfreien Harry-Potter-Büchern so nicht erwartet hätte. Im Folgenden versuche ich, diese Tiefendimension darzustellen, indem ich zum einen Voldemort als Repräsentanten des Bösen mit dem nicht minder populären Sauron aus „Herr der Ringe“ vergleiche, um ihn so in seiner Eigenart zu profilieren. Zum andern werde ich ihm dann Harry Potter als postmoderne Erlöserfigur gegenüberstellen, die auf jüdisch-christliche Erlöservorstellungen zurückzuführen ist.

Tom Vorlost Riddle und die Genese eines Bösewichts

Eigentlich wäre Lord Voldemort als oberster Bösewicht dafür prädestiniert, einfach „böse“ zu sein und keine über die Auflistung seiner Untaten hinausgehende Biografie zu haben. So zumindest würde es dem Formzwang von Märchen und Fantasyromanen entsprechen. Das Böse ist böse, ohne dass es einer weiteren Erklärung bedarf. Es fragt ja auch niemand, wieso die Hexe im Märchen von Hänsel und Gretel böse ist.

Der erste Harry-Potter-Band hält sich an dieses Schema: Voldemort wird als Figur eingeführt, die derart schrecklich ist, dass nicht einmal beherzte Lehrerinnen wie Minerva McGonagall wagen würden, seinen wahren Namen zu nennen.5 Stattdessen ist die Rede von „Du-weißt-schon-wer“ oder vom „Dunklen Lord“. Die Vermeidung des Namens entspricht dem dritten Gebot der jüdisch-christlichen Tradition und hebt Voldemort somit in die Sphäre des Übermenschlichen. Worin seine Bosheit besteht, wird freilich nicht so recht deutlich. Er hat allerdings Harrys Eltern und eine Reihe weiterer Zauberer getötet, er hat sich mit den „dunklen Künsten“ befasst, und am Ende von Band I wird deutlich, dass er über sein Leben hinaus nach ewigem Leben trachtet, ein Streben, das Dumbledore in Band V mit den Worten kritisiert: „Deine Unfähigkeit zu begreifen, dass es Dinge gibt, die weit schlimmer sind als der Tod, war schon immer deine größte Schwäche.“6 Außerdem strebt er nach Macht über Zauberer und Menschen, ohne dass in Band I schon erkennbar würde, wie er denn seine Macht ausüben würde, wenn er sie hätte.7

Trotzdem macht dies deutlich, dass Joanne K. Rowling ein anderes Verhältnis zur Macht hat als etwa John R. R. Tolkien im „Herrn der Ringe“: Kommt es im „Herrn der Ringe“ nur darauf an, dass mit Aragorn der richtige, gute König herrscht (wogegen Sauron der falsche, weil böse Herrscher ist), so bleibt Rowling trotz aller – vielfach reichlich flachen – Kritik grundsätzlich demokratischen Strukturen verhaftet. Das Zaubereiministerium wirkt zwar bizarr in seiner Organisation, und es macht fast durchgehend bestürzend üble Fehler. Eine grundsätzliche Infragestellung dieses Systems findet aber trotzdem nicht statt – wohl, weil es für Rowling keine ernsthafte Alternative zu demokratischen Strukturen gibt.

Insgesamt bleibt Voldemort im ersten Harry-Potter-Band deutlich innerhalb der vorgegebenen Rolle als übermenschlicher und im Grunde kaum zu bekämpfender Bösewicht. Dies ändert sich dann allerdings – ausgehend von Band II – in allen folgenden Bänden deutlich. Plötzlich bekommt Voldemort einen Namen, eine Biografie, ein Schicksal. Schon die reichlich schräge Idee, dass „Lord Voldemort“ ein Anagramm darstellt,8 bindet ihn an die Person des früheren Hogwartsschülers Tom Vorlost Riddle. Damit bekommt das Böse einen Namen, und indem das Böse benennbar wird, wird es ein Stück weit beherrschbar.9 Vor allem entfällt durch die Benennbarkeit des Bösen, die ja in diesem Fall auch mit einer Biografie verbunden ist, der transzendente Hintergrund nahezu völlig. Selten ist ein Bösewicht derart depotenziert worden, wie es mit Voldemort geschieht. Ist er am Anfang der Böse schlechthin, so wird in den Folgebänden immer deutlicher, dass er nur ein Repräsentant des Bösen ist – und nicht einmal der schlimmste. Mehrfach wird darauf hingewiesen, dass ihm sein Urahn Salazar Slytherin durchaus ebenbürtig war. Und im letzten Band wird ihm dann mit der Figur des Gellert Grindelwald ein nahezu ebenbürtig böser Zeitgenosse entgegengesetzt.10 Schlimmer noch: Selbst auf dem Höhepunkt seiner Macht reicht sein Arm nicht über Großbritannien hinaus.11

Das ist umso bemerkenswerter, als im Verlauf der Harry-Potter-Bände immer deutlicher wird, worin die Bösartigkeit Voldemorts eigentlich besteht: Das, was Voldemort vorgeworfen wird – vor allem von Dumbledore –, ist schlichter Rassismus. Rassismus aber ist an und für sich umfassend und global angelegt. Voldemort gehört zu einer Gruppe von Zauberern, die es sich zum Ziel gesetzt haben, eine „reinblütige“ Zaubererschaft zu erschaffen, und die daher auf die Unterdrückung bzw. Ausrottung aller „schlammblütigen“ Zauberer12 drängen. Damit steht er allerdings in einer langen Tradition und außerdem nicht allein13 – auch dies ein Zeichen dafür, dass Voldemort kein metaphysischer Bösewicht, sondern eine Gestalt in Raum und Zeit ist. Schließlich wird Voldemort in Band VI noch eine lange Vorgeschichte verpasst, die zu erklären sucht, wie aus dem jungen Hogwartsschüler Tom Vorlost Riddle der üble Tyrann Lord Voldemort wurde, und die dazu führt, dass man fast Mitleid mit dem traumatisierten Jugendlichen bekommt und ihm – anstatt ihn zu bekämpfen – einen guten Therapeuten wünscht. Das ist freilich quasi die Höchststrafe für einen Bösewicht, der den Gesetzen der Fantasy zufolge eine übermenschlich mächtige, eine zu fürchtende und gewiss keine zu bemitleidende Gestalt sein sollte.

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Anmerkungen

1 Bd. I: Harry Potter und der Stein der Weisen (1997); Bd. II: Harry Potter und die Kammer des Schreckens (1998); Bd. III: Harry Potter und der Gefangene von Askaban (1999); Bd. IV: Harry Potter und der Feuerkelch (2000); Bd. V: Harry Potter und der Orden des Phoenix (2003); Bd. VI: Harry Potter und der Halbblutprinz (2005); Bd. VII: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (2007). Die Seitenzahl entspricht immer der gebundenen Ausgabe des Carlsen-Verlages.
2 Die Tode von Professor Squirrel in Bd. I und des Basilisken in Bd. II betreffen die „Bösen“ und werden von daher relativiert. Der Tod des Hippogreifen Seidenschnabel und der de facto Tod von Sirius Black in Bd. III werden durch den Zeitumkehrzauber verhindert und finden nicht statt.
3 Anhänger von Voldemort.
4 Dabei übernimmt Bd. VII eine Untugend, die auch schon Bd. V und VI zu einem durchaus ambivalenten Lesevergnügen gemacht hat: Nach furiosem Beginn schleppt sich die Handlung über 500 reichlich verworrene Seiten dahin, bis sie sich endlich in einem furiosen Showdown entladen kann.
5 Vgl. den Dialog zwischen Dumbledore und McGonagall in Bd. I, 16.
6 Bd. V, 955.
7 Wie die Machtausübung Voldemorts aussieht, wird eigentlich erst in Bd. VII geschildert; hier freilich in beeindruckender Deutlichkeit, vgl. etwa die Jagd auf Muggelstämmige mit den an übelste totalitäre Staaten erinnernden Schauprozessen, 254-275.
8 Allerdings funktioniert das Anagramm nur mit einem Trick: „Tom Vorlost Riddle“ „ist Lord Voldemort“, vgl. Bd. II, 323.
9 Vgl. das berühmte „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“. Dieses Motiv zieht sich durch eine Reihe weiterer Märchen. Vgl. auch Goethes Faust: „Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen Gewöhnlich aus dem Namen lesen“, Faust 1, Berliner Ausgabe, Bd. 8, Berlin / Weimar 41990, 190.
10 „Der Name Grindelwald ist zu Recht berühmt: In einer Liste der gefährlichsten schwarzen Magier aller Zeiten würde er den ersten Platz nur deshalb verfehlen, weil eine Generation später Du-weißt schon-wer erschien und ihm die Krone stahl“, Bd. VII, 364.
11 Den verfolgten Muggelstämmigen empfiehlt Harry Potter: „Gehen Sie wenn möglich ins Ausland“ – wohl in dem Wissen, dass Voldemorts Hand nicht so weit reicht, vgl. Bd. VII, 272.
12 Also aller Zauberer, in deren Stammbaum es auch „Muggel“ (Nichtmagier) gibt. Das Wort ist eine ungeheure Beleidigung, vgl. dazu Bd. II, 121: „Das ist so ziemlich das Gemeinste, was ihm einfallen konnte ... Schlammblut ist ein wirklich schlimmes Schimpfwort ...“
13 Die Liste der Rassisten umfasst so illustre Namen wie Salazar Slytherin, Gellert Grindelwald, die gesamte Familie Malfoy, nahezu die gesamte Familie von Harrys Patenonkel Sirius Black, alle Todesser und sogar – und das wird völlig überraschend und wenig überzeugend in Bd. VII eingeführt – den jungen Albus Dumbledore, vgl. den Brief Dumbledores an Grindelwald in Bd. VII, 365f.

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