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Materialdienst 2/2011
Hansjörg Hemminger

Psychische Abhängigkeit in Extremgruppen

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Abhängigkeit als vielschichtiges Geschehen

Der Begriff psychische Abhängigkeit (seelische Abhängigkeit) ist kein psychologischer Fachterminus, obwohl er sich häufig in der Literatur über sogenannte Sekten und Psychogruppen findet. Er beschreibt Erfahrungen mit Menschen, die von außen gesehen einem starken Einfluss einer Gruppe oder einer Autorität unterliegen, durch eine Analogie mit dem Phänomen der Sucht.2 Außerdem klingt der Vergleich mit sozialen, wirtschaftlichen, politischen und familiären Abhängigkeiten an, die auf Machtausübung und Manipulation beruhen. Im Unterschied zu diesen lässt sich die psychische Abhängigkeit in Extremgruppen jedoch nicht – oder nur zum Teil – durch Machtverhältnisse erklären, sodass die Ursachen der Beeinflussbarkeit in der Innenwelt der Betroffenen vermutet werden. Der Übergang zwischen dem (vielleicht positiven) Einfluss einer Autorität und der negativ zu bewertenden Abhängigkeit ist dabei ebenso fließend wie der Übergang von der Gruppenkonformität zum Gruppenzwang. Im Einzelnen kann der Begriff recht unterschiedliche Beobachtungen in verschiedenen Konstellationen umfassen:

• Distanzlosigkeit gegenüber der Gemeinschaft, Kritikunfähigkeit;
• starke Fremdbestimmung alltäglicher Lebensvollzüge – gemessen an üblichen Formen der Einflussnahme;
• finanzielle, zeitliche und sexuelle Ausbeutbarkeit;
• ungewöhnliche Konformität in der Anhängerschaft – gemessen am gängigen Spektrum von Verhalten und Habitus weltanschaulicher Gemeinschaften;
• auffallende Verehrung für Autoritäten, Personenkult.

Diese Wahrnehmungen sind etwas anderes als die Diagnose einer abhängigen (asthenischen) bzw. dependenten Persönlichkeitsstörung.3 Sie beruhen gerade auf dem Befremden, dass eine vorher nicht auffällig unselbstständige Persönlichkeit mit einer mehr oder weniger normalen Biografie nach der Konversion ein derart abhängiges Verhalten zeigt. Wo liegen die Gründe? Dazu ein Auszug aus einem Bericht ehemaliger Mitglieder der Neuoffenbarungsgemeinschaft „Universelles Leben“ (UL):

„Die Tage der UL-Anhänger sind randvoll, Zeit zum Nachdenken bleibt kaum. Trotzdem gerät das Ehepaar Berger irgendwann ins Grübeln ... Es werde zwar stets betont, dass die Anhänger der Glaubensgemeinschaft wahre ‚Urchristen‘ seien, nach der Bergpredigt lebten und gemeinsam am Friedensreich Jesu Christi bauten. Doch Bergers kommt es vor, als ob das für Gabriele Wittek und ihre engeren Vertrauten keine Bedeutung habe. Es gelte zwar das Motto ‚Wir sind alle gleich‘. Doch Hermann Berger hat immer öfter den Eindruck, dass es Menschen gibt, die ‚gleicher‘ sind ... die Gemeindeordnung des UL widmet sich dem Thema Geld. Dort heißt es: ‚Für das Gemeindeleben ist es nicht gut, wenn ein Glied der Gemeinde größeres finanzielles Einkommen aus der Welt hat, das er nach seinem Ermessen oder einzig für sich verwendet. Eine solche Ungleichheit fördert nicht das Gemeinschaftsleben. Das Leben der Gemeinde in Christus kann im Sinne Christi nur aktiv sein, wenn alle Glieder der Gemeinde die Prinzipien des Friedensreiches einhalten: Gleichheit, Freiheit, Einheit, Brüderlichkeit.‘ Für Sabine Berger steht zwei Jahre nach ihrem Ausstieg fest: ‚Das ist ein schönes Märchen.‘ Dieses ‚Märchen’ versperrt Fritz Englert lange Zeit den Blick auf die Wirklichkeit. Indes kommen ihm zunehmend Zweifel. Zweifel, die er nicht haben darf, denn er stellt damit das Werk Gottes in Frage. Zweifel, die sich aber nicht mehr unterdrücken lassen, denn er sieht einen ständig wachsenden Widerspruch zwischen Theorie und Praxis ... Das Leben beim UL entwickelt sich für Englert zu einem Wettlauf gegen sein Misstrauen: Ist das wirklich noch die Gemeinschaft, der er sich voller Überzeugung angeschlossen hat? Auch Gabriele Wittek bleiben die Bedenken Englerts nicht verborgen: ‚Sie sah mir schon von weitem an, ob ich wieder einen zweifelnden Gedanken hatte.‘ Beinahe täglich muss sich Englert ... rechtfertigen ... Schließlich kommt es zu einem Gespräch im größeren Kreis ... Die Wirkung eines solchen Gesprächs beschreibt ein ... Gutachten ..: ‚Offensichtlich wird beträchtlicher Gruppendruck auf die Teilnehmer ausgeübt: wenn ein Einzelner aus dem Werk wieder aussteigen möchte, was gar nicht möglich sein dürfte, ohne dass dieser mit dem Odium des Abtrünnigen behaftet ist, wird die Schuld dafür nicht nur bei dem Einzelnen, sondern bei den ,Geschwistern‘ gesucht. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass die ,Geschwister‘ psychologischen Druck auf das Individuum ausüben, beim Werk zu bleiben, da sie sonst selbst mit punitiven [strafenden, H.H.] Konsequenzen zu rechnen hätten.‘ Drei Tage nach dem Gespräch scheint für Fritz Englert alles wie umgewandelt. Er fühlt sich besser, freier, spürt nicht mehr den kaum zu ertragenden Druck. Doch dann kommt der ‚Roll back und eine Woche später war es wie vorher‘ ... Und kurz darauf habe Gabriele Wittek mit ihrer Interpretation dem Ganzen noch eines drauf gesetzt – in dem Sinne: ‚Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit‘. ‚Damit war die Sache über die Bühne‘, urteilt Englert. Auch Sabine und Hermann Berger halten es nicht länger aus. In einem Brief schreibt Sabine Berger, ‚dass ich nicht sehen kann, dass in dieser Gemeinschaft die Prinzipien, von denen immer gesprochen wird, gelebt werden.‘ Bereits drei Wochen zuvor hat sich Hermann Berger ebenfalls schriftlich an die Bundgemeinde gewandt. Er wolle seine Kritikfähigkeit nicht am Kleiderhaken abgeben, begründet er den Ausstieg.“4

In dem Bericht werden verschiedene Seiten einer Abhängigkeit von einer sogenannten Sekte deutlich: Die Bindung an eine absolute Autorität, der man Verantwortung für sein eigenes Leben überträgt, aber ebenso die Einbindung in eine Gemeinschaft und deren strikte Hierarchie, die verbindliche Denk- und Verhaltensmuster vorgibt. Dabei definieren sich die Anhänger einer extremen Gruppe nicht selbst als abhängig, sondern als engagiert, hingegeben, verbindlich lebend oder ähnlich. Die ehemaligen UL-Mitglieder bewerten ihr Leben im „Friedensreich“ erst im Nachhinein als wesensfremd und einengend. „Psychische Abhängigkeit“ ist in diesem Sinn eine von außen bzw. im Nachhinein gemachte Feststellung, die mindestens drei Erfahrungen zusammenfasst:

• die Einbindung in eine geschlossene Gemeinschaft mit strikter Hierarchie und hohem Konformitätsdruck;
• die stark asymmetrische Beziehung zwischen Führungsgestalt und Anhängerschaft; die asymmetrische Kommunikation, die diese Beziehung aufrechterhält;
• die innerpsychische Bindung an eine Führungsgestalt bzw. eine Gemeinschaft und deren Psychodynamik.

Innere Bindungen und auf diesen beruhende Einflussmöglichkeiten gehören allerdings (von Persönlichkeitsstörungen abgesehen) zum menschlichen Sozialverhalten, ebenso asymmetrische Beziehungen zwischen dominanten und submissiven Partnern. Was man in einer extremen Gemeinschaft beobachten kann, findet man insoweit überall. Psychische Abhängigkeit in extremen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften kann sich nur in Ausmaß und Wirkung von anderen Formen der Bindung unterscheiden.

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Anmerkungen

1 Es handelt sich bei diesem Beitrag um die erweiterte Fassung eines Vortrags, der im Rahmen der 3. Kurswoche des EZW-Curriculums „Religions- und Weltanschauungsfragen“ (berufsbegleitende Fortbildung für Pfarrerinnen und Pfarrer) am 8. Februar 2010 in Berlin gehalten wurde.
2 Der medizinische und psychologische Fachbegriff „Abhängigkeitssyndrom“ umfasst die körperlichen, seelischen und sozialen Merkmale, die durch den Missbrauch psychotroper Substanzen entstehen.
3 Das Diagnose-Handbuch der „World Health Organization” ICD-10 führt die Störung (dependent personality disorder) unter F60.7 auf. Zu beachten ist, dass sie die allgemeinen Diagnosekriterien für eine Persönlichkeitsstörung erfüllen muss. Trotz der Ähnlichkeit mit einzelnen Verhaltensweisen ist das bei Mitgliedern einer extremen Gemeinschaft, die sich selbst im Nachhinein als abhängig charakterisieren, meist nicht der Fall. Zum Beispiel ist eine Persönlichkeitsstörung chronisch und zeigt sich bereits in Kindheit und Jugend.
4 Aufbruch in die Freiheit – Das Universelle Leben und seine Aussteiger, in: Würzburger katholisches Sonntagsblatt, Kirchenzeitung der Diözese Würzburg, Nr. 6 vom 7.2.1999 (Personennamen geändert).

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