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Materialdienst 12/2001
Anthroposophie

Die Wochenschrift "Das Goetheanum" und ihre Leser – Ergebnisse einer aktuellen Befragung

 “Der Durchschnittsleser des ‘Goetheanums’ ist 60 Jahre alt, hat die Zeitung seit 20 Jahren abonniert und ist Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft.” So lautet zusammenfassend das Ergebnis einer Leserbefragung, die die “Wochenschrift für Anthroposophie” im Jahr 2000 zu ihrem 80-jährigen Jubiläum unter ihren Lesern durchgeführt hat (vgl. im Folgenden: Das Goetheanum, Nr. 34 – 35/2001). Immerhin hatten sich 1058 Personen an dieser Aktion beteiligt. Daraus ergibt sich folgendes Bild: Die Gesamtauflage der Zeitschrift “Das Goetheanum”, die von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft herausgegeben wird, beläuft sich derzeit auf 10 427 Exemplare. Sie wird in 64 Länder verschickt. Die Wochenschrift wird nahezu vollständig über Abonnements verkauft, so dass – wie die Redaktion selbst einräumt – “kaum Begegnungsmöglichkeiten außerhalb des anthroposophischen Umkreises gegeben sind”. Bei neun von zehn Lesern handelt es sich um Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. Jeder zweite Leser gab an, “in einer anthroposophisch orientierten Einrichtung tätig zu sein”. Sieben von zehn lesen noch andere anthroposophische Zeitschriften, so etwa jeder dritte “Info3” und “Die Drei” bzw. fast jeder vierte die Fachzeitschrift für Waldorfpädagogik “Erziehungskunst”. “Es folgen auf dem Rang der Nebenzeitschriften mit mindestens zehn Prozent die ‘Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland’ (14 Prozent), ‘Die Christengemeinschaft’ (13 Prozent) und ‘Novalis’ (12 Prozent).” Auffällig viele Leser beklagen sich über den ihrer Ansicht nach “großen Umfang des Heftes”. Fast jeder dritte wünscht sich anstelle einer wöchentlichen eine 14-tägliche Erscheinungsweise.

Über die Linie der Zeitschrift heißt es in einem unter der Rubrik “Aphorismen” abgedruckten Kommentar: “Eine Zeitung bietet nichts Beliebiges an. Auch nicht ‘Das Goetheanum’. Als ‘Zeitschrift für Anthroposophie’ wird man von ihr beispielsweise keine pure Unterhaltung erwarten. Von den Menschen einer Generation hängt ab, wie Anthroposophie in der Zeit leben kann. Was die Menschen dafür bedürfen, darauf wird eine Zeitschrift für Anthroposophie achten. … Welche Bedürfnisse nun gegenüber einer solchen Zeitschrift als ‘Zeitschrift für Anthroposophie’ geäußert werden, davon wird abhängen, wie sich die Zeitschrift in die Öffentlichkeit stellt. Kommen diese Bedürfnisse von Menschen, die sich überwiegend der Anthroposophischen Gesellschaft als Mitglied angeschlossen haben, wird die Gestaltung der Zeitschrift entsprechend ausfallen. Würden sich mehr und mehr Menschen, die nicht Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft sind, mit der ‘Zeitschrift für Anthroposophie’ verbinden, würde sich ‘Das Goetheanum’ auch darauf entsprechend einstellen. Oder sind nicht doch die spirituellen Bedürfnisse eigentlich dieselben?”

Ein Blick zurück: Als zentrales Organ der anthroposophischen Bewegung wurde “Das Goetheanum” von Rudolf Steiner in der Schweiz gegründet. Die Erstausgabe erschien am 21. August 1921. Zu den eigentlichen Gründungsvätern des Periodikums zählen neben Steiner der Redakteur Willy Storrer (1895 –1939), der auch Geschäftsführer des Verlags am Goetheanum war, und der Jurist Roman Boos (1889-1952), der jedoch aus Krankheitsgründen frühzeitig aus der Redaktion ausscheiden musste.

Bereits im Mai 1921 hatte Steiner eine übernationale Wochenschrift für Anthroposophie geplant, “wohl auch deswegen, weil die Wochenzeitung ‘Dreigliederung des sozialen Organismus’ zu sehr auf deutsche Verhältnisse beschränkt und zu stark politisiert war” (Götz Deimann [Hg.], Die anthroposophischen Zeitschriften von 1903 bis 1985, Stuttgart 1987, 85).

In einer “Subskriptions-Einladung” des Verlags in Dornach hieß es zum Programm der neuen Zeitschrift: “Diese Wochenschrift soll den brennenden kulturellen und sozialen Fragen unserer Zeit gewidmet sein. Aus einer wirklichkeitsgemäßen Erfassung dieser Fragen sollen in kultureller, politischer und wirtschaftlich-sozialer Hinsicht Richtungen und Wege gewiesen werden zu einer Überwindung der Niedergangs- und Zerstörungskräfte der Gegenwart. Die Substanz eines neuen, auf sich selbst gestellten Geisteslebens soll in den Blättern dieser Wochenschrift deutlichen Ausdruck finden. Und es soll an Lebenstatsachen erwiesen werden, wie nur ein solches neues freies Geistesleben die wahren Befruchtungskräfte geben kann für eine auf assoziativen Zusammenhängen beruhende Weltwirtschaft” (zit. nach ebd., 87). Mit einer Startauflage von 25 000 Exemplaren sollte das Blatt nach Steiners ausdrücklichem Wunsch keinerlei Politik im üblichen Sinn enthalten, da er jegliche Politik von der anthroposophischen Bewegung fernhalten wollte. Die redaktionelle Verantwortung hatten er und der Schweizer Dichter Albert Steffen (1884 –1963) übernommen. In den Jahren von 1923 bis 1925 widmeten sich die einzelnen Ausgaben fast ausschließlich der Person und dem Werk Steiners. Nach dessen Tod im Jahre 1925 musste das Blatt eine neue Form finden. Bislang unveröffentlichte Nachschriften der Vorträge und Vortragszyklen Steiners kamen zum Erstabdruck. “Berichte über öffentliche Aktivitäten” suchte man in jenen Jahren allerdings vergeblich (ebd., 19).

Die Titelgestaltung der Zeitschrift, die auf einem Entwurf Steiners beruht, wurde bis heute beibehalten. Nur der Untertitel hat sich im Lauf der Jahre verändert: Aus der “Internationalen Wochenschrift für Anthroposophie und Dreigliederung” wurde am 7. Mai 1933 die “Wochenschrift für Anthroposophie und Dreigliederung”. Am 20. Oktober 1935, in dem Jahr, in dem die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland von den Nationalsozialisten verboten wurde, änderte sich,  “wohl aus Gründen der Rücksichtnahme”, der Titel ein zweites Mal. Das Blatt hieß jetzt: “Wochenschrift für Anthroposophie”.

Die Zeitschrift “Das Goetheanum” trägt den gleichen Namen wie die “Freie Hochschule für Geisteswissenschaft”, die in der Anthroposophischen Gesellschaft beheimatet ist und das Ziel verfolgt, “die Forschung auf geistigem Gebiet zu betreiben”. Paul Mackay vom Herausgeberkreis erläutert in der Jubiläumsausgabe des “Goetheanum” (Nr. 34 –35/2001, 598) die enge Verbindung: “Hier wird ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Tätigkeiten der Hochschule, der Anthroposophischen Gesellschaft und der Wochenschrift ‘Das Goetheanum’ sichtbar. Nur aus diesem Zusammenhang heraus kann nachvollzogen werden, daß die Wochenschrift von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft herausgegeben wird und den Namen ‘Das Goetheanum’ trägt.”

Matthias Pöhlmann

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