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Materialdienst 9/2011
Psychologie / Psychotherapie

"Nachtmeerfahrten" mit C. G. Jung

In seinem neusten Film „Nachtmeerfahrten“ folgt Rüdiger Sünner den Spuren von Carl Gustav Jung. Pünktlich zum 50. Todestag des berühmten Psychologen und nur ein halbes Jahr nach Sünners letztem Film „Das kreative Universum“ hat der Filmemacher sein neues Werk präsentiert.

In C. G. Jung findet Sünner einen Menschen, der sich sowohl in der Welt der Wissenschaft und Vernunft als auch in der Welt der archaischen Gefühle und Mythen auskennt. In der Versöhnung zwischen Rationalität und dem „tiefsten Dunkel der Seele, das in Bildern spricht und dessen geheime Gesetze wir bisher nur erahnen können“, erkennt Sünner das Vermächtnis Jungs an uns. Diesem Vermächtnis fühlt sich sein Film verpflichtet, der die entsprechende Botschaft in Jungs Leben und Psychologie dem Publikum zu vermitteln sucht.

Im Booklet der DVD zum Film erklärt Sünner, was ihn seit Jahrzehnten an Jung interessiert. Den Filmemacher, der mit Bildern arbeitet, fasziniert Jungs Lehre von den Archetypen und die Idee der „Nachtmeerfahrt“, aus der eine Figur nach überstandenen Prüfungen verwandelt hervorgeht. Mythische Stoffe, so Sünner gleich zu Beginn seines Films, werden heute vor allem im Kino geschaut. Für Sünner ist Jungs Werk eine beeindruckende Schule des symbolischen Denkens. „Jung hat mir den Blick dafür geschärft, wie mächtig Symbole und Archetypen sind, aber auch, wie verhängnisvoll ihre Wirkung sein kann“, schreibt Sünner. Das Verhängnisvolle hat sich ihm vor allem in der Beschäftigung mit der Nazi-Mythologie in seinem Film „Schwarze Sonne“ gezeigt. Entsprechend ausführlich widmet sich Sünner auch diesem Thema in Jungs Werk.

Durch Jung habe er einen kritischen Blick für „modische Spielarten des Spirituellen“, für „bedenkliche Esoterik ebenso wie für eine unkritische Anbetung alles Fernöstlichen“ gewonnen, so der Filmemacher. Sünner geht es dabei in erster Linie darum, den eigenen „dunklen Ecken“ nicht durch spirituelle Praktiken und „Wellness-Esoterik“ auszuweichen, sondern sich seinen „Schatten“ zu stellen. Jung habe ihn in einer „individuellen Suche nach Spiritualität“ bestärkt, „unabhängig von Moden und Meistern“. Konkret versteht er darunter ein „Leben mit den eigenen Bildern, die einen möglichen Urgrund des Daseins eher umkreisen als konkret benennen“. Diese Aussagen des Filmemachers sind hilfreich einerseits zum Verstehen des Filmes und seiner Schwerpunktsetzung. Zum anderen deuten sie beispielhaft an, welche Bedeutung Jungs Psychologie für heutige Formen der Spiritualität mit einer psychologisierten und individualisierten Prägung haben kann.

Der Film stellt in der Sünner eigenen ruhigen Vortragsweise und in meditativ wirkenden Bildern das Leben und die Psychologie Jungs vor. Dazwischen kommen Experten der Jung’schen Psychologie zu Wort, u. a. die Psychologin Verena Kast, der katholische Theologe Eugen Drewermann und der Psychotherapeut Robert Wimmer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Analytische Psychologie (DGAP). Unterstützt wurde der Film von zahlreichen psychologischen und psychoanalytischen Institutionen, C. G.-Jung-Instituten und -Gesellschaften.

Mit seinem Film möchte Sünner dem Publikum seinen Jung nahebringen. Kritische Stimmen sind nicht zu hören. Man ahnt als Zuschauer nur, dass dies nicht alles ist, was es zu Jungs Psychologie zu sagen gibt. Auch über die Wirkung und den Stellenwert seines Werkes in der heutigen Psychologie erfährt man kaum etwas. Der Film „Nachtmeerfahrten“ begibt sich, wie der Untertitel sagt, auf „eine Reise in die Psychologie von C. G. Jung“. Die in ihrer subjektiven Aneignung gelungene Präsentation führt auf anregende Weise in das Denken Jungs ein.

Claudia Knepper

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