publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 10/2001
Bernhard Grom

Macht der Glaube gesund?

Der Satz: “Bleib gesund” war wohl schon immer der Wunsch, den sich Menschen zu Geburtstagen und Jahresanfängen am häufigsten zugesprochen haben. Allerdings ist in den letzten zehn bis 15 Jahren Gesundheit über alles bisher gewohnte Maß hinaus zu einem absoluten Höchstwert aufgerückt. Diese Gesundheitswelle hat nicht nur die Ansprüche und Kosten explodieren lassen, sondern auch neue Erwartungen gegenüber dem gelebten christlichen Glauben geweckt – gegenüber christlicher Spiritualität. Der Begriff “Spiritualität” ersetzt ja im kirchlichen Bereich seit etwa 40 Jahren mehr und mehr das etwas bieder gewordene Wort “Frömmigkeit”.

Von seiner ursprünglichen Bedeutung her meint Spiritualität “Leben aus dem Geist”, aus dem Pneuma Jesu – wie es Gal 5,25 ausdrückt: “Wenn wir im Geiste leben, so laßt uns auch im Geiste wandeln.” Oder Röm 12,11: “Laßt euch im Geist entflammen und dient dem Herrn.”

Das Stichwort “Spiritualität” steht heute vor allem für den dringenden Wunsch nach einem Glauben, der nicht nur objektiv und für alle richtig formuliert, sondern auch subjektiv erlebbar ist: “Heil” mit Leib und Seele – Heil in der ganzen Vielfalt der Temperamente und Biographien. Da schwingt auch jenes Bedürfnis nach wohltuenden und intensiven Erfahrungen mit, die heute viele Menschen in ihrer durchrationalisierten Berufswelt zu vermissen scheinen, kurz: “Erfahrungshunger”. Im neureligiösen und esoterischen Sprachgebrauch wird der Ausdruck “Spiritualität” allgemeiner und ziemlich inflationär verwendet. Da bezeichnet er jede Art von aktiver Bewusstseinsentwicklung, die über ein mechanistisches Verständnis von Mensch und Kosmos hinausgeht und übermaterielle Werte und Kräfte berücksichtigt. Dies können Meditationserfahrungen sein, in denen man sich – östlich – seines Höheren Selbst und des Göttlichen Brahman, das man angeblich ist, bewusst werden will, oder Verfahren, durch die man sich den feinstofflichen Energien öffnen möchte, in die sich das Göttliche herabverdichten soll.
In der außerkirchlichen Spiritualität hat die Gesundheitswelle die Nachfrage nach körperlicher und seelischer Heilung gesteigert – so sehr, dass Esoterik heute vor allem als Anbieterin auf dem Gesundheits- und Psychomarkt in Erscheinung tritt. Nach einer Marketing-Umfrage steht bei potentiellen Lesern esoterischer Literatur der Wunsch nach alternativer Medizin und psychologischer Lebenshilfe an erster, der nach Grenzwissenschaften und östlicher Weisheit aber erst an drittletzter Stelle. Das Angebot ist vielfältig, und das Vertrauen in unkonventionelle Verfahren sowie die Bereitschaft, dafür Geld auszugeben, sind in den letzten Jahren auch enorm gewachsen. So meinten 1996 53% der Deutschen, “daß die sogenannten ganzheitlichen Heilmethoden wie z. B. Ayurveda oder die Bach-Blütentherapie, echte Alternativen zur Schulmedizin bieten können”, und 41% erklärten, “daß manche Menschen heilende Fähigkeiten besitzen, also z. B. durch Besprechen, Beschwören oder Handauflegen bestimmte Krankheiten heilen können” (Focus 14/1996, 199, 201). Volkshochschulen und auch kirchliche Erwachsenenbildung können sich eines regen Zuspruchs sicher sein, wenn sie auf diesen Trend eingehen. Sollen wir dies tun?

Die neue Gesundheitseuphorie und die esoterische Spiritualität fordern die christliche Spiritualität heraus: “Wie hältst du’s mit Heilung und Wellness?” Die Praktische Theologie und Pastoralpsychologie antworten vielleicht, dass sie seit Jahren den engen Zusammenhang von “Heil, Heiligung und Heilung” betonen und eine “heilende Seelsorge” wollen (Baumgartner, 1992). Der Leitbegriff “heilende Seelsorge” ist m. E. berechtigt, sofern er das ganzmenschliche “Leben in Fülle” (Joh 10,10) ausdrücken will, das Jesus verheißt. Aber “heilt” Seelsorge Schlaganfallpatienten und Schizophreniekranke? In der deutschen Sprache besteht zwischen “Heil”, “heilig” und “heilen” ein enger Zusammenhang, den weder das Bibelgriechisch noch die romanischen Sprachen kennen und der uns Theologen hierzulande leicht zu einer vollmundigen Heilungsrhetorik verführt. Andererseits ist Jesu Verkündigung untrennbar mit seinen Krankenheilungen verknüpft, und auch seinen Glaubensboten hat er aufgetragen: “Heilt Kranke, erweckt Tote” (Mt 10,8; Lk 9,2; 10,9; Mk 16,18). Wie sollen wir das heute deuten, ohne der biblischen Hoffnung untreu zu werden, aber auch ohne die Wirklichkeit zu verkennen, wie sie uns eine Biologie und Medizin zeigen, die die biblischen Autoren noch nicht kannten? Sollen wir den Heilungsauftrag so verstehen wie die “Christliche Wissenschaft” und das “Positive Denken” nach Joseph Murphy – für die die Kraft des Glaubens entscheidend ist? Oder so wie die schätzungsweise 6000 bis 7000 deutschen Geistheiler, die im Dachverband “Geistiges Heilen” organisiert sind und als Partner der Ärzteschaft und nicht als deren Konkurrenten auftreten, d. h. medizinische Maßnahmen ergänzen und unterstützen wollen und darum Patienten nicht von Arztbesuch und Medikamenteinnahme abhalten? Oder sollen wir wie jene vorgehen, die sich nicht an diesen Verhaltenscode halten? Sollen wir wie die christlichen Heilungsbewegungen und charismatischen Gebetsgruppen Gott um Heilung bitten und Kranken die Hände auflegen, uns aber an die Empfehlungen von Walter Hollenweger halten und keine Heilung versprechen und sie auch nicht an Bedingungen wie Buße und festen Glauben knüpfen? Oder folgen wir am besten der modernen Krankenhausseelsorge, die arbeitsteilig der Medizin und Pflege die körperliche Gesundung bzw. der Psychiatrie die psychische Heilung überlässt und sich um die glaubensgestützte Verarbeitung der Krankheitssituation kümmert, vor allem durch das persönliche Gespräch und den üblichen Gottesdienst, u. U. aber auch durch spezielle Gottesdienste für Kranke und die Krankensalbung?

Pauschale Antworten sind problematisch. Prüfen wir darum sorgfältig, was spirituelle Ansätze – seien sie esoterisch oder christlich – leisten können und wo ihre Grenzen liegen. Was bewirken sie erstens im Hinblick auf körperliche und zweitens auf seelische Heilung und Gesundheit?

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!