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Materialdienst 5/2009
Stefanie Schmiedler

Ein radikal übernatürliches Leben

Die "Wort+Geist"-Bewegung und der "Völkerapostel" Helmut Bauer

„Guten Morgen ihr Starken! Ihr Starken – ihr seid unzerstörbar!“1 Solche oder ähnliche Begrüßungen am Sonntagmorgen mögen auf den einen oder anderen erquickend wirken und dafür sorgen, dass man sich in einem Gottesdienst bei „Wort+Geist“ wohlfühlt. Andererseits können derartige Sätze auch Verwunderung und Befremden auslösen und die Frage aufwerfen: Was ist das für eine neue Bewegung, und wie ist sie einzuschätzen?

Entstehungsgeschichte

Die Geburtsstunde des „Wort+Geist-Zentrums“ liegt im Jahr 1999. Da aber Entstehung und Entwicklung eng mit der Stifterfigur Helmut Bauer verbunden sind, sollte eine Beschreibung bereits neun Jahre früher beginnen. Nach Bauers eigenen Angaben hat sich zu jener Zeit eine Art Konversion ereignet. „In der Nacht von Pfingstsamstag auf Pfingstsonntag 1990, genau um Mitternacht, sei plötzlich – ganz unerwartet – der Heilige Geist über ihn gekommen, obwohl er vorher nie wirklich etwas mit Jesus zu tun haben wollte. Eine starke Kraft kam und blieb auf ihm. Gleich darauf begannen Wunder zu geschehen.“2 In der Folge kam er zu dem Entschluss, sein Leben bewusst Jesus zu übergeben und auch den Lebenswandel seiner Familie und Freunde zu inspirieren. 1994 trat Bauer der Freien Christengemeinde in Freyung (Bayerischer Wald) bei; er wurde Mitglied im Leitungskreis der Gemeinde. 1997 entschloss er sich, das Rhema-Bibeltrainingszentrum in Wels zu besuchen und begann zur gleichen Zeit mit einem Hauskreis in seinem Wohnzimmer. In dieser Phase entwickelte Bauer seine Lehre und fand in Gemeinde und Hauskreis viele begeisterte Anhänger, aber auch Gegner. Wie Hildegrad Jankenschläger, ein Mitglied der damaligen Gemeindeleitung, berichtet, wurden die theologischen Unstimmigkeiten letztlich so groß, dass Bauer 1999 die Gemeinde in Freyung mit einem großen Teil ihrer Mitglieder verließ und im benachbarten Waldkirchen das „Wort+Geist-Zentrum“ gründete.

Damit beginnt die Erfolgsgeschichte der Bewegung. Bereits in den folgenden beiden Jahren werden Tochtergemeinden in Deggendorf und Regen gegründet. 2001 startet man mit einer Bibelschule. 2002 zieht das Hauptzentrum samt Bibelschule nach Röhrnbach und bildet von nun an das Herzstück der Bewegung. In ganz Deutschland und sogar über die Grenzen hinaus entsteht innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl von Gemeinden. 2003 wird „Wort+Geist-Zentrum“ als gemeinnützige GmbH anerkannt. Ein Jahr später gründet man die „Wort+Geist Medien AG“, die von da an zur Publikation der Lehren genutzt werden kann.

Wurzeln und Lehrgrundlagen

Als Ausgangspunkt von „Wort+Geist“ sind die „Wort des Glaubens“-Bewegung und ihr geistiger Vater Kenneth Hagin (1917-2003) anzusehen. Dieser verband pfingstlich-charismatische Frömmigkeit mit der Kraft des positiven Denkens zu einer Art Erfolgstheologie. Von einer trichotomischen Anthropologie ausgehend, stehen Leib und Seele unter der zentralen Wirklichkeit des Menschen – dem Geist. Bei der Bekehrung wird dieser vollständig durch Gottes Geist in Besitz genommen. Glaube wird damit zu einer göttlichen Kraft im Menschen, die, wenn sie anerkannt und proklamiert wird, die gesamte Lebenssituation verändern kann. Diese Ausstattung mit göttlicher Kraft und Autorität bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens. Die Vorstellungskraft des Geistes und dessen Bekenntnis können Realität schaffen, so dass es möglich ist, Krankheit und Armut zu überwinden.

Aus dem angelsächsischen Raum kommend hat die Glaubensbewegung schon seit den 70er Jahren auch in Deutschland einzelne charismatische Gruppen und Gemeinden beeinflusst. Vielfach wird sie aber auch sehr kritisch gesehen.

1974 gründete Hagin in Tulsa das Rhema Bible Training Center USA. Dort sollen Menschen zum brauchbaren praktischen Dienst in der Welt und für Gottes Ernte ausgebildet werden. Seit 1994 existiert auch im österreichischen Wels eine Zweigstelle der Bibelschule. Diese besuchte Helmut Bauer zwei Jahre lang und fand zu dieser Zeit die Grundlagen für „Wort+Geist“.

Die „Wort+Geist“-Bewegung geht von der Grundannahme aus, dass durch Gottes Erlösungstat der menschliche Geist völlig neu geboren wurde und eine göttliche Substanz bekommen hat.3 Der Mensch besitze noch eine Seele und lebe in einem Körper, aber er sei vor allem ein geistliches Wesen.4 Das heißt, Christus lebe nun im Menschen und vollbringe durch ihn seine vorbereiteten Wunder.5 Damit beginnt für „Wort+Geist“ das „übernatürliche“ Leben bereits hier auf Erden und nicht erst im Himmel.6

Das zu erfassen, sei der eigentlich entscheidende Punkt, und das Problem der meisten Christen liege darin, dass sie ihre echte Existenz nicht erkennen bzw. sie mit dem Verstand zu begreifen versuchen. Diesen aber gelte es auszuschalten, denn: „Wenn du den ganzen Tag von deinem Verstand beherrscht wirst, kommt diese übernatürliche Ebene nicht zum Zug. Dein Verstand wird dir keine Ruhe lassen und er wird verhindern wollen, dass du in diese übernatürliche Welt vordringst.“7 Wer sich hingegen darauf konzentriere, was Christus für ihn am Kreuz vollbracht habe, wer erkenne, dass er nun aus Gott ist und nicht mehr von dieser Welt, der könne auch seine Position als „Außerirdischer“, „Supermensch“8 bzw. „Leader des Universums“9 einnehmen und wirklich praktisch erleben, was Gott ihm geschenkt hat. Dazu gehöre, dass es uns in jeglicher Hinsicht gut geht. „Gott lügt nicht und er will nur eins: Dass Sie gesund sind, stark, voller Freude und mit ihm Gemeinschaft haben.“10 „Jeder Mensch hat einen Anspruch auf göttliche Gesundheit. Mangel an Erkenntnis lässt die Menschen Krankheit und Schwäche erdulden und akzeptieren.“11

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Anmerkungen

1 Andres Irmisch, Berlin, Predigt vom 18.1.2009: „Völlig anders – völlig neu“. Diese sowie alle im Folgenden zitierten Predigten wurden von der Bewegung vorübergehend im Internet zum Download bereitgestellt und liegen der Redaktion als Audiodatei vor.
2 Charisma 129 (2004), 4.
3 Vgl. Helmut Bauer, Die Invasion der Außerirdischen, Röhrnbach 2006, 12.
4 Vgl. ebd. 15.
5 Vgl. Karl Pilsl, Der kybernetisch wirkungsvollste Punkt im Glaubensleben, Röhrnbach 2004, 15. Karl Pilsl hatte in den Anfangsjahren eine zentrale Stellung in der „Wort+Geist“-Bewegung inne. Er war Prediger und Buchautor, Leiter des Ausbildungsbereiches, Vorstandsvorsitzender der „Wort+Geist Medien AG“ und persönlicher Freund Helmut Bauers. Seit 2006 geht er allerdings wieder eigene Wege. Er ist selbständiger Medienunternehmer, Wirtschaftsjournalist/-berater und Gründer dutzender Firmen und Organisationen in Österreich, Deutschland und den USA. Als solcher hält er zahlreiche Vorträge zu den Themen Wirtschaftsrevolution und erfolgreiches Leben.
6 Vgl. H. Bauer, Die Invasion der Außerirdischen, a.a.O., 13.
7 Ebd., 80.
8 Ebd., 12, 14.
9 Vgl. K. Pilsl, Der kybernetisch wirkungsvollste Punkt, a.a.O., 15.
10 Karl Pilsl, ... und er heilte sie alle, Röhrnbach 32004, 25.
11 H. Bauer, in: Karl Pilsl, ... und er heilte sie alle, a.a.O., 25.

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