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Materialdienst 6/2009
Jan Badewien

Aufgaben und Themen heutiger Apologetik

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Was ist Apologetik – und was will sie?

Apologetik bezeichnet die Verteidigung des christlichen Glaubens. Der Begriff leitet sich vom griechischen „apologeia“ ab, von der Verteidigungsrede vor Gericht. Christliche Schriftsteller und Theologen haben in der Situation der Verfolgung in den ersten Jahrhunderten solche Verteidigungsreden geschrieben, um ihre Lage im heidnischen Staat zu verbessern und um gegen Angriffe, die als Verleumdungen verstanden wurden (und es sicher auch oft waren), eine bessere Darstellung des eigenen Glaubens zu geben.

Solche „Verteidigung“ der Kirche mithilfe der Theologie bezieht sich gern auf einen Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief, der in vielen Abhandlungen zur christlichen Apologetik als biblischer Grundtext zitiert wird: „Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen“ (1. Petr 3,14-16). In diesen Versen sind viele Elemente der späteren Apologetik im Kern enthalten.

Von ihren Anfängen an geschieht apologetische Arbeit also auf der Grenze zwischen dem Innenraum der Kirche und einem vielfach gegliederten Außenbereich. Sie wirkt in unterschiedlichen Dimensionen in beide Richtungen, nach innen und nach außen, ohne ihre Stellung innerhalb der Kirche dabei zu verbergen oder gar aufzugeben.2

• So richtet sich Apologetik argumentativ nach außen gegen Gegner und ihre als falsch und unangemessen, als unwahr oder verzerrend empfundenen Sichtweisen von christlichem Glauben und kirchlichem Leben.

• Ein zweiter Aspekt von Apologetik ist ebenfalls nach außen gerichtet: Sie setzt sich mit anderen, nichtchristlichen Religionen auseinander. Waren es am Anfang das Judentum und die alte griechisch-römische Götterwelt, gegen die sich die junge Christenheit behaupten musste, so kam sehr schnell die Konfrontation mit der Gnosis hinzu, dann mit dem Manichäismus und anderen Religionen aus dem persischen, kleinasiatischen und ägyptischen Raum. Je weiter sich das Christentum ausbreitete, desto mehr Religionen kamen in den Blick, die apologetisch bestritten wurden: polytheistische und animistische Glaubensrichtungen ebenso wie Formen der anderen Weltreligionen Ostasiens oder des Islam, der den Apologeten des Mittelalters lange als eine christliche Sekte galt. Apologetisches Reden war immer dann gefragt, wenn Begegnungen mit diesen anderen Religionen stattfanden – sei es an den Grenzen des bereits christianisierten Gebietes, sei es durch kriegerische Kontakte, durch Berichte von Reisenden oder durch Handelsbeziehungen (Seidenstraße!), denn auch damals wurden nicht nur Güter transportiert, sondern auch kulturelle und religiöse Ideen.

• Ein dritter Aspekt von Apologetik setzt sich mit vielen Ausprägungen der Religionskritik überhaupt auseinander: Dazu gehörte der Kampf gegen die Aufklärung mit ihrer Bestreitung der Gottesbeweise aufgrund rationaler Philosophie, die Auseinandersetzung mit dem Marxismus, der Psychoanalyse Freuds, der Evolutionslehre Darwins und mit dem Nationalsozialismus.

• Eigentlicher Kernpunkt der Apologetik durch die Jahrhunderte hindurch bis heute ist aber die Auseinandersetzung mit Häresien, Ketzern, Sekten und Irrlehren aller Art und Herkunft, vor allem aber solcher, die ihre Wurzeln im Christentum haben. Das führt in jene Tätigkeit, zu der die Evangelische Kirche in den zwanziger Jahren die „Apologetische Centrale“ begründet hatte, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Namen „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (EZW) neu begründet wurde. Die Beschäftigung mit diesen Gruppierungen, mit „Sehern, Grüblern, Enthusiasten“, um das berühmte Handbuch von Kurt Hutten zu zitieren3, der diese Arbeit lange Jahre verantwortet hat, war von Beginn an – und ist bis heute – das Kerngeschäft der neuen Apologetik in der EZW und in der Folge auch bei den landeskirchlichen Beauftragen. Denn spätestens mit dem Aufkommen der sog. Jugendsekten in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts haben die meisten Landeskirchen eigene Beauftragte berufen, die vor Ort beraten, informieren, orientieren konnten, die sich in der eigenen Region kundig machen und damit die Arbeit der EZW ergänzen konnten – und das bis heute tun.

Deutlich ist aber auch, dass dort, wo von Irrlehre die Rede ist, eine klare und deutliche Definition von richtiger Lehre („Orthodoxie“) vorhanden sein muss. Immer wieder wird z. B. in der Aussprache nach Vorträgen gefragt: Wer bestimmt denn, was richtige und falsche Lehre ist? Schließlich hat die evangelische Kirche weder Papst noch Lehramt, die hier klare Linien vorgeben könnten.

• Richten sich die bisher aufgeführten Aspekte der Apologetik schwerpunktmäßig nach außen, so ist schon deutlich geworden, dass Apologetik auch eine Zielrichtung nach innen, in die Kirche hinein hat. Denn die Abwehr von Angriffen, die Auseinandersetzung mit Seitenströmungen, mit atheistischen oder ideologischen Weltanschauungen, die Bereitstellung von Argumenten im Gespräch der Religionen untereinander – all das hat natürlich auch eine Bedeutung für die Menschen, die innerhalb von Kirche und christlichem Glauben ihre geistige und geistliche Heimat haben: Apologetische Tätigkeit dient ihnen als Orientierung, als Grundlegung, als Ausbildung von Fähigkeiten, den eigenen Glauben elementar zu verstehen und auszudrücken. So hat Apologetik nicht nur eine kämpferische Seite nach außen, sondern auch eine vergewissernde, eine seelsorgerliche und Seelen führende Aufgabe nach innen.

Das ist die Doppelstruktur von apologetischer Arbeit, und deshalb reicht es nie aus zu vermitteln, wie falsch und negativ die anderen sind, sondern es gilt, immer auch zu formulieren, was denn Theologie und Kirche von ihren eigenen Grundlagen, von Bibel und Bekenntnissen her, aufgrund ihrer eigenen Spiritualität und ihrer eigenen Lebensformen an Positivem, Sinnstiftendem und Orientierendem zu bieten haben. Wer z. B. über Reinkarnation spricht und eine Distanz aller Modelle von wiederholten Erdenleben zum biblisch begründeten christlichen Glauben formuliert, muss auch zugleich Auskunft geben über die christliche Hoffnung, die über den Tod hinaus trägt.

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Anmerkungen

1 Überarbeiteter Vortrag, der im Rahmen der berufsbegleitenden Fortbildung „Curriculum Religions- und Weltanschauungsfragen“ der EZW (16.-20.3.2009) in Berlin gehalten wurde.
2 Vgl. dazu Matthias Petzoldt / Michael Nüchtern / Reinhard Hempelmann, Beiträge zu einer christlichen Apologetik, EZW-Texte 148, Berlin 1999.
3 Kurt Hutten, Seher, Grübler, Enthusiasten. Das Buch der traditionellen Sekten und religiösen Sonderbewegungen, Stuttgart 1950 (151997).

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