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Materialdienst 4/2009
Michael Nüchtern

Abschied vom Sühnopfer?

Wider die fahrlässige Preisgabe einer Deutungskategorie für den Tod Jesu

Die Vorstellung, dass Jesus freiwillig und gern „sich von seinem Vater in Liebe ermorden lässt“ (Helga Kuhlmann), kann berechtigte Abwehr und Widerwillen auslösen. Die drastischen Blut- und Opferbilder in vielen Gesangsbuchliedern nicht nur des 17. und 18. Jahrhunderts sind vielen fremd geworden. Da mag es manchen wie eine Befreiung erscheinen, wenn Klaus-Peter Jörns1 einen „notwendigen Abschied“ von diesen Vorstellungen befiehlt.

Spätestens durch die Aufklärung und den theologischen Feminismus ist umstritten, ob eine vielfach auch ethisch missbrauchte Opferterminologie unumgänglich ist, um die Heilsbedeutung des Todes Christi zu fassen. Klaus-Peter Jörns fordert nicht aus ästhetischen, sondern vor allem aus ethischen Gründen einen radikalen Abschied von einer Sühnopfertheologie und -liturgie mit ihren blutigen Bildern („Lamm Gottes“, „Leib“, „Blut vergossen für uns“ u. a.): Blutige Gewalt dürfe nicht länger als gut und lebensnotwendig verklärt werden. Jörns verabschiedet mit den Worten und Bildern auch ihnen zugrunde liegende Sachverhalte. Statt Christi Leib und Blut müssten im Abendmahl die „Lebensgaben“ gefeiert werden: „Nehmt und esst das Brot des Lebens ... Nach dem Mahl nahm er den Kelch mit Wein, sprach das Dankgebet, gab ihnen den und sie tranken alle daraus“. So soll sich nach Jörns die neue, gereinigte Liturgie anhören, die die Menschen befreit und besser macht. Die Frage bleibt, ob in der Opfermetaphorik des Todes Jesu (z. B. Röm 3,25a) etwas Grundlegendes zu seiner Bedeutung verwahrt wird, was ohne diese Bilder verloren geht.

Begriffliche Präzisierungen

„Alle Opfer inszenieren die Grundtatsache des Lebens, dass Leben auf Kosten anderen Lebens lebt. Alle sagen in ihrer Symbolsprache: Das eine Leben muss geopfert werden, damit das andere davon Lebensgewinn hat“ (Gerd Theißen2). Gabe und Gegengabe sind in der Opferlogik nötig, damit der Strom des Lebens fließt.3 In die Bilder und in die Logik dieser Sprache wird – wie in andere Sprachbilder auch – die Bedeutung des Todes Jesu eingezeichnet; sind es im Neuen Testament mehr die Bilder, so ist es in der Theologiegeschichte (Anselm von Canterbury) auch die Logik: Jesu Tod bringt Lebensgewinn. Jesus erleidet sozusagen den Vernichtungszorn Gottes über Sünde und Bosheit der Menschen, die dadurch von diesem Vernichtungszorn frei werden.

Um den Sinn des Opfers Jesu zu verstehen, ist es wichtig zu bedenken, dass wir im Deutschen das Wort „Opfer“ in einer mindestens doppelten Bedeutung gebrauchen. Opfer als Selbsthingabe und Vergabe von Leben ist klar zu unterscheiden vom Opfer als Preisgabe eines andern zum eigenen Lebensgewinn.4 Das Englische kennt dafür die beiden Begriffe „sacrifice“ und „victim“. Jesu Tod ist „sacrifice“, also Selbsthingabe. Zum „victim“ wird er von Menschen gemacht, nicht von Gott, nicht um göttliche Rache- und Kompensationsbedürfnisse zu befriedigen. Deshalb heißt es in der Liturgie des Abendmahls, dass der Tod des Herrn verkündigt wird. Er ist das Lamm Gottes, nicht im Sinne des Opfertieres für Gott, sondern er ist das Opfer, das Gott selbst gibt für die Sünde der Welt. Dass das „Lamm“ als „Herr“ angerufen wird und um Erbarmen und Frieden gebeten wird, transzendiert freilich bereits die Logik der Opfertiervorstellung.

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Anmerkungen

1 Klaus-Peter Jörns, Lebensgaben Gottes feiern. Abschied vom Sühnopfermahl, Gütersloh 2007.
2 Gerd Theißen, Erleben und Verhalten der ersten Christen, Gütersloh 2007, 373.
3 Der Begriff des Opfers weitet sich fast zu einer Grundbeschreibung nicht nur religiöser Handlung aus, sondern von Handeln schlechthin. Fraglich wird dann umso mehr, ob es einen allgemeinen Begriff des Opfers gibt, der kultisches Opfer und Opfer irgendwelcher Gewalt, Dankopfer, Straßenverkehrsopfer, Gemeinschaftsopfer, Sühnopfer usw. umgreift.
4 Vgl. Michael Welker, Was geht vor beim Abendmahl? Stuttgart 1999; Sigrid Brandt, Opfer als Gedächtnis. Auf dem Weg zu einer befreienden Rede vom Opfer, Münster 2001.

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