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Materialdienst 1/2012
Lars Frühsorge

Der Maya-Kalender, das Jahr 2012 und was die Esoterik daraus macht

Seit etwa zwei Jahren häufen sich Berichte über eine vermeintliche apokalyptische Prophezeiung der Maya, die mit dem angeblichen Ende ihres Kalenders am 21. Dezember 2012 in Zusammenhang stehen soll. Mit Hunderten von Büchern, CDs und DVDs sowie Millionen von Internetseiten ist das „Phänomen 2012“ heute nicht nur ein erheblicher Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Spiegel der internationalen esoterischen Szene. Dabei sind zwei gegensätzliche Strömungen zu beobachten: einerseits Weltuntergangsprophezeiungen, andererseits die positive Erwartung eines neuen Zeitalters. Diese Unterteilung ist aber eher theoretischer Natur, denn viele Prophezeiungen verbinden die Verheißung einer besseren Zukunft mit düsteren Voraussagen für alle „Ungläubigen“. So vielfältig diese Werke auch sein mögen, bei einer näheren Betrachtung der zugrunde liegenden Quellen zeigt sich schnell, dass keine derartige Voraussage überliefert ist und dass auch von einem Ende des Kalenders im Jahr 2012 keine Rede sein kann.

Der Maya-Kalender

Die Kultur der Maya entwickelte sich in einem Gebiet, das von der Halbinsel Yukatán im heutigen Mexiko über Guatemala und Belize bis nach El Salvador und Honduras reichte. Bis heute leben in dieser Region über 6 Millionen Maya, die sich in rund 30 verschiedene Sprachgruppen aufteilen. Allgemein wird die sogenannte klassische Periode (ca. 250 bis 900 n. Chr.) als die Blütezeit der Mayakultur bezeichnet. Ihr Gebiet war in Dutzende Stadtstaaten unterteilt, die von göttlichen Herrschern regiert wurden. Diese hatten als Hohepriester die Aufgabe, zwischen der Welt der Menschen und der Götter zu vermitteln. Von den Taten der Herrscher berichten nicht nur die Inschriften, sondern auch die monumentalen Pyramiden, die unser Bild der Maya bis heute prägen. Die Maya stellten auch umfangreiche astronomische Beobachtungen an und verfügten über eine Reihe von Kalendern. Besondere Bedeutung hatte ein Ritualkalender von 260 Tagen, ein Sonnenkalender von 365 Tagen und die sogenannte „Lange Zählung“.

Der Ritualkalender (Tzolk’in) setzte sich aus 20 aufeinanderfolgenden Tageszeichen zusammen, die mit den Zahlen 1 bis 13 kombiniert wurden. So folgte auf den Tag 1 Imix der Tag 2 Ik‘ usw. In dieser Zählung wurde ein bestimmtes Datum genau alle 260 Tage wiederholt. Der Kalender diente zur Schicksalsbestimmung von Neugeborenen und für Weissagungen aller Art. So war jeder Tag mit einer bestimmten Gottheit verbunden und galt dementsprechend als günstig oder ungünstig für die Aussaat, für Krieg, Handel und Reisen. Es gab aber auch explizit schlechte Tage, die mit Krankheit und schwarzer Magie assoziiert waren. Der Sonnenkalender (Haab) entspricht eher unserer Vorstellung eines Jahres. Er setzt sich aus 18 Monaten zu je 20 Tagen zusammen. Hinzu kam am Jahresende eine Zeitspanne von fünf Tagen, die als leere Zeit oder Unglückstage galten, an denen man alle wichtigen Aktivitäten ruhen ließ. Durch die Kombination von Ritual- und Sonnenkalender entstand ein Datumspaar, das sich alle 52 Jahre wiederholte. Dieser Zeitraum hatte für die Maya eine ähnliche Bedeutung wie für uns ein Jahrhundert. Die Berechnung solcher wiederkehrenden Kalenderdaten spielte eine große Rolle in den Inschriften der Maya. Auf diese Weise konnten die Maya-Könige ihre eigenen Taten mit ähnlichen historischen Ereignissen in Verbindung bringen und sich so als Teil einer kosmischen Ordnung präsentieren. Bisweilen wurden auch Bezüge zur Zukunft hergestellt. Diese „Prophezeiungen“ waren aber meist rein kalendarischer Natur, in etwa so, wie wir heute schon berechnen können, dass der 24. Dezember 2099 auf einen Donnerstag fallen wird.

Im Kontrast zu den wiederkehrenden Daten des Ritual- und des Sonnenkalenders kannten die Maya noch eine absolute Datierung, die „Lange Zählung“. Dabei wurde die Zeit seit der Entstehung unserer Welt (für die Maya im Jahr 3114 v. Chr.) gezählt. Ein solches Datum wurde in aufsteigenden Einheiten von Tagen (K’in), „Monaten“ von 20 Tagen (Winal), Jahren (Tun) sowie Einheiten von 20 Jahren (K’atun) und 400 Jahren (B‘aktun) berechnet. Beispielsweise entspricht der 24. Dezember 2011 in der Langen Zählung dem Datum 12.19.18.17.17, weil seit dem Nulldatum 12x400 Jahre + 19x20 Jahre + 18 Jahre + 17 Monate und 17 Tage vergangen sind. Jede dieser Einheiten hatte eine besondere religiöse Bedeutung. So wurde etwa der Beginn eines neuen K’atun oder B’aktun mit der Errichtung von Stelen dokumentiert und gefeiert.

2012 im Mayakalender

Ein solches rundes Datum wird auch der 21.12.2012 sein, der in der Langen Zählung dem Datum 13.0.0.0.0 entspricht, also dem Beginn einer neuen B’aktun-Periode. Das wäre in etwa mit dem Jahrtausendwechsel in unserer Kultur vergleichbar.

Dieses spezielle Datum 13.0.0.0.0 ist zudem von einer besonderen Bedeutung, weil wir es auch aus Inschriften kennen, die von der Erschaffung unserer Welt in grauer Vorzeit berichten.

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