publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 9/2011
Michael Utsch

Spuren Gottes im Unbewussten?

Tiefenpsychologie und Religion bei Carl Gustav Jung

1
Der vor 50 Jahren verstorbene Schweizer Pfarrerssohn Carl Gustav Jung (1875-1961) zählt zu den Pionieren der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse. Neben Sigmund Freud und Alfred Adler hat er maßgebliche Impulse zur psychologischen Erforschung des Unbewussten gegeben. Im Gegensatz zu seinem Lehrer Freud und seinem Kollegen Adler maß er aber der menschlichen Religiosität eine zentrale Bedeutung bei. Im Weltbild Jungs nahm Gott den Platz einer übermächtigen Größe ein. Als Grabinschrift wählte er ein Motto, das er auch über den Eingang seines Hauses in Küsnacht hatte meißeln lassen: „Gerufen und ungerufen – Gott wird da sein.“ Im Rückblick auf seine langjährigen eigenen Beobachtungen, Überlegungen und seine psychotherapeutische Praxis betonte er in seinen Erinnerungen, dass Gott „eine der allersichersten, unmittelbaren Erfahrungen“ darstelle.2 Besonders in den Grenzerfahrungen des Lebens wie Geburt und Sterben werde die menschliche Bezogenheit zum Absoluten unmissverständlich deutlich. Jeder Mensch habe ein Bedürfnis nach Sinndeutung und Religion, das sich gerade in existenziellen Krisen zu Wort melde. Die inneren seelischen Bilder und Symbole verweisen nach Jung auf eine geheimnisvolle größere Wirklichkeit und können mit dem richtigen Verständnis als Spuren Gottes im Unbewussten entschlüsselt werden.

Auch bei den schwierigen Entscheidungen um die richtige Lebensführung und bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte spielen für den Schweizer Psychiater religiöse Erfahrungen eine wichtige Rolle. Nach 30 Jahren psychotherapeutischer Praxis zog er sogar das Fazit, dass es unter seinen Patienten im Alter von über 35 Jahren keinen gegeben habe, „dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre“.3

Um zu verstehen, was Jung mit religiöser Erfahrung und „der religiösen Funktion der Seele“ meinte, ist ein Blick in seine Konzeption der Persönlichkeitsentwicklung nötig. Wenn man darüber hinaus mit jungianischen Psychotherapeuten annimmt, dass letztlich alle Lebensprobleme auf ungelösten religiösen Fragen beruhen: Was lässt sich von der Religionspsychologie Jungs für die Seelsorge lernen?

Ein Schüler Sigmund Freuds emanzipiert sich

Jung hat Wesentliches zur Weiterentwicklung der Psychotherapie beigetragen. Sein Menschenbild war viel positiver und optimistischer als das seines ehemaligen Mentors Freud. Insbesondere die pessimistische und deterministische Sicht auf den Menschen, mit der Freud die konflikthaften sexuellen und aggressiven Triebe im Unbewussten analysierte, führte zu Jungs Bruch mit seinem Lehrer. Jung war zunächst von Freuds epochalem Werk „Die Traumdeutung“ angetan, und er bewunderte den um 19 Jahre Älteren.4 Freud wiederum hoffte, in dem eifrigen und vielseitig gebildeten Schweizer Psychiater einen Verbündeten gefunden zu haben, der sein geistiges Erbe antreten und seinen Ideen zum Durchbruch verhelfen könnte.

Obwohl Jung ebenso wie Freud eine sexuelle Missbrauchserfahrung als Jugendlicher zu verarbeiten hatte, irritierte ihn von Anfang an, dass Freud alles auf das Sexuelle reduzierte und seine Sexualtheorie wie besessen zu belegen suchte. Ein großer Unterschied zwischen Jung und seinem Lehrer bestand auch beim Umgang mit Patienten. Jung war ein ganz anderer Beziehungstyp als Freud. Während Freuds Analysand sich auf eine orientalische Couch zu legen hatte, an deren Kopfende Freud saß und sich schweigend Notizen machte – die Möglichkeit eines Blickkontaktes war ausgeschlossen –, spazierte Jung mit manchen seiner Patienten im Garten seiner Küsnachter Villa umher, andere ließ er auf dem Fußboden Platz nehmen. Von psychoanalytischer Abstinenz war bei Jung wenig zu spüren, mit seiner ganzen Person ließ er sich auf die therapeutische Beziehung ein.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Überarbeitetes Manuskript eines Vortrags, der im Rahmen der Tagung „Gott und das Selbst“ am 14.5.2011 in der Evangelischen Akademie Baden in Bad Herrenalb gehalten wurde.
2 Carl Gustav Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken, Zürich 1962, 67.
3 Carl Gustav Jung, Psychologie und Religion, Olten 1971, 138.
4 Sigmund Freud, Die Traumdeutung, Frankfurt a. M. 1972.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!