publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 6/2009
Christian Ruch

Reinkarnationsglaube als Alternative?

Um den Glauben an ein Leben nach dem Tod ist es aus christlicher Perspektive nicht besonders gut bestellt. Befragungen des „Religionsmonitors“ der Bertelsmann-Stiftung ergaben, dass 2007 in Deutschland nur 41% der jungen Erwachsenen (18-29 Jahre) „sehr“ bzw. „ziemlich“ an eine jenseitige Existenzform glaubten, bei den 30- bis 39-Jährigen waren es sogar nur 27%, und bei den Deutschen, die älter als 40 Jahre sind, war es auch nur rund ein Drittel.1

Hätte man diejenigen, die die Frage nach einem Leben nach dem Tod bejahten, gefragt, wie sie sich diese Fortexistenz konkret vorstellen, wären die Ergebnisse wahrscheinlich noch beunruhigender. Denn schon Anfang der achtziger Jahre kam eine breit angelegte Befragung zu dem Ergebnis, dass der Glaube an Reinkarnation, also an die Wiedergeburt bzw. Seelenwanderung des Menschen, auch in christlichen Kreisen auf eine gewisse Akzeptanz stößt: Unter den Befragten erklärten 21% der Protestanten und 23% der Katholiken, dass sie an Reinkarnation glaubten, und unter den besonders eifrigen Kirchgängern beider Konfessionen (Gottesdienstbesuch mindestens einmal wöchentlich) waren es sogar 31%!2 Diese Werte dürften sich in der Zwischenzeit nicht verringert haben, eher im Gegenteil.

Die Kirchen müssen also davon ausgehen, dass der mit christlichen Vorstellungen nicht kompatible Reinkarnationsglaube in ihren Reihen zwar noch nicht mehrheitsfähig ist, aber einem nicht unerheblichen Teil der Gläubigen mehr einzuleuchten scheint als die christliche Auferstehung – wobei es angesichts des verheerenden katechetischen Wissensschwunds, der die Kirchen schon lange erfasst hat, interessant wäre herauszufinden, ob der Unterschied zwischen Auferstehung und Reinkarnation überhaupt noch bekannt ist. Dies dürfte schon deshalb eher nicht so sein, weil die Vorstellungen über die „Auferstehung der Toten“ wohl ziemlich diffus sind. Daran ändern übrigens auch gut besuchte Ostergottesdienste nichts.

Karma versus Kontingenz

Festzuhalten bleibt also: Der Glaube an die Reinkarnation ist auch im Christentum längst etabliert. Doch woran liegt das? Sicherlich ist es die starke Attraktivität des Buddhismus und Neo-Hinduismus, die zur Popularität dieser Idee beigetragen hat. Dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus ist der Kreislauf der Wiedergeburten absolut nichts Erstrebenswertes, sondern ein Übel, das es zu überwinden gilt. Eine positive Sicht der Reinkarnation im Sinne des Aufstiegs und Fortschritts der Seele ist eher Merkmal westlicher Lehren wie etwa der Theosophie und Anthroposophie3 sowie der postmodernen Esoterik.

In beiden Fällen ist der Glaube an eine Wiedergeburt meistens an die Idee des Karmas als unerbittliches Gesetz von Ursache und Wirkung gekoppelt. Das heißt, dass die „Qualität“ des Lebens maßgeblich von den Verdiensten bzw. Verfehlungen in den vorherigen Leben bestimmt wird. Unter westlichen Anhängern der Reinkarnationslehre ist der Glaube an ein scheinbar verlässliches und „gerechtes“ Karma vor allem ein Abwehrmechanismus gegen eine heutzutage permanente und damit stark überfordernde Kontingenz. Was ist damit gemeint? „Kontingenz“ ist der Schlüsselbegriff der soziologischen Analyse unserer Gegenwart geworden und spielt vor allem in der Systemtheorie des verstorbenen Soziologen Niklas Luhmann eine wichtige Rolle. Luhmann definierte Kontingenz als „etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“4 Begriffe wie „Schicksal“ oder „Zufall“ werden damit zu Chiffren für Kontingenz, und an diesem Punkt kommt die Religion ins Spiel. Dem Christentum gelang es nämlich durch das Konzept eines personalen Gottes die unbestimmte in eine bestimmbare Kontingenz zu transformieren. „Die Kontingenz und Selektiertheit der Welt selbst aus einer Vielzahl anderer Möglichkeiten wird akzeptierbar, weil in Gott zugleich die Garantie der Perfektion dieser Selektion liegt“, schrieb Luhmann. Kontingenz werde damit „erklärt und entschärft“.5

Dass damit jedoch neue Probleme auftauchen, liegt auf der Hand: Denn eine „Perfektion der Selektion“ Gottes anzunehmen, fällt schwer angesichts des mannigfachen und vor allem augenscheinlich ungerecht verteilten Leides in der Welt. Dieses auch als Theodizee-Problem bekannte Dilemma beschäftigt das Christentum besonders seit den verheerenden Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts. Wer nach den Ursachen für die heutigen Absetzbewegungen weg von der christlichen Auferstehung, hin zur Reinkarnation sucht, kommt an der Theodizee nicht vorbei. Dies hat jüngst wieder eine Untersuchung ergeben, die nun auch in Buchform vorliegt.6 Als sich im Internet so genannte „Ungläubige“ zu ihrer Motivation äußern konnten, stellte sich – wie die Autoren schreiben – „überraschenderweise“ heraus, dass die Theodizee-Frage „eine der am häufigsten genannten im untersuchten Material“ war, „um die Abwendung und Ablehnung von Gott zu begründen“.7 Es fallen dann Äußerungen wie „Gott kann es nicht geben, denn sonst würde er all das Leid nicht zulassen“8 oder „Sicher kann man durch Leiden lernen und wachsen, doch was soll man verdammt noch mal aus Folter oder Vergewaltigung ‚lernen’?“9. Natürlich lässt nicht nur das allgemeine Leid, das allabendlich von der „Tagesschau“ ins Wohnzimmer serviert wird, Menschen an Gott zweifeln und oft genug ver-zweifeln, sondern auch ganz persönliche Erfahrungen. „Gott ist mir nicht begegnet: sonst hätte ich nicht soviel in meinem (noch kurzen) Leben mitmachen müssen“, schrieb eine erst 15-Jährige.10

Das Christentum wird seinem Anspruch, eine menschenfreundliche Religion zu sein, natürlich nur gerecht, wenn es solche Einwände und Vorwürfe an die Adresse Gottes ernst nimmt. Dass dies durchaus geschieht, macht sich vor allem in der „Tendenz bemerkbar, das zu allen Zeiten bestehende, unsägliche Leiden der Kreatur nicht theologisch rechtfertigen zu wollen, sondern statt dessen die dunkle Ratlosigkeit dieser Frage auszuhalten und in die Klage und Trauer der Betroffenen einzustimmen. In ihrer Solidarität mit den Leidenden und mit den im Leben vom Tod Bedrohten wissen sich die Christen in Gemeinschaft mit Gott, der in Jesus Christus alles Widersinnige annehmend erlöst, ins Gute gewendet hat.“11

Das bedeutet nun gerade nicht, dass Gott wie eine Art Superheld immer dort sofort zur Stelle ist, wo wir Menschen sein Eingreifen gerne sehen würden. Der Blick darf sich nicht allein auf die Frage fokussieren, „welchen Sinn etwa ein einzelnes, kategorial-geschichtlich erfahrbares Ereignis im planerischen Denken Gottes haben könnte. Das jeweilige Einzelgeschehen entzieht sich vielmehr aufgrund seiner Mehrdeutigkeit der Möglichkeit, in seiner Bedeutung adäquat erfasst zu werden.“12

Das heißt nichts anderes, als dass der Bedeutung und dem Sinn einer Handlung Gottes – also Gottes Handeln generell – Kontingenz zugebilligt wird. „Ein sicheres Wissen um die Weise, wie Gott seine Schöpfung an ihr Ziel führt, lässt sich aus der Wahrnehmung konkreter Geschehnisse nicht gewinnen“, und Vorsehung kann deshalb nicht bedeuten, „Gott werde ‚im voraus’ zu einzelnen menschlichen Taten wirksam, sondern eher Gott trage ‚im nachhinein’ Sorge, dass die Folgen des menschlichen Tuns die Erfüllung seines Heilswillens nicht gefährden“. Oder um mit Augustinus zu sprechen: „Gott würde niemals die Existenz irgendeines Übels zulassen, wenn er nicht so mächtig und gut wäre, selbst aus dem Übel das Gute zu wirken. Er hat es für besser erachtet, aus den Übeln Gutes zu wirken, als keinerlei Übel zuzulassen“.13

Allein – solche Überlegungen scheinen die Menschen von heute nicht mehr zu erreichen. Sie lehnen die Kontingenz im Handeln Gottes ab und suchen stattdessen nach erkenn- und nachvollziehbaren Gesetzen hinter all dem unverständlichen Leid, dessen Zeuge man tagtäglich wird. Der Glaube an Karma und Wiedergeburt bietet ihnen eine scheinbar schlüssige Erklärung und damit eine elegante und attraktive Alternative zur Ratlosigkeit des Christentums. Nochmals: Kontingenz ist etwas, was nicht notwendig ist – und damit ist Kontingenz das genaue Gegenteil vom Karma als Gesetz der notwendigen Wirkung einer Ursache. Wo die Kontingenz sagt, dass auf die Ursache A die Wirkung B, C, D oder vielleicht sogar Z folgen kann, behauptet das Gesetz des Karmas: wenn Ursache A, dann notwendigerweise Wirkung B, sei dies nun im Negativen oder im Positiven. Im Karma findet also die Kontingenz, zumindest theoretisch, ihre Aufhebung. Ein solches Denken ist sozusagen „fein raus“, denn wie gesagt: Das Christentum muss sich mit dem Problem herumschlagen, dass ein angeblich allmächtiger und gnädiger Gott nichts gegen das Böse in der Welt zu unternehmen scheint, dass sich also die Frage stellt, wie allmächtig und gnädig er eigentlich ist.

Lesen Sie weiter im Materialdienst

Anmerkungen

1 Bertelsmann-Stiftung (Hg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007, 59, Grafik 2.
2 Angaben nach Richard Friedli, Zwischen Himmel und Hölle – Die Reinkarnation, Fribourg 1986, 23, 25.
3 Siehe dazu Joachim Müller (Hg.), Anthroposophie und Christentum. Eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung (Weltanschauungen im Gespräch 13), Fribourg 1995, v. a. 103ff.
4 Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a. M. 21991, 152.
5 Niklas Luhmann, Funktion der Religion, Frankfurt a. M. 41996, 131f.
6 Sebastian Murken (Hg.), Ohne Gott leben. Religionspsychologische Aspekte des „Unglaubens“, Marburg 2008.
7 Ebd., 42.
8 Äußerung eines 19-Jährigen, ebd., 47.
9 Frage einer 29-Jährigen, ebd., 53.
10 Ebd., 52.
11 Theodor Schneider (Hg.), Handbuch der Dogmatik, Bd. 1: Prolegomena, Gotteslehre, Schöpfungslehre, Christologie, Pneumatologie, Düsseldorf  22002, 219.
12 Ebd., 217.
13 Ebd., 217f.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!