publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 9/2001
Werner Thiede

Astrologie und kosmischer Christus

Wir alle sind Kinder des Himmels. Als christlicher Theologe bin ich von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt. Allerdings gibt es mehrere Möglichkeiten, ihn zu interpretieren. Das will ich in einem ersten Teil aufzeigen, um von daher zu erläutern, inwiefern Astrologie und kosmischer Christus thematisch zusammenhängen. In einem zweiten Teil werde ich den theosophischen Ursprung des Begriffs „kosmischer Christus“ beleuchten und die Folgen in der modernen Esoterik andeuten. Ein abschließender dritter Teil wird aufzeigen, wie theologisch angemessen vom „kosmischen Christus“ gesprochen werden kann und welche Konsequenzen sich daraus für astrologische Einstellungen ergeben.

1. Der Himmel über uns und der kosmische Christus

Den Satz „Wir sind alle Kinder des Himmels“ kann man zunächst rein naturwissenschaftlich verstehen. Im Sinne des bekannten Buchtitels von Hoimar von Ditfurths sind wir „Kinder des Weltalls“. Tatsächlich ist der Himmel über uns die Geburtsstätte unseres Planeten und das materielle und biologische Bedingungsfeld unserer Existenz. Ob dieser empirisch erfassbare Kosmos in der Perspektive quantenphysikalischer Interpretation auch für spirituelle Aspekte offen ist, lässt sich rein naturwissenschaftlich nicht sagen. Für manche Menschen bildet das Meer des Universums mit seinen Millionen von Galaxien ein letztlich sinn- und zielloses Getümmel von teils belebter, meistenteils aber unbelebter Materie. Andere erblicken in der Existenz und in der wunderbaren Art des Zusammenspiels der kosmischen Kräfte, die uns haben entstehen lassen, einen Gottesbeweis, bzw. sie glauben der Offenbarung Gottes, die nach Jesaja 45,12 lautet: „Ich bin’s, dessen Hände den Himmel ausgebreitet haben und der seinem ganzen Heer geboten hat.“

Von daher aber komme ich zur zweiten Verstehensweise meines Eingangssatzes. Mit dem Wort „Himmel“ kann bekanntlich nicht nur der materielle „sky“ mit allem, was dazugehört, gemeint sein, sondern auch der transzendente „heaven“. Das Vaterunser-Gebet beispielsweise lokalisiert Gott im „Himmel“. Alte Mythen und kleine Kinder können zwischen diesem und jenem Himmelsverständnis noch nicht unterscheiden. Manche Menschen und Weltanschauungen – etwa im Bereich der Ufologie – vermischen die Dimensionen dauerhaft. Die Vorstellung, dass Engel Flügel haben, also den Luftwiderstand wie Vögel nutzen, stammt aus solch naivem Denken, das erst überwunden wird, wenn man die Symbolhaftigkeit daran berücksichtigt. Nach der Lehre des christlichen Glaubens sind wir alle Kinder des Himmels, insofern wir gewollte Geschöpfe des Vaters Jesu Christi sind, der seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse und der über unsere vergängliche Welt den Regenbogen seiner Heilsverheißung gesetzt hat. Nur wissen nicht alle Menschen um diese Kindschaft. Dem Johannesevangelium zufolge muss man, um die Gotteskindschaft zu realisieren, „von oben“, also aus dem Himmel, aus dem Geist Gottes neu geboren werden.

Die Heilige Schrift der Christenheit kennt nun aber nicht nur den sichtbaren und daneben den transzendenten Himmel, der uns verborgen umgibt, sondern darüber hinaus den Gedanken eines neuen Himmels und einer neuen Erde (2. Petr 3). Diese Hoffnungsperspektive klingt beim Apostel Paulus an, wenn er schreibt, dass „die Kreatur wird frei werden von der Knechtschaft des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Im Grunde sind wir alle als Geschöpfe also auch Kinder des zukünftigen Himmels, der die vollendete Welt überspannen wird – jene Welt, in der „Gott alles in allem“ sein wird (1. Kor 15,28). In diesem Sinn impliziert der Satz, wir alle seien Kinder des Himmels, theologisch die zu erhoffende All-Erlösung. Möglich wird diese entdualisierte Hoffnung durch den vom Tod auferstandenen Jesus Christus, von dem es in einem urchristlichen Hymnus im 1. Kapitel des Kolosserbriefs heißt: „Es ist Gottes Wohlgefallen gewesen, daß in ihm alle Fülle wohnen sollte und alles durch ihn versöhnt würde mit Gott, es sei auf Erden oder im Himmel, dadurch daß er Frieden machte durch das Blut an seinem Kreuz.“ In Jesus Christus sieht der Kolosserbrief aber nicht nur die künftige Vollendung des Alls angelegt und garantiert, sondern es heißt schon zuvor: „In ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Reiche oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.“ Insofern kann man sagen: Alle drei Verständnisse des Satzes, dass wir Kinder des Himmels sind, vereinigen sich in dieser Vorstellung vom kosmischen Christus, wie sie der Kolosserbrief lehrt. 

Schließlich gibt es noch eine vierte Verstehensweise meiner Eingangsthese, und das ist die astrologische. Demnach wären wir alle Kinder des Himmels als des uns umgehenden Weltalls, das als solches im Sinne eines mehr oder weniger esoterischen Pantheismus aufgefasst wird. Gemäß eines alten hermetischen Grundaxioms gilt von allem: So unten wie oben – und umgekehrt. Unsere irdische Welt ist ein Spiegel der oberen, spirituellen; alles ist durchdrungen von Entsprechungen. Überhaupt gehören demnach oben und unten, also Mikro- und Makrokosmos, Erde und Himmel, Diesseits und Jenseits so zusammen, dass sie erst miteinander ein lebendiges Ganzes bilden. Im Vordergrund dieser Perspektive steht nicht die Unterscheidung von Schöpfer und Schöpfung, ja sie wird in diesem Denkzusammenhang sogar mitunter ausdrücklich geleugnet. Entscheidend nämlich ist die monistische Auffassung des Kosmos als eines Gesamtorganismus, der Göttliches und Nichtgöttliches gleichermaßen dynamisch umfasst. Gott wird hier in der Konsequenz weniger personal als vielmehr energetisch verstanden. Das All ist Ausdruck seiner ewigen Lebendigkeit, seines eigenen Pulsierens. In diesem Sinn versteht es sich dann gewissermaßen von selbst, dass aus den Konstellationen und Bahnen in der Gestirnwelt Charakter und Schicksal von Völkern und Einzelmenschen auf Erden ablesbar und in Gestalt von Horoskopen, und zwar vor allem mit Hilfe der Tierkreis-Symbolik, darstellbar sind.

Das Faszinosum des nächtlich zu beobachtenden Sternenhimmels mit der mathematisch exakten Berechenbarkeit seiner Lebendigkeit hat schon vor Jahrtausenden zu der Überzeugung geführt, dass dort oben Götter oder zumindest göttliche Gesetze mit ihren Auswirkungen auch für uns auf Erden erkennbar sind. Selbst Luthers Mitstreiter, der humanistisch erzogene Philipp Melanchthon hat dieses Denken bejaht. Und der Astronom Johannes Kepler hat auf seine Weise im Unterschied zu einer abergläubischen Astrologie daran festgehalten, dass die Erscheinungen des Kosmos weder in trügerischer Absicht von einem bösen Geist eingerichtet noch eine nur zufällige Gestaltung, sondern von Gott gesetzte Zeichen sind, die als solche etwas bei denen bewirken, die sie zu lesen verstehen. Noch heute meinen manche Christen, ja einzelne Theologen, Astrologie und christlichen Glauben auf einen Nenner bringen zu können: Sie betrachten das Geburtshoroskop als persönliches Meditations- und Andachtsbild, sehen in der Sterndeutung eine von vielen bewundernswerten Blumen, die Gott auf dem Feld der Religion blühen lässt, und finden ihre harmonistische Auffassung insbesondere durch die Vorstellung vom „kosmischen Christus“ bestärkt. Sie nivellieren dabei allerdings die Spannungen, die sich zwischen astrologischem und christlichem Himmels- und Wirklichkeitsverständnis konzeptionell auftun. Ähnlich wie Heranwachsende neigen sie dabei zu einer – nun allerdings eher bewussten – Vermischung von „sky“ und „heaven“, um eine andersartige Grundauffassung von Gott, Mensch und Welt zu konstituieren: Die Begriffe bleiben zwar dieselben, aber die dogmatischen Fixpunkte ändern sich im bereits anskizzierten Sinn, so dass es unter der Hand zu einem Paradigmenwechsel kommt.

Dass dabei die Begriffe oft dieselben bleiben, kommt der astrologischen Wirklichkeitsauffassung zugute. Hierin liegt ein wichtiger Grund für die Verwechselbarkeit christlichen Menschen- und Weltverständnisses mit esoterisch-hermetischem, so dass die in der Spätantike und in der Spätmoderne ausgebildeten Synkretismen als legitim erscheinen und in ihrer Problematik nicht durchschaut werden. Zu diesen innerlich ausgehöhlten und esoterisch neu gefüllten Begriffen christlicher Religiosität gehört bezeichnenderweise der des „kosmischen Christus“. Die Vorstellung ist wie gesagt biblisch. Es ist urchristliche Lehre, dass der Logos, in dem alles geschaffen ist, in Jesus Christus Mensch geworden ist, um alle und alles mit Gott zu versöhnen und schließlich zur Vollendung zu bringen. Der in diesem Sinn auf den Kosmos bezogene Christus wurde aber in der christlichen Tradition zu keinem Zeitpunkt wörtlich als der „kosmische Christus“ bezeichnet. Denn das Adjektiv „kosmisch“ neben Christus kann auch leicht pantheistisch missverstanden werden. Die christliche Auffassung, dass nichts ohne den Logos bestehen kann, bedeutet ja noch nicht, dass alles lebendiger Ausdruck des Logos selbst ist. Vielmehr ist der Zustand des Kosmos als eines wahrhaft göttlichen Abbilds und Ausdrucks im Neuen Testament als ein zukünftiger gedacht, als Gegenstand der Hoffnung anvisiert und insofern auf den universal wiederkommenden Christus bezogen.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!