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Materialdienst 1/2012

Konfessionslosigkeit

Ein gutes Drittel aller Deutschen gehört keiner Religionsgemeinschaft an. Für sie ist in der Soziologie die Bezeichnung „Konfessionslose“ gebräuchlich geworden. Konfessionslosigkeit meinte ursprünglich die Nichtzugehörigkeit zu einer christlichen Kirche. Im Zuge der religiösen Pluralisierung wird damit meist allgemein die Nichtzugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft bezeichnet. Der Begriff Konfession (von lat. confessio: „Bekenntnis“) hat sich seit dem 19. Jahrhundert als Bezeichnung für die unterschiedlichen christlichen Kirchen herausgebildet (zunächst vor allem evangelisch, katholisch und reformiert). Im Blick auf die Kirchenzugehörigkeit ist Deutschland – auch regional – annähernd gedrittelt: Ein Drittel der Bevölkerung ist katholisch (31,09 Prozent, überwiegend im Westen und Süden Deutschlands), ein Drittel evangelisch (30,17 Prozent) und ein Drittel konfessionslos (29,23 Prozent, vor allem im Osten, Zahlen: REMID 2009).

Da Konfessionslosigkeit sich dadurch auszeichnet, dass etwas nicht besteht, nämlich die Kirchen- bzw. Religionszugehörigkeit (negative Bestimmung), ist es schwer, darüber hinaus Aussagen zu treffen, die die disparate Gruppe der Konfessionslosen eint (positive Bestimmung). Gut untersucht ist das Verhältnis der Konfessionslosen zu Kirche und Religion. Darüber hinaus lassen sich offenbar kaum Spezifika im Lebensstil und bei den Werten der Konfessionslosen ausmachen, die sie von Menschen mit Religionszugehörigkeit charakteristisch unterscheiden würden. Vor allem die Religions- und Kirchensoziologie hat sich bisher mit den Konfessionslosen beschäftigt. In den von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Auftrag gegebenen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen (KMU) werden seit der ersten Untersuchung 1972 auch Konfessionslose befragt. Wenn nicht anders angegeben, stammen die im Folgenden genannten Zahlen aus der vierten KMU von 2002. Dabei zeigen sich nach wie vor erhebliche Unterschiede zwischen den Gebieten der alten Bundesrepublik und der ehemaligen DDR. Deshalb werden für West- und Ostdeutschland meist getrennte Zahlen angegeben.

Konfessionslosigkeit in Ost- und Westdeutschland

In West- und Ostdeutschland haben sich in den Jahren der deutschen Teilung unterschiedliche Religionskulturen entwickelt. Der Soziologe Gert Pickel spricht im Blick auf Westdeutschland von einer „Zugehörigkeitskultur zur Kirche“ und im Blick auf Ostdeutschland von einer „Kultur der Konfessionslosigkeit“. Im westdeutschen Kontext gilt nach wie vor die Kirchenmitgliedschaft als der Normalfall. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung gehören der katholischen bzw. einer evangelischen Kirche an. Konfessionslosigkeit ist hier entsprechend meist das Ergebnis einer eigenen Entscheidung. 76 Prozent der westdeutschen Konfessionslosen sind aus der Kirche ausgetreten. Nur 24 Prozent von ihnen waren schon immer konfessionslos. Wolfgang Pittkowski schreibt im Blick auf westdeutsche Konfessionslose: „In den alten Bundesländern ist man kirchenkritisch, signalisiert aber Offenheit für religiöse Themen und versteht sich selbst durchaus als ‚Christ ohne Kirche’“ (KMU IV). Im Westen Deutschlands ist das religiöse Feld stärker und vielfältiger als im Osten. Dort dominiert der Dualismus von Evangelischen und Konfessionslosen. In Ostdeutschland gilt es als normal, keiner Kirche anzugehören. Etwa 75 Prozent der Bevölkerung sind hier konfessionslos. Nur 25 Prozent gehören einer evangelischen Kirche bzw. in einer kleinen Minderheit der katholischen Kirche an. Nur 34 Prozent der ostdeutschen Konfessionslosen sind aus der Kirche ausgetreten. 66 Prozent der Konfessionslosen wurden gar nicht erst getauft und sind schon in zweiter, dritter oder vierter Generation konfessionslos erzogen worden. Pittkowski stellt einen deutlichen Unterschied im Verhältnis zu westdeutschen Konfessionslosen fest: „Ostdeutsche Konfessionslose ... formulieren eine religionskritische Distanz zu Glauben und Religion überhaupt und leiten daraus Vorbehalte gegenüber der Kirche ab.“

Westdeutsche Konfessionslosigkeit kann auf Diffusionsprozesse (Pittkowski) zurückgeführt werden, wie sie in allen westlichen Gesellschaften beobachtet werden können. Konfessionslose sind hier überwiegend männlich, jung, gut gebildet, einkommensstark und orientieren ihre Lebensführung weniger an den traditionellen Leitbildern von Ehe und Familie. Pittkowski weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass diese Merkmale auch auf einige Trägergruppen des technischen, sozialen und kulturellen Wandels zutreffen. Im Blick auf die ostdeutschen Konfessionslosen hingegen spricht die Soziologin Monika Wohlrab-Sahr von einer „forcierten Säkularität“. Kirchenaustritt und Abwendung vom christlichen Glauben waren während des Sozialismus von den Herrschenden gewollt und wurden entsprechend mit Druck von oben durchzusetzen versucht. Die stabile säkulare Haltung der Mehrheit der Ostdeutschen bis in die Gegenwart erklärt Wohlrab-Sahr damit, dass die religionskritischen Argumente des Staates für die Einzelnen subjektiv plausibel waren und verinnerlicht wurden. Es ist zu erwarten, dass die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland schwinden werden. Das liegt zum einen an einer steten Auswanderungsbewegung aus den Kirchen auch in Westdeutschland seit den 1960er Jahren. Zwischen 2000 und 2009 traten im Durchschnitt jährlich rund 155000 Menschen aus den evangelischen Landeskirchen und 111000 Menschen aus der katholischen Kirche in Deutschland aus. Insgesamt sinken die Kirchenmitgliederzahlen und auch der Anteil der Kirchenmitglieder an der Bevölkerung kontinuierlich. Ein Grund für diese Entwicklung ist zum anderen, dass Konfessionslosigkeit an die nächste Generation weitergegeben wird. Auch unter Kirchenmitgliedern werden immer weniger Kinder religiös erzogen. Die Kirche ist immer weniger im Lebens- und Familienzyklus verankert. So sinkt die Taufbereitschaft auch unter evangelischen Kirchenmitgliedern. Es ist nicht gesagt, dass konfessionslos Aufgewachsene nicht einen Zugang zur Kirche bzw. zu einer anderen Religion finden können, aber in der Tendenz ist mit einer weiteren Entfremdung der Deutschen von Religion und Kirche zu rechnen. Nach der Einschätzung von Pittkowski stehen Konfessionslose, die selbst aus der Kirche ausgetreten sind, dieser noch näher als Menschen, die schon immer konfessionslos waren. Für Konfessionslose werden Kirche und Religion immer mehr zu einem kulturellem Ereignis. Kirchliche Handlungen nehmen sie vor allem als Familienfeiern wahr. Für eine „Wiederkehr des Religiösen“ auch im Blick auf alternative religiöse Formen kann der Soziologe Pittkowski unter den Konfessionslosen kaum nennenswerte Anzeichen finden.

Während die Konfessionslosigkeit in Deutschland zunimmt, scheint sich weltweit gesehen ein umgekehrter Trend zu zeigen. Nach den Berechnungen des „Status of Global Mission“, den das „International Bulletin of Missionary Research“ jährlich veröffentlicht, sanken die Zahlen von Nichtreligiösen und Atheisten in den letzten zehn Jahren leicht.

Religionslosigkeit

Nach den Untersuchungen des „Religionsmonitors“ aus dem Jahr 2008 sind zwei Drittel der Konfessionslosen in Deutschland eindeutig „religionslos“. Das betrifft 63 Prozent der Bevölkerung im Osten und 19 Prozent der Bevölkerung im Westen Deutschlands. Es sind etwas mehr Männer (34 Prozent) als Frauen (23 Prozent) nicht religiös, wobei der Unterschied schwindet, wenn die Frauen erwerbstätig sind. Bei den Jüngeren ist der Anteil der Religionslosen höher als bei den über 60-Jährigen. Nach sechs Dimensionen befragt, lässt sich genauer sagen: 70 Prozent der deutschen Konfessionslosen teilen keine religiösen Überzeugungen (Glaube an Gott, an ein Leben nach dem Tod), 96 Prozent von ihnen haben keine öffentliche religiöse Praxis (z. B. Gottesdienstbesuch), 85 Prozent keine private religiöse Praxis (z. B. Gebet oder Meditation), und 81 Prozent von ihnen geben an, keine religiösen oder spirituellen Erfahrungen gemacht zu haben (z. B. von Gott angesprochen werden, mit der Welt eins sein). Anders sieht es bei der intellektuellen Auseinandersetzung mit Religion aus: Knapp die Hälfte der Konfessionslosen hat ein gewisses Interesse an Informationen über Religion und denkt über Religion nach. Besonders bei der jüngeren Generation lässt sich eine vorsichtige Öffnung für religiöse Fragen beobachten. Zum Beispiel können junge Menschen im Osten, anders als ihre Eltern, so berichtet Wohlrab-Sahr, zunehmend etwas mit der Vorstellung von einem Leben nach dem Tod anfangen. Allerdings knüpfen sie dabei kaum an tradierte religiöse Vorstellungen an, sondern beziehen sich auf Berichte über Nahtoderfahrungen, Science-Fiction, andere Religionen oder philosophische Fragen. Hier macht sich der religiöse Traditionsabbruch bemerkbar. Vor allem ostdeutschen Konfessionslosen ist die christliche religiöse Semantik nicht nur fremd, sondern unbekannt.

Religiosität, Religionslosigkeit und Atheismus lassen sich sowohl bei Konfessions-losen als auch bei Kirchenmitgliedern finden. Zu einem bekennenden Atheismus tendieren laut KMU IV drei Viertel der ostdeutschen und nur 15 Prozent der westdeutschen Konfessionslosen. Dabei finden sich fast 10 Prozent Atheisten unter ostdeutschen Kirchenmitgliedern. Hingegen geben 59 Prozent der westdeutschen Konfessionslosen einen religiösen Glauben an, wenn auch in Abgrenzung von christlichen Glaubensaussagen: Man glaubt an „eine höhere Kraft“, nicht aber an den Gott der christlichen Verkündigung.

Religiöse Indifferenz

In den vergangenen Jahren ist häufig der Begriff der „religiösen Indifferenz“ gebraucht worden, um das durchschnittliche Verhältnis ostdeutscher Konfessionsloser zu Religion und Kirche zu beschreiben. Interessant ist, dass die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD den Begriff der „religiösen Indifferenz“ auf Kirchenmitglieder anwendet. Peter Höhmann und Volkhard Krech verstehen unter religiöser Indifferenz in diesem Zusammenhang, dass die Unterscheidung religiös / nicht religiös keine Rolle mehr spiele und vermutlich nicht einmal mehr verstanden werde. Religiöse Indifferenz sei keine Gleichgültigkeit, auch habe man kein zwiespältiges (Ambivalenz) oder mehrdeutiges (Ambiguität) Verhältnis, sondern vielmehr überhaupt keine Beziehung zu Religion und Kirche mehr. Leider gibt die Studie keine Zahlen zur Verbreitung religiöser Indifferenz unter Kirchenmitgliedern an. Wahrscheinlich ist sie vor allem unter kirchlich kaum oder gar nicht Verbundenen zu finden. Das betrifft etwa ein Viertel der Kirchenmitglieder in Deutschland. Auch dieses Nicht-Verhältnis zu Kirche und Religion deutet letztlich auf ähnliche Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland hin – mit dem Unterschied, dass bei westdeutschen Kirchenmitgliedern immer noch ein religiöses Wissen und eigene Erfahrungen mit Kirche und Religion vorausgesetzt werden können, wohingegen die religiöse Indifferenz ostdeutscher Konfessionsloser mit weitgehender Unkenntnis über Kirche und Religion einhergeht.

Konfessionslosigkeit und organisierter Atheismus

In den vergangenen Jahren haben atheistische Organisationen verstärkt versucht, die Konfessionslosen für ihre Interessen zu vereinnahmen und sich als ihre Sprecher zu etablieren. Genannt seien hier beispielhaft der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) und der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA). Die Konfessionslosigkeit sollte als „drittes Bekenntnis“ in Deutschland neben evangelischer und katholischer Kirche etabliert werden. Dabei bevorzugen atheistische Vertreter die Bezeichnung „Konfessionsfreiheit“. Allerdings wehren sich in der Regel Konfessionslose und selbst nichtorganisierte Atheisten gegen solche Vereinnahmungsversuche, wenn sie darauf angesprochen werden. Konfessionslosigkeit kann mit Atheismus und selbst mit Religionslosigkeit keinesfalls gleichgesetzt werden, wie die oben genannten Zahlen zeigen. Unter Konfessionslosen gibt es Menschen, die sich zustimmend, ablehnend, ambivalent, unentschieden oder indifferent gegenüber Religion und Kirche verhalten. Das Gleiche dürfte für ihr Verhältnis gegenüber atheistischen Überzeugungen gelten. Vielsagend ist in diesem Zusammenhang die geringe Zahl der Mitglieder in freigeistigen und atheistischen Organisationen im Verhältnis zu den ca. 24 Millionen Konfessionslosen in Deutschland. Nach Schätzungen sind es ca. 20000 Mitglieder in Deutschland.

Einschätzung

Die hohe und stetig zunehmende Konfessionslosigkeit in Deutschland ist ein Zeichen für die schwächer werdenden Bindungskräfte der Kirchen. In den westlichen säkularisierten Gesellschaften der Gegenwart haben Kirche und Religion ihre gesamtgesellschaftliche Deutungshoheit und ihre Integrationsfunktion früherer Zeiten verloren. Religion ist für den Einzelnen zu einem Deutungsangebot geworden, das er annehmen kann, aber nicht muss. Vor diesem Hintergrund ist umgekehrt die nach wie vor hohe Kirchenmitgliedschaft ein erklärungsbedürftiges Phänomen, vor allem wenn man bedenkt, dass kirchenferne Kirchenmitglieder und Konfessionslose in ihrem Verhältnis zu Kirche und Religion gar nicht immer so weit auseinanderliegen. Das deutet auf immer noch erstaunliche Bindungskräfte der Kirchen hin.

Die Konfessionslosigkeit ist für die Kirchen eine mindestens ebenso große, wenn nicht gar noch größere Herausforderung als der religiöse Pluralismus: im Blick auf ihre Strukturen, auf ihr volkskirchliches Selbstverständnis und ihren Umgang mit kirchen- und religionsfremden, -kritischen und -indifferenten Menschen innerhalb und außerhalb der Kirchen. Kirchen, Gemeinden und einzelne Christen sind herausgefordert, das Gespräch und den Kontakt mit Konfessionslosen offen und dialogisch zu suchen und zu halten.

Literatur

Fincke, Andreas (Hg.), Woran glaubt, wer nicht glaubt? Lebens- und Weltbilder von Freidenkern, Konfessionslosen und Atheisten in Selbstaussagen, EZW-Texte 176, Berlin 2004
Gerhardt, Uta, Woran glaubt, wer nicht glaubt? Überlegungen zum Dialog mit Atheisten und Konfessionslosen, in: Hempelmann, Reinhard (Hg.), Dialog und Auseinandersetzung mit Atheisten und Humanisten, EZW-Texte 216, Berlin 2011, 63-94
Grabner, Wolf-Jürgen, Konfessionslosigkeit: Einstellungen und Erwartungen an das kirchliche Handeln, in: Hermelink, Jan / Latzel, Thorsten (Hg.), Kirche empirisch, Gütersloh 2009, 133-150
Huber, Wolfgang u. a. (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft (= KMU IV), Gütersloh 2006
Pickel, Gert, Konfessionslose in Ost- und Westdeutschland – ähnlich oder anders? in: Pollack, Detlef / Pickel, Gert (Hg.), Religiöser und kirchlicher Wandel in Ostdeutschland 1989-1999, Opladen 2000, 206-235
Pittkowski, Wolfgang, Konfessionslose in Deutschland, in: Huber, Wolfgang u. a. (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft (= KMU IV), Gütersloh 2006, 89-110
Pollack, Detlef, Säkularisierung – ein moderner Mythos?, Tübingen 2003
Wohlrab-Sahr, Monika, Das stabile Drittel: Religionslosigkeit in Deutschland, in: Bertelsmann Stiftung (Hg.), Woran glaubt die Welt? Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2009, 151-168
Wohlrab-Sahr, Monika / Karstein, Uta / Schmidt-Lux, Thomas, Forcierte Säkularität. Religiöser Wandel und Generationendynamik im Osten Deutschlands, Frankfurt a. M. 2009

Claudia Knepper

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