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Materialdienst 1/2012
Rainer Fromm und Sarah Müller

Serienkiller Superstar

Der Gegenwartskult um psychisch kranke Straftäter

Der Ausverkauf aus dem Todestrakt

Eigentlich war es eine ganz normale Mitteilung von Amnesty International, die am 11. Juni 2009 auf eine aktuelle Hinrichtung in den USA aufmerksam machen wollte: „Alabama executes Jack Trawick for slaying of Stephanie Gach“ titelte Amnesty. 1992 hatte Trawick eine Frau ermordet und sich im Laufe der Verhandlung zu drei weiteren Morden bekannt. Der künstlerisch recht talentierte Täter veröffentlichte im Internet Zeichnungen seiner Morde und stand im Kontakt mit einem Auktionator namens Tod Bohannon, der sich auf das Sammeln und Handeln von Mördersouvenirs spezialisiert hat. Ihm hinterließ der Serientäter seine Bibel, ein Wörterbuch, seine Brieftasche und seinen Fernsehapparat. Bohannon war der Betreiber der Internet-Auktionsseite „MurderAuction.com“. Heute steht hinter der Webseite William Harder, der in Gefängniskreisen den Spitznamen „Satan“ hat.

Grund hierfür ist ein riesiges Satans-Tattoo, dass ihn als Anhänger der „Church of Satan“ outet. Seine Zuneigung gilt rund 40 amerikanischen Serienmördern in Todestrakten, mit denen er freundschaftlichen Briefkontakt pflegt. 20 von ihnen besucht er regelmäßig im Gefängnis, wie Charles Manson, zu dem Harder eine echte Freundschaft aufgebaut hat. Manson machte sich als Kopf einer mordenden Hippie-Gemeinschaft („The Family“) einen Namen, der elf Menschen zum Opfer fielen. Ihr prominentestes Opfer war im Jahr 1969 Roman Polanskis Ehefrau Sharon Tate. Mansons Gruppe bot einen bunten ideologischen Mix aus Outlaw-Bewusstsein, Rassismus und satanistischen Anleihen, obwohl er sich zu Beginn seiner „Guru-Karriere“ noch als Reinkarnation von Jesus Christus beschrieb. Manson gehört heute zu den „Superstars der Mord-Memorabilien-Szene“1.

Ein Grund für den Ikonenstatus dürfte sein Habitus als Antiheld der amerikanischen Gesellschaft sein. Wie kaum eine andere Gemeinschaft wurde Mansons Community zum Synonym für die Sehnsüchte vieler amerikanischer Jugendlicher nach Grenzerfahrungen. Dazu kam eine wortgewaltige Selbstinszenierung Mansons wie in seinem Schlusswort vor Gericht: „Ihr kaut Fleisch mit Euren Zähnen und zerstört Dinge, die besser sind als Ihr. Und gleichzeitig beschwert Ihr Euch darüber, dass Eure Kinder schlecht sind oder sogar Morde begehen. Dabei macht Ihr Eure Kinder zu dem, was sie sind. Ich bin bloß ein Spiegel jedes Einzelnen von Euch.“ Ein anderer Grund dürfte die Brutalität der Taten sein. Sharon Tate z. B. wurde regelrecht hingerichtet. Bevor sie starb, stachen die Täter 37-mal auf das ungeborene Baby in ihrem Bauch ein – insgesamt durchbohrten 102 Stiche ihren Körper. Eine Anhängerin Mansons beschreibt die Tat später als das aufreizendste sexuelle Experiment ihres Lebens.2

Die Faszination durch die Figur Charles Mansons wird für William Harder zum Ausgangspunkt seiner Sammelleidenschaft. Im Interview erzählt er, alles habe mit Mansons Buch „Helter Skelter“ angefangen. Dann habe er begonnen, sich Kunst von Charles Manson zu Hause aufzuhängen. Manson galt auch einer seiner ersten Gefangenenbesuche – heute nennt er ihn liebevoll „Charly“.3 Mansons abstrakte Bilder wie seine derzeit in der Auktion befindliche Zeichnung einer „Schwarzen Sonne“ bringen bis zu 1500 Dollar.

Harders erster Kontakt zu einem Mörder aber war der zu dem Serienkiller Richard Ramirez, der sich als „Night Stalker“ einen Namen machte.4

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Anmerkungen

1 Der Superstar der Mord-Memorabilien-Szene, in: Die Welt vom 20.3.2008.
2 Vgl. www.mayhem.net/Crime/manson.html (5.7.2011).
3 Interview mit Rainer Fromm, Fresno/USA, 25.3.2011.
4 Brief William Harders an Rainer Fromm vom 3.1.2011.

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