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Materialdienst 2/2012
Jan Badewien

Apologie als Aufgabe der Theologie

Michael Nüchtern als Apologet

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„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen.“ Von Anbeginn an war dieses Wort aus 1. Petr 3,15 eine Grundformel für apologetische Theologie.2 Auch Michael Nüchtern hat sich darauf berufen. Apologetik ist also zu allererst antwortende Theologie, die Menschen Hilfestellung gibt, die nach Orientierung fragen und ein Ziel für ihr Leben suchen. In einem kleinen Aufsatz mit Thesen zur apologetischen Theologie definiert Nüchtern „apologetische Theologie als Darstellung des Christlichen im Gegenüber zu anderen Lebens- und Weltverständnissen“3.

Als solch antwortender Theologe betrieb Michael Nüchtern seine Apologetik. Er war nicht kämpferisch, nicht polemisch und vermied Abwertungen Andersglaubender. Aber er war klar in seinem Urteil und in seiner Diagnose der Entwicklungen. Er hat die religiös-weltanschaulichen Strömungen der Gegenwart beobachtet, zuerst als Landeskirchlicher Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Baden. Im Rahmen einer Umstrukturierung kam dieser recht diffuse Arbeitsbereich der Beschäftigung mit religiösen Strömungen neben den Kirchen zu seinen schon zuvor vielfältigen Aufgaben an der Akademie hinzu – mit allem, was man gerne als den Markt der religiösen und weltanschaulichen Möglichkeiten bezeichnet: mit sogenannten Sekten, fremdreligiösen Gemeinschaften, mehr oder weniger dubiosen Heilern und Gurus, mit Esoterik, Okkultismus und Magie. Dabei geht es einerseits um Informationen in die Kirche hinein, aber auch um die Beratung von Einzelpersonen, Institutionen aus den Bereichen Politik, Recht, Wirtschaft. Und es geht um die großen Grundsatzfragen nach der Rolle der Religion (der christlichen vor allem) in unserer Gesellschaft – Fragen, die wiederum in Akademieveranstaltungen Raum finden konnten.

1995 wurde Michael Nüchtern zum Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) berufen. Die Themen der apologetischen Theologie haben ihn seither nie verlassen – als Oberkirchenrat in Karlsruhe seit 1998 trug er die Verantwortung für die apologetische Arbeit in der Landeskirche. Dabei verlor er nie die beiden Richtungen einer verantwortungsvollen Apologetik aus den Augen, die miteinander korrespondieren, die aber zu unterscheiden sind: die Blickrichtung nach außen im Dialog und auch in der Abgrenzung im Verhältnis zu Gruppierungen und Gemeinschaften neben den Kirchen, und den Blick nach innen mit Fragen, welche Konsequenzen, welche Probleme und welche Chancen sich aus den neuen Entwicklungen für die eigene Kirche und die Gemeinschaft der Ökumene ergeben, wie dadurch die Kirche herausgefordert und schließlich gestärkt und gefestigt werden könnte.

Michael Nüchtern hat seine Überlegungen zu einer zeitgemäßen, angemessenen apologetischen Theologie in vielen Aufsätzen im Materialdienst der EZW und in EZW-Texten, aber auch in mehreren Büchern niedergelegt. Ich erinnere vor allem an sein Buch „Kirche in Konkurrenz“ (1997), das Aufsätze aus den 1990er Jahren enthält, die Nüchtern vor allem während seiner Zeit als Leiter der EZW gehalten hat. Mit dem Untertitel „Herausforderungen und Chancen in der religiösen Landschaft“ hat er gezeigt, dass er die Auseinandersetzung mit denen aufnimmt, die diese religiöse Landschaft bevölkern. Ich erinnere an das von ihm verantwortete Kapitel im Sammelband „Panorama der neuen Religiosität“, in dem er sich mit der „Weihe des Profanen – Formen säkularer Religiosität“4 auseinandersetzt. Auch in diesem Teil des Grundlagenwerks geht es um die Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlichen Trend: mit einer Haltung, die eine unbestimmte Spiritualität bejaht, aber dabei die säkulare, areligiöse Grundhaltung aufrechterhält.

Auch nach der Übernahme der neuen Aufgaben in Karlsruhe hat Michael Nüchtern sich immer wieder im apologetischen Diskurs zu Wort gemeldet, vor allem mit grundsätzlichen Aufsätzen und Vorträgen.

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Anmerkungen

1 Vortrag auf dem Symposium „Die Kirche der Freiheit evangelisch gestalten – Michael Nüchterns Beiträge zur Praktischen Theologie“ am 19.10.2011 in Heidelberg.
2 Vgl. Michael Nüchtern, Apologetik ist nötig, in: Matthias Petzoldt / Michael Nüchtern / Reinhard Hempelmann, Beiträge zu einer christlichen Apologetik, EZW Texte 148, Berlin 1999, 16.
3 Michael Nüchtern, Kirche in Konkurrenz. Herausforderungen und Chancen in der religiösen Landschaft, Stuttgart 1997, 93-98, hier 93.
4 Reinhard Hempelmann u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, darin 23-95.

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