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Materialdienst 1/2011
Werner Thiede

Wiederkehr der Religion in Westeuropa?

Seit über einem Vierteljahrhundert ist landauf, landab die These von der Wiederkehr der Religion zu vernehmen.1 Sie verstand und versteht sich als Gegenthese zum sogenannten Säkularisierungstheorem, also zu der einst von Max Weber und Ernst Troeltsch angebahnten und später durch die Religionssoziologie vertieften Rede vom notwendig zunehmenden Verschwinden der Religion als bestimmender Macht im gesellschaftlichen und individuellen Leben der Moderne. Namentlich der Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks mit seinem staatlich verordneten Atheismus wurde bei gleichzeitig feststellbarer Hartnäckigkeit der Präsenz von religiös-irrationalen Denkmustern etwa im Kontext der sogenannten New-Age-Bewegung2 im Abendland als Indiz für eine Renaissance der Religionen weltweit und auch in der abendländischen Gesellschaft gewertet.

Doch unumstritten war diese These zu keiner Zeit. Unter den Gegenwartstheologen votiert namentlich Ulrich H. J. Körtner anders und betont, dass das bloße Interesse an religiösen Themen nicht mit Religiosität verwechselt werden dürfe.3 Auch Joachim Kunstmann bemerkt: „Das Interesse an Religion ist aber nicht selbst schon Religion ... Gelebte Religion, der persönliche spirituelle Vollzug, Selbstverpflichtung, Glaube und Bekenntnis sind längst zu Randphänomenen des gesellschaftlichen Lebens geworden ... Über Religion spricht man nicht.“4 Und Klaus-Peter Jörns mahnt: „Was dabei die Aussage angeht, (die) Religion sei zurückgekehrt, so sind Daten, auf die sich solche Aussagen stützen, vorsichtig zu bewerten.“5 Für christliche Religionstheoretiker, aber auch für kirchliche Analysten, insbesondere für die Verwalter der nach wie vor kontinuierlich sinkenden Mitgliederzahlen der Großkirchen, ist die Frage ihrer Aussagekraft und Richtigkeit naturgemäß von hoher Relevanz.6 Im Folgenden werde ich die These von der angeblichen Renaissance der Religion meinerseits überprüfen, und zwar primär im Blick auf die kulturelle Situation bei uns in Westeuropa. Das will ich in fünf Schritten tun, nämlich im Hinblick auf 1. das Phänomen eines anhaltenden Säkularisierungsprozesses, 2. den weltweit und auch in Westeuropa erstarkenden Islam und Islamismus, 3. einen wachsenden biblizistischen Fundamentalismus, 4. die sich vital zeigende Esoterikwelle und 5. die Zunahme synkretistischer Religiosität. Abschließend werde ich das Ergebnis meiner Analysen und Überlegungen zusammenfassen und theologisch auswerten.

Keine Wiederkehr der Religion: Die Säkularisierung in Westeuropa geht weiter

Den Wandel der gesellschaftlichen Stellung der Religion konnten Soziologen genau so lange als Säkularisierungsprozess begreiflich machen, wie es sich bei dieser „Religion“ hauptsächlich um das Christentum im Kontext der Moderne handelte. Diese Religion, die weit über ein Jahrtausend lang das Abendland maßgeblich geprägt hat, ist unübersehbar dabei, ihren prägenden Einfluss zunehmend zu verlieren. Umfragen bestätigen in der Regel, dass der Einflussverlust des Christentums weiter anhält. Von einer Renaissance des Christentums – das wird kaum jemand bestreiten – kann in Westeuropa nicht ernsthaft die Rede sein. In diesem Sinn hat die Säkularisierungsthese also Recht behalten. Dagegen ist eine „Renaissance der Religion als Kulturmacht in nahezu allen außereuropäischen Gesellschaften und Kulturkreisen unübersehbar“7.

Allerdings hat in unseren europäischen Breitengraden das Säkularisierungstheorem mit dem Aufkommen der sogenannten Postmoderne und des ihr korrespondierenden religiösen Pluralismus an Evidenz eingebüßt.8 Oft genug ist von der „Rückkehr der Religionen“ (Martin Riesebrodt), der „Wiederkehr der Religion“ (Gottfried Küenzlen), der „Wiederkehr der Götter“ (Friedrich Wilhelm Graf), einer Re-Spiritualisierung (Matthias Horx) oder einer De-Säkularisierung (Peter L. Berger) die Rede. Man meint sicher sein zu können, dass Religion doch auch unter modernen bzw. postmodernen Bedingungen ihre innere Kraft behalten habe und bewähren werde.

Sprechen nicht zu viele Beobachtungen gegen einen unaufhörlich weitergehenden Prozess der Verweltlichung unserer westlichen Kultur? „Nicht Säkularisierung, sondern die Entwicklung in Richtung eines religiösen Pluralismus ist der charakteristische Vorgang“, erklärt Reinhard Hempelmann.9 Die von Max Weber und Emile Durkheim eingeführte Säkularisierungsthese möchte heutzutage kaum noch jemand in den Mund nehmen; sie ist gerade auch in unserem Kulturkreis gewissermaßen aus der Mode gekommen.

Aber das dürfte mit ihrem sich ausbreitenden falschen Verständnis zusammenhängen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich schnell, dass Weber wie Durkheim keineswegs die Ansicht vertreten haben, Religion schlechthin sei im Zeitalter der Moderne immer klarer zum Untergang verurteilt, um eben einer wissenschaftlich-nüchtern geprägten Weltsicht Platz zu machen. Auch spätere Religionssoziologen wie etwa Bryan Wilson10 und Detlef Pollack11 verstanden die Säkularisierungsthese mitnichten in einem solch platten Sinn. Vielmehr waren sie allenfalls der Überzeugung, dass Modernisierungsprozesse einen kritischen Einfluss auf die Stabilität und Vitalität von Religionsgemeinschaften hätten – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das bleibt zutreffend, zumindest im Blick aufs institutionell verfasste Christentum – während sich die Lage hinsichtlich der zweitgrößten Weltreligion, des Islam nämlich, in Westeuropa etwas anders darstellt. Die schon seit Langem wahrzunehmende Tendenz einer „Verweltlichung“ der Religionen12 hält an, wenngleich nicht ohne Gegenkräfte. 

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Anmerkungen

1 Vgl. z. B. Wolfram Weimer, Credo: Warum die Rückkehr der Religion gut ist, München 2006; Heiner Barz, Religion ist angesagt!, in: Tutzinger Blätter 4/2008, 22-24; Karl Gabriel, Die Religionen bleiben, in: zeitzeichen 11/2010, 12-14; Hans-Jürgen Luibl, Wiederkehr der Religion? in: Sonntagsblatt 11/2010, 22-24.
2 Siehe Christoph Bochinger, New Age und moderne Religion, Gütersloh 21995; Werner Thiede, „New Age“ in religionstheologischer Betrachtung, in: Michaela Moravèíková (Hg.), New Age, Bratislava 2005, 560-576.
3 Vgl. Ulrich H. J. Körtner, Wiederkehr der Religion? Das Christentum zwischen neuer Spiritualität und Gottvergessenheit, Gütersloh 2006.
4 Joachim Kunstmann, Rückkehr der Religion. Glaube, Gott und Kirche neu verstehen, Gütersloh 2010, 42f. „Die viel beschworene ‚Wiederkehr der Religion’ ist also eine Defizitanzeige“ (45).
5 Klaus-Peter Jörns, Notwendige Abschiede, Gütersloh 2004, 33.
6 Vgl. Eberhard Jüngel, Untergang oder Renaissance der Religion? , in: Erwin Teufel (Hg.), Was hält die moderne Gesellschaft zusammen?, Frankfurt a. M. 1996, 176-209.
7 Gottfried Küenzlen, Die Wiederkehr der Religion. Lage und Schicksal der säkularen Moderne, München 2003, 29. „Weltweit kann von solcher Entkräftung nicht die Rede sein“ (32); „Westeuropa ist ein Sonderfall“ (33).
8 Vgl. Detlef Pollack, Zur neueren religionssoziologischen Diskussion des Säkularisierungstheorems, in: Dialog der Religionen 5 (1995), 114-121.
9 Reinhard Hempelmann, Religion und Religiosität in der modernen Gesellschaft. Evangelische Beiträge, EZW-Texte 179, Berlin 2004, 4.
10 Vgl. Bryan R. Wilson, Religion in Secular Society. A Sociological Comment, London 1966.
11 Vgl. Detlef Pollack, Rückkehr des Religiösen? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland und Europa II, Tübingen 2009; ders., Die Wiederkehr des Religiösen, in: Herder Korrespondenz Spezial: Renaissance der Religion – Mode oder Megathema?, Freiburg i.Br. 2006, 6-10.
12 Vgl. Heinz Robert Schlette, Christen als Humanisten, München 1967, 53ff.

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