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Materialdienst 12/2001
Buddhismus

Sôka Gakkai – Tag des Offenen Denkmals

Aus Anlass des bundesweiten Tages des Offenen Denkmals öffnete auch das (unter Denkmalschutz stehende) Kulturzentrum “Villa Sachsen” der Sôka Gakkai International – Deutschland (SGI-D) in Bingen am Rhein am 9. September 2001 wieder seine Türen, um die Bingener, aber auch zum Bingener Weinfest angereiste Menschen willkommen zu heißen. Es wurden, wie jedes Jahr, ca. 1000 Menschen erwartet, das unbeständige Wetter reduzierte den Besucherstrom allerdings auf wenige Hunderte, die sich an den verschiedenen Orten und mit den unterschiedlichen Angeboten bzw. mit SG-Mitgliedern unterhielten. Ein Jazz-Trio aus Saxophon, E-Gitarre und Schlagzeug eröffnete gegen 10 Uhr morgens das Programm. Im Laufe des Nachmittags wurde ein Kinderhaus eröffnet, Lesungen oberrheinischer Autoren und anderer Lyrik durch den Schauspieler Daniel Friedrich fanden statt. Der Tag wurde beschlossen durch Lesungen und Kostproben aus dem Roman und Musical “Der Glöckner von Notre Dame” – allgemein bekannt ist die Vorliebe, die Präsident Ikeda nicht nur für Goethe, sondern auch für Victor Hugo hegt, dem die SG in Zusammenarbeit mit der Stadt Bingen im Sommer eine Ausstellung widmete.

Die Villa Sachsen, ein 1844 entstandenes Weingut am malerischen linksrheinischen Hang am südlichen Ortsausgang von Bingen, wurde 1995 von der SG erworben und nach erheblichen Renovierungsarbeiten im strengen Rahmen der Auflagen des Denkmalschutzes im Frühsommer 1997 eröffnet (vgl. MD 12/1998, 380 ff). Seitdem werden dort Veranstaltungen zu Friedensfragen und Kultur angeboten, außerdem wird der alte Weinkeller verpachtet. Bestandteil des Kaufvertrags war, dass die Tradition des renommierten Weinguts nicht völlig abgebrochen werden durfte, und so existiert hier nun das wohl weltweit einzige buddhistische Zentrum mit eigenem Weinkeller – einem Theravada-Mönch würden die Augen übergehen. Die Beziehungen zur Stadt Bingen und zur katholischen Gemeinde (die mit einer Kirche auf dem Hügel oberhalb der Villa Sachsen vertreten ist) scheinen positiv zu sein.

Das weitläufige Haus auf einem zur Hälfte bewaldeten Hang-Gelände ist mit mehreren “Andachtsräumen” zur Praxis des Gongyô ausgestattet, die regelmäßig auch am Tag des Offenen Denkmals genutzt wurden. Dort wird das Mantra Namu Myôhô Renge Kyô, die Titelzeile des Lotos-Sutra, gechantet, d. h. auf einer Tonhöhe wiederholt rezitiert. Teile des Anwesens werden als Unterkunftsräume knapp über Jugendherbergsniveau genutzt, für größere Aktivitäten müssen auch Hotels in der Stadt in Anspruch genommen werden. Verantwortlich sind Peter Kühn (Vorsitzender des e.V.) und Yoshi Matsuno (Leiter der Glaubensgemeinschaft), vor Ort agiert Kimiko Brummer in erster Linie für die Öffentlichkeitsarbeit. Weiteres führendes Mitglied der SGI-D ist Matthias Gröninger (Berlin). In Anbetracht der geringen Stärke der deutschen SG (ca. 2300 Mitglieder) stellt die Villa Sachsen eine außerordentliche Anstrengung dar; Großbritannien mit ca. 6000 Mitgliedern, Italien mit ca. 20 000 oder gar Brasilien mit 150 000 können mit ganz anderen Dimensionen und Handlungsspielräumen aufwarten. Die Mitgliedschaft wird an der Zahl der Gohonzon berechnet: ein kalligraphisches Mandala Ni-chirens, das als Verehrungsgegenstand altarartig in Haushalten und Andachtsräumen aufgestellt wird. Dies bedeutet, dass in Japan mit einem Gohonzon pro Haushalt (etwas mehr als 8 Mio.) ca. 2–3 Personen, in westlichen Ländern meist nur wenig mehr als eine zu zählen wären.

Die SG hat sich in den letzten Jahren in ihrem Institut für orientalische Philosophie an der Sôka Universität in Tokyo verstärkt auch der wissenschaftlichen Forschung am Lotos-Sutra gewidmet, das durch aufgefundene bislang unbekannte Handschriften in ein neues exegetisches Licht gerückt werden konnte. Der auf das Lotos-Sutra gestützte Teil des Mahayana-Buddhismus ist im Westen bisher wenig als eine der großen buddhistischen Traditionen wahrgenommen worden. Über den japanischen “Eiferer” Nichiren, den Gründungsvater der Nichirentradition, innerhalb derer sich die SG versteht, wurden im 13. Jahrhundert ein Todes- und ein Exilierungsurteil (in dieser Reihenfolge) gesprochen – sehr viel besser würde es ihm heute vielleicht auch nicht ergehen. Die SGI hat auch Kritiker, aber ihre allgemeinen Öffnungs- und Demokratisierungsprozesse, die Transparenz ihrer internen Diskussionen, mitunter im deutschen Organ “Forum” nachzulesen, und die durchgängige Offenheit, die mir am 9.9. in Bingen begegnete, hinterlassen einen positiven Eindruck.

Ulrich Dehn

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