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Materialdienst 4/2009
Pfingstbewegung

Abgrenzung und Brückenschlag. Vor 100 Jahren entstand die "Berliner Erklärung zur Pfingstbewegung"

(Letzter Bericht: 3/2008, 110ff) Es war eine Zeit der Erweckungen. In Wales kamen etwa 100000 Menschen zum Glauben, und auch in Norwegen gab es einen geistlichen Aufbruch, wie man ihn in Europa bis dahin nicht erlebt hatte. Menschen sprachen in Zungen, wirre Laute kamen aus ihren Mündern. Die Prediger zitterten am ganzen Körper, zuweilen fielen sie während ihrer Predigt einfach um. In zeitgenössischen Berichten war von Dämonenaustreibungen, Krankenheilungen, wilden Schreien und Visionen die Rede. Und immer mehr Menschen ließen sich von der neuen Glaubensströmung anstecken. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts breitete sich die Pfingstbewegung in Europa aus.

Auch im Deutschen Reich blickte man aufmerksam nach Wales und Norwegen. Vor allem im Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband und in den damals aufkommenden Freikirchen fanden sich Menschen, die sich von der neuen Glaubensströmung begeistern ließen. Heinrich Dallmeyer, Theodor Haarbeck und Ernst Modersohn, die damals führenden Pietisten, begrüßten die Erweckung. Lange schon war man frustriert über den geistlichen Zustand der Amtskirchen, lange schon hatte man für Erweckungen gebetet. Doch war die Pfingstbewegung das, was man ersehnt hatte? Hinter den Kulissen brodelte es. Unkoordinierte Gottesdienste voll wilder Ekstase war niemand gewohnt. Heilungen und Zungenreden passten nicht in das Schema herkömmlicher Frömmigkeit. Ähnliches geschah auf zwei Versammlungen, die zwei Norwegerinnen im Juli 1907 in Kassel abhielten. Sie zogen eine so große Menschenmenge an, dass schließlich die Polizei bat, die Gottesdienste zu beenden. Begeisterung schlug in Besorgnis um. Otto Schopf, einer der Väter der „Freien Evangelischen Gemeinden“, war einer der ersten, die vor der neuen Glaubensbewegung warnten. Ihm sollten viele andere folgen.

Während 1908 und 1909 in Hamburg und Mülheim drei Glaubenskonferenzen stattfanden, die als Keimzelle der Pfingstbewegung in Deutschland gelten können, trafen sich am 15. September 1909 60 Vertreter der Gemeinschaftsbewegung, aus Freikirchen und aus dem landeskirchlichen Raum im Berliner Hospiz St. Michael. Stundenlang berieten sie über die neue Bewegung. Schließlich verabschiedeten sie ein Papier, das im Bereich evangelikaler Gruppen, etwa der „Bekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium“, bis heute nahezu Bekenntnisrang hat. Doch die „Berliner Erklärung zur Pfingstbewegung“ ist in erster Linie ein Dokument der Abgrenzung. „Die sogenannte Pfingstbewegung ist nicht von oben, sondern von unten“, lautet der wohl schärfste Satz. „Es wirken in ihr Dämonen, welche, vom Satan mit List geleitet, Lüge und Wahrheit vermengen, um die Kinder Gottes zu verführen.“

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Benjamin Lassiwe, Berlin

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