publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 2/2012
Horst Georg Pöhlmann

Buddhismus und Christentum

Chancen und Grenzen der Verständigung

Während dreier Gastprofessuren in Indien hatte ich die Gelegenheit, mit bekannten buddhistischen Theologen in Indien und Sri Lanka zu sprechen.1 Ich möchte von diesen Dialogen berichten. Es waren Dialoge mit Mönchen des Theravada-Buddhismus, des ältesten und Ur-Buddhismus (Hinayana). 

Kommt alles Leid aus dem selbstsüchtigen Begehren?

Konstante in den Variablen aller meiner Dialoge mit buddhistischen Theologen war die Grundeinsicht Buddhas: Ursache alles Übels und Leidens (Dukkha) ist das selbstsüchtige Wünschen und Begehren des Menschen, sein „Durst“ (Tanha). Nur wenn diese Ursache beseitigt wird, werden auch das Leiden und das Übel beseitigt.2 Nur wenn die Gier, alles an sich zu reißen, aus der alles Unglück kommt, überwunden wird, wird der Mensch wieder glücklich. Das selbstsüchtige Begehren wurzelt nach Meinung meiner Gesprächspartner im Selbst (Atman) des Menschen, das ständig „I“, „my“, „Ego“ sagt, das der Buddhismus – ganz im Unterschied zum Hinduismus – verneint. Zielwert des Buddhismus ist daher das „Nicht-Selbst“ oder Anatta, die Selbstlosigkeit, die Liebe, die sich selbst aufgibt.

Dieses Menschenbild steht im schroffen Widerspruch zu dem westlich-christlichen Menschenbild, das auf Selbstfindung und Selbstverwirklichung abzielt. Doch in der Bibel suchen wir vergeblich so etwas wie eine Selbstfindung und Selbstverwirklichung. Wir finden in ihr eher das buddhistische „Nicht-Selbst“, wenn Paulus von der Liebe sagt: „Sie sucht nicht sich selbst“ (1. Kor 13,5) oder wenn nach ihm der Christ sein Selbst preisgibt, damit Christus sein neues Selbst werden kann: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Hat nicht auch Jesus wie Buddha seine Jünger aufgefordert, sich selbst zu verleugnen? „Denn wer sein Selbst retten will, wird es verlieren, wer aber sein Selbst ... verliert, wird es gewinnen“ (Matth 16,24f). Sicher soll in christlicher Sicht der Mensch sein Selbst gewinnen, indem er es aufgibt. Welches neue Selbst der Mensch gewinnt, wenn er es preisgibt, deutet Paulus an. Die Mystikerin Therese von Lisieux treibt diesen Gedanken weiter, wenn sie von ihrer ersten Kommunion schreibt: „Therese war verschwunden, wie sich ein Wassertropfen im weiten Ozean verliert – Jesus allein war zurückgeblieben.“3 Wir sind nicht so wichtig. Wir haben aus der Selbstverwirklichung ein goldenes Kalb gemacht. Der Buddhismus kann uns hier einen Spiegel vorhalten.

Das gilt auch von der Begierde. Auch hier kann der Buddhismus uns Christen an eine vergessene Wahrheit unserer Religion erinnern. Auch in der Bibel ist die Begierde – ähnlich wie im Buddhismus – eine Grundsünde (Röm 7,7; Gal 5,24). Zweimal finden wir in unseren Zehn Geboten das Verbot „Du sollst nicht begehren“ (2. Mose 20,17). Was im Jakobusbrief steht, könnte auch Buddha gesagt haben: „Jeder wird von seiner eigenen Begierde, die ihn lockt und fängt, in Versuchung geführt. Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor“ (Jak 1,14f). „Wo Begierde und Ehrgeiz herrschen, da ist Unordnung und böse Taten jeder Art“ (Jak 3,16). Unsere westliche Egogesellschaft geht an ihrer Habgier, immer mehr haben und immer mehr sein zu wollen, zugrunde – wie wir alle wissen. Nur die Bescheidung und Selbstlosigkeit können uns noch retten. Die lächelnden buddhistischen Mönche, die nichts haben und nichts sein wollen, können uns hier Vorbild sein.

Die Welt, ein Wirbelstrom der Impermanenz oder Schöpfung?

In vielen Dialogen mit buddhistischen Theologen wurde immer wieder betont: Alles ist „impermanent“, alles ist im Fluss. Man kann sich an nichts festklammern, sowenig wie man sich an einer Wasserwelle festhalten kann. Die Gier, die nach etwas greift, greift ins Leere. Die Begierde, die nach Buddha Wurzel alles Leides ist, greift nach etwas, das es gar nicht gibt, und spielt so absurdes Theater. Alles ist vergänglich; wer sich ans Vergängliche hält, der vergeht.4

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Vgl. Horst Georg Pöhlmann, Begegnungen mit dem Buddhismus, Frankfurt a. M. 22005.
2 Vgl. die erste Predigt Buddhas, in: Reden des Buddha, Stuttgart 1996 (Nachdruck), 32ff; Edward Conze, Der Buddhismus, Stuttgart 51974, 39f; Walpola Sri Rahula, What the Buddha Taught, New York 1978, 16ff, 29ff, 35ff.
3 Therese von Lisieux, Geschichte einer Seele, Kirnach-Villingen 1938, 55.
4 Vgl. Horst Georg Pöhlmann, Begegnungen mit dem Buddhismus, a.a.O., 21, 57, 70, 103, 123.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!