publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 2/2011
Georg Schmid

In den Armen von Amma, der "göttlichen Mutter"

Unermüdlich umarmt „Amma“ (Mata Amritanandamayi) alle Menschen, die sich zu ihr drängen, in endlosen Reihen, Tausende an einem Tag. Schon 24 Millionen soll sie während ihrer weltweiten Wirksamkeit umarmt haben.1 „Embracing the World“ nennt sich ihr Programm, und dieses Motto versteht sie wörtlich: Sie umarmt stundenlang. Kommt ein Fernsehteam zu einem Interview, unterbricht sie ihre Umarmungen nicht. Sie lässt sich die Fragen in Malayalam übersetzen, antwortet umarmend, argumentiert streichelnd. Nimmt sie den einzelnen Menschen noch wahr, den sie umarmt? Sie habe göttliches Bewusstsein, sie nehme in einem Moment alles wahr, sagen die Anhänger. Aber wie erlebt sie selbst die endlose Kette der Umarmungen?

Wie aus Schilderungen aus ihrem Leben hervorgeht, sehnte Amma sich seit ihrer Jugend nach Gott, zuerst nach Krishna, später nach der Devi, nach Durga oder Kali, nach der göttlichen Mutter. In ihrer Sehnsucht suchte sie schon früh Verschmelzung mit dem geliebten göttlichen Wesen. Hat sie früher als spirituell wache und mit mystischer Vorstellungskraft reichlich gesegnete junge Frau in ekstatischen Erfahrungen, in taumelnder Trunkenheit gespürt, wie die Gottheit in ihr einzieht und wohnt, so ist später die Identifikation mit der Gottheit für Amma zur Selbstverständlichkeit geworden, an der sie zu keiner Zeit mehr zu zweifeln scheint. Sie ist eins geworden mit ihrer Rolle als Avatar, als göttliche Herabkunft, als Gott in Menschengestalt. Dieses Wissen schenkt ihr das Gefühl, dass für sie menschliche Grenzen keine Bedeutung mehr haben. Sie wirkt fröhlich, gelassen, beinahe locker in ihrem Umarmungsparcours. Wenn sie zu leiden beginnt, dann geht es um die Leiden der zu ihr gekommenen Menschen, die sie auf sich nimmt. Sie leidet stellvertretend für die Hilfesuchenden. Dennoch bleibt sie die Mutter, die ihr Kind an sich drückt, nicht feierlich und steif, sondern beherzt und munter.

All dies wirkt so, als ob es nichts Selbstverständlicheres gäbe als Gott zu werden und Gott zu sein. Das genauere Hinsehen belehrt uns aber eines anderen. Besonders in Indien fanden schon manche zu der Gewissheit, dass sich Gott in ihnen inkarniert. Aber bei Weitem nicht immer wird uns so augenfällig wie bei Amma geschildert, welche Erfahrungen und Zustände diese sich anbahnende Gewissheit begleitet und befördert haben. Auch wenn all die Schilderungen aus der Kindheit und Jugend der Amma legendär überzeichnet wirken – in ihren Grundlinien erahnen wir immer noch Elemente der biografischen Realität.

Vom Dienstmädchen für alle zur Mutter für alle

Sudhamani Idamannel, die spätere Amma, geboren 1953 in Parayakadavu, einem kleinen Fischerdorf in Kerala, erledigt schon mit neun Jahren anstelle ihrer „ständig leidenden Mutter“ einen großen Teil der Hausarbeit. Mit zehn Jahren verlässt sie die Schule, um sich ganz dem Haushalt und ihren jüngeren Geschwistern zu widmen. Unter dem strengen Regiment ihrer Mutter wird sie beinahe zur Haussklavin, gut genug, um allen dienstbar zu sein. Eine intensive Liebe zu Krishna, dem göttlichen Kind und Jüngling, rettet sie über die dunklen Jahre ihrer Kindheit hinweg. Ab dem Alter von 13 Jahren muss sie im Haushalt der weiteren Verwandtschaft dienen, als besonders dunkelhäutiges Mädchen kaum beachtet. Lieder der Sehnsucht und der Hingabe an ihren göttlichen Freund Krishna begleiten auch hier ihren schwierigen Alltag. Religiöse Lieder – auch christliche – können sie in einen Trancezustand versetzen, aus dem sie oft erst nach einer halben Stunde erwacht. Auf der Bootsfahrt zum Haus der Großmutter, bei der sie zeitweilig arbeitet, stimmt sie fromme Lieder an und entwickelt eine eigene spirituelle Praxis: Der Motor des Bootes singt in ihrem Ohr „OM“, den göttlichen Urlaut, und im Spiel der Wellen entdeckt sie die Spiele Krishnas. Während ihre ältere Schwester studieren darf und jede Unterstützung der Eltern genießt, wird ihr bald sogar das Fahrgeld entzogen, das es ihr erlaubt hätte, das sechs Kilometer entfernte Haus der Großmutter mit dem Boot zu erreichen. Als sie nun am Meer entlang zu Fuß geht, ruft ihr das Meer mächtig rauschend „OM“ zu, im Wind erlebt sie die Liebkosungen ihres göttlichen Freundes. Wenn diese inneren Erfahrungen sie überwältigen, wird ihr Schritt immer langsamer, sie taumelt, sinkt zu Boden und verliert das Bewusstsein. Als sie später eine christliche Nähschule besuchen will, wird ihr das nur gestattet, wenn sie nebenher auch noch die Hausarbeit bewältigt. Trotz oder wegen dieses permanenten Drucks der Verwandtschaft häufen und vertiefen sich ihre spirituellen Erfahrungen.2

1975, mit 22 Jahren, trifft sie auf dem Heimweg von der Feldarbeit auf einen Kreis von Krishna-Verehrern, tritt in ihre Mitte und „spielt“ spontan mit ihren Gesten und Segenszeichen den blauen Gott.3 Ihre Krishna-Sehnsucht hat ihr Ziel erreicht: Krishna hat in ihr Gestalt angenommen. Doch damit ist sie noch lange nicht Amma geworden. Bald bricht in ihr die Sehnsucht nach der Devi, der göttlichen Mutter, auf.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Vgl. Friedmann Eißler, Amma umarmt Tausende auf Europatournee, in: MD 1/2009, 30.
2 Vgl. Mata Amritanandamayi, Mutter der unsterblichen Glückseligkeit, Leben und Lehre einer jungen indischen Weisen der heutigen Zeit, hg. von Amritatma Chaitanya, Interlaken 21993, 39ff.
3 Vgl. ebd., 89.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!