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Materialdienst 5/2009
Matthias Pöhlmann

Schicksalsjahr 2012?

Hoffnungen und Befürchtungen in der Esoterik-Szene zu Beginn des 21. Jahrhunderts

In Übergangs- und Krisenzeiten haben Endzeitspekulationen Konjunktur. Von außergewöhnlichen Naturereignissen und besonderen Jahreszahlen scheint dabei eine große Suggestionskraft auszugehen. So entwickelte sich die Sonnenfinsternis am 11. August 1999 in Deutschland zu einem besonderen Ereignis. Doch nicht alle konnten sich darauf freuen. Die französische Astrologin Elizabeth Tessier und der bekannte Modeschöpfer und Esoterik-Autor Paco Rabanne (Francisco Rabaneda-Cuervo) hatten für diesen Tag düstere Prognosen erstellt und sogar Horrorszenarien entwickelt. Andere befürchteten Naturkatastrophen und soziale Umwälzungen. Nur wenige Monate später richtete sich der angstvolle wie erwartungsvolle Blick auf das neue Millennium, was wiederum im Vorfeld einen massiven Medienrummel auslöste.1

Ins Blickfeld des esoterischen Interesses gerät derzeit der 21. Dezember 2012, an dem der hochentwickelte Kalender der Maya, eines indigenen Volkes bzw. einer Gruppe indigener Völker Mittelamerikas, enden soll. Die Maya, Vertreter einer mächtigen Hochkultur, siedelten in Süd- und Südost-Mexiko und in Teilen von Guatemala, Honduras und Belize. Von besonderem Interesse sind derzeit Spekulationen um den astronomischen Kalender der mittelamerikanischen Ureinwohner, die offensichtlich unterschiedliche Kalender zu zivilen und rituellen Zwecken verwendet haben. Bis heute wird die Korrelation zwischen den Daten des Maya-Kalenders und denen des christlichen Kalenders kontrovers diskutiert.2

Eine besondere Interpretationsvariante bietet die zeitgenössische Esoterik. Dort kursiert jedoch ein besonderer Maya-Kalender, der offensichtlich nicht dem traditionellen zu entsprechen scheint. Während manche mit dem Ende des Maya-Kalenders dramatische Ereignisse für 2012 befürchten und sich in Schreckensvisionen ergehen, erblicken Sensitive und spirituelle Lehrer der Esoterik-Szene darin den Auftakt zu einer globalen Wendezeit.

Die Angst vor dem magischen Datum 2012 grassiert – fernab von esoterischen Spekulationen – auch im Internet. So berichten Hersteller von Antiviren-Softwareprogrammen über manipulierte pdf-Dateien, die ein sog. Trojanisches Pferd installieren sollen. Sie werden mit Spam-Mails verbreitet, in denen über das Ende des Internets im Jahr 2012 orakelt wird.3 Droht 2012 gar – wie ein Zeitungsbericht4 vermuten lässt – ein „Sonnen-Tsunami“, bei dem infolge heftiger Sonnenstürme gewaltige Röntgen-Strahlungsschauer über die Erde hereinbrechen könnten – mit verheerenden Folgen für die hochtechnisierte Welt, so dass Handy-Netze ebenso wie Radaranlagen oder Signale von GPS-Satelliten ausfallen könnten? Hinzu kommen Befürchtungen, wonach es im gleichen Jahr zu einer erneuten weltweiten Wirtschaftskrise kommen kann.

Popularisierung des 2012-Maya-Mythos

er besondere Reiz des fiktional bzw. medial inszenierten 2012-Maya-Mythos liegt in der Kombination von indigener (und damit angeblich authentischer) Wissenskultur und der meist numerologisch ermittelten Suggestionskraft von Jahreszahlen, die mit Tages- und Monatsangaben kombiniert werden. In ihm spiegeln sich letztlich Ängste und Verunsicherungen einer Gesellschaft, die sich im Zuge einer „säkularen Apokalyptik“ der Möglichkeit einer technologischen Selbstzerstörung schmerzhaft bewusst wird. Bücher und Filme der internationalen Unterhaltungsindustrie tragen massiv zur weltweiten Popularisierung des 2012-Maya-Mythos bei. Für Furore sorgen derzeit ein Endzeit-Thriller in Buchform und ein Ende des Jahres erscheinender Hollywood-Streifen. In beiden Fällen wird direkt auf den Maya-Kalender Bezug genommen.

„2012 – Das Ende aller Zeiten“

Seit Mitte März 2009 liegt die deutsche Übersetzung des Thrillers „2012 – Das Ende aller Zeiten“ vor. Das Buch ist derzeit im Begriff, die Bestsellerlisten zu erobern. Autor des rund 900 Seiten starken Wälzers ist der amerikanische Künstler und Journalist Brian D’Amato. Fiktional wird hier die Angst vor dem terminierten Untergang in einem spannenden Plot umgesetzt. Zum Inhalt des Buches heißt es auf dem Klappentext: „Eine Mischung von Go und Mensch-ärgere-dich-nicht, so ähnlich ist das Brettspiel, das Jed DeLanda von seiner Mutter geerbt hat. Jed benutzt es dazu, um an der Börse zu spekulieren, und dies mit beträchtlichem Erfolg. Bis eines Tages die reiche, exzentrische Marena Park, TV-Moderatorin und Computerspiel-Designerin, in sein Leben tritt. Sie zeigt ihm Bilder von einem alten Maya-Codex, der mit modernsten technischen Mitteln lesbar gemacht werden konnte. Die Maya waren besessen von Zahlen. Sie spielten das gleiche Spiel wie Jed, aber in einer unvorstellbar größeren Komplexität. Sie hatten ihren eigenen Untergang vorausgesehen. Sie berechneten die großen Katastrophen der Menschheit voraus, bis zu dem Tag, an dem alles endet. Dem 21. Dezember 2012. Die Endzeit wirft ihre Schatten voraus. Eine Seuche sucht Amerika heim. Während die USA in Chaos und Anarchie versinken, macht sich Jed auf eine fantastische Reise. Er muss den Schritt zurück in die Zeit wagen, als die Hochkultur der Maya noch blühte. Er muss selbst das große Spiel spielen, um zu sehen, ob die Menschheit noch eine Chance hat.“5 Ob die Welt in der Geschichte von D’Amato tatsächlich am 22. Dezember 2012 untergehen wird, erfährt der Leser allerdings nicht. Er muss sich bis zum Erscheinen des Folgebandes der geplanten Trilogie gedulden.

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Anmerkungen

1 Im Jahr 1999, unmittelbar im Vorfeld der medial inszenierten und spirituell aufgeladenen Jahrtausendwende, wies der damalige EZW-Referent Hans-Jürgen Ruppert auf die Esoterik als „Krisensymptom“ hin: Esoterik zwischen Endzeitfieber und Erlösungshoffnung, in: MD 10/1999, 289-305.
2 Zu den Hintergründen bzw. astronomischen Berechnungen: Mario Krygier / Jens Rohark, Faszination 2012 – Das Buch zum Maya-Kalender, Magdeburg 2008; Andreas Fuls, Die astronomische Datierung der klassischen Mayakultur (500-1100 n. Chr.). Implikationen einer um 208 Jahre verschobenen Mayachronologie, Norderstedt 2007.
3 www.pcwelt.de/171666, 27.3.2009.
4 2012 droht ein Sonnen-Tsunami,
www.rp-online.de vom 24.8.2008; abgerufen: 27.3.2009.
5 Brian D’Amato, 2012 – Das Ende aller Zeiten, Bergisch Gladbach 2009.

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