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Materialdienst 11/2011
Hans-Peter Willi

Religionsfreiheit und Toleranz

Johannes Reuchlins Beitrag im "Augenspiegel" (1511)

„Verachtet nichts, nur weil es fremd und anders ist!“ Dieser Auruf könnte aktueller kaum sein. In Zeiten zunehmender Aggressivität in Integrationsdebatten, fremdenfeindlicher Parolen, einer demonstrativen Koranverbrennung, aber auch gewalttätiger Politisierung von Religion und islamistischen Terrors sind die Themen Religionsfreiheit, Toleranz und der Umgang mit Minderheiten nach wie vor von hoher Brisanz und Bedeutung. Neu sind sie indes keineswegs. Vor 500 Jahren hat der humanistische Gelehrte Johannes Reuchlin in einem auch heute noch höchst bemerkenswerten Dokument, dem sogenannten „Augenspiegel“, dazu Stellung bezogen. Der Jurist und bedeutendste christliche Hebraist seiner Zeit ergreift darin gegen die Verbrennung jüdischer Schriften und damit für die Juden Partei. Dahinter steht nicht der Gedanke einer interreligiösen Harmonisierung oder Idealisierung, sondern die klare Erkenntnis: Der Wahrheit ist nicht durch Gewalt und Unterdrückung zum Recht zu verhelfen, sondern durch geistige Auseinandersetzung „in Wort und Schrift“, durch Argumentation mit Vernunftgründen – und dies setzt wechselseitige Kenntnis voraus. In diesem Sinne sind Respekt und Toleranz im Kontext kultureller und religiös-weltanschaulicher Vielfalt unabdingbar, ohne dass – auch dies lehrt Reuchlin – dem Streit um Wahrheit und Werte damit vorgegriffen werden könnte und dürfte. Der Tübinger Theologe, Buchhändler und Antiquar Hans-Peter Willi führt in den Text und seine Bedeutung ein.


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Vor 500 Jahren erschien in Tübingen das Buch „Augenspiegel“, das zentrale Dokument im Streit um die Bücher der Juden (1510-1520) aus der Feder von Johannes Reuchlin (1455-1522). Reuchlin, der von seinen Zeitgenossen große Anerkennung und Verehrung, freilich auch großen Widerspruch erfuhr, den Herder und Goethe rühmten und der bis heute als „Deutschlands erster Humanist“2 bezeichnet wird, wurde am 29. Januar 1455 in Pforzheim geboren. Dort besuchte er die Lateinschule, bevor er u. a. in Freiburg, Paris und Basel Jura studierte. 1481/82 kam er an die Tübinger Universität. Bald stand er als enger Berater auch im Dienst des Grafen von Württemberg, Eberhard im Bart, der 1477 die Universität gegründet hatte. Zugleich trieb Reuchlin seine philologischen Studien weiter. Er studierte bei byzantinischen Gelehrten Griechisch und im Umgang mit gelehrten Juden Hebräisch. Lilli Zapf urteilt: „Die Bedeutung Reuchlins für das Judentum liegt darin, daß er sich als erster christlicher Gelehrter des Mittelalters dem Studium der hebräischen Sprache widmete und sie neben dem Griechischen an deutschen Universitäten lehrte.“3

Philologie und Rechtswissenschaft prägten den weiteren Lebensweg Reuchlins, der 1492 geadelt wurde und seit 1500 in Stuttgart wirkte. Von 1502 bis 1513 war er als Richter des Schwäbischen Bundes tätig und damit einer der führenden Richter im Reich. 1510 wurde er von Kaiser Maximilian I. um ein Gutachten im Streit um die Bücher der Juden gebeten. Dieser Streit hat sein letztes Lebensjahrzehnt entscheidend geprägt und weitgehend verdüstert. Zwar blieb Reuchlin in diesem Streit der moralische Sieger, aber 1520 wurde sein „Augenspiegel“ durch päpstliche Verfügung verurteilt. 1520 wurde Reuchlin an die Universität Ingolstadt berufen, 1521 folgte er einem Ruf nach Tübingen. Am 30. Juni 1522 starb Reuchlin in Stuttgart.

Der Streit um die Bücher der Juden ab 1510

 Die Situation der Juden war in politischer, rechtlicher und sozialer Hinsicht prekär. Seit der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) sind die Juden staaten- und heimatlos; bis zur Neugründung des Staates Israel im Jahr 1948 befindet sich das jüdische Volk in einer Diaspora-Existenz verstreut und ist völlig abhängig von der jeweils ausgeübten Politik an den jeweiligen Orten und unter den Bedingungen der jeweils herrschenden Zeitläufte „in wechselnden Gefährlichkeitsgraden“4. Ein jahrhundertelanger Prozess der Entrechtung geht einher mit religiös motivierten Anfeindungen, die sich aus dem Spannungsfeld von jüdischem und christlichem Glauben nähren: Die Juden gelten als das Volk, das Jesus Christus ans Kreuz gebracht hat und das sich dem christlichen Glauben gegenüber als verstockt erweist.

Direkter Anlass für den Judenbücherstreit bildet das Ansinnen eines zum Christentum konvertierten Juden namens Johannes Pfefferkorn. Dieser trat ab 1507 in Angriffsschriften gegen das Judentum („Judenspiegel“) dafür ein, die Bücher der Juden zu konfiszieren, weil sie dadurch nur in ihrem „Unglauben“ bestärkt würden, und insbesondere die gegen das Christentum gerichteten zu verbrennen. Brisanz erhielt Pfefferkorns Attacke dadurch, dass sich die geistliche Macht in Gestalt des Kölner Dominikanerordens mit ihr verbündete. Tatsächlich erreichte Pfefferkorn 1509 ein kaiserliches Mandat, das ihn ermächtigte, mit seinem Vorhaben zu beginnen. Wenig später wurde vom Kaiser jedoch die Rückgabe der konfiszierten Bücher an die Juden angeordnet, um Zeit zur Beratung zu gewinnen. Max Brod notiert: „für die Juden war die ganze Geschichte jedenfalls im wesentlichen erledigt ... Der prinzipielle Streit aber ... über den Wert und Unwert der talmudischen, kabbalistischen und anderen Schriften“ begann jetzt erst eigentlich.5

Im August 1510 gab der Mainzer Erzbischof Gutachten für den Kaiser in Auftrag. Auch Reuchlin wurde um ein Gutachten gebeten, war er doch nicht nur ein am Hof höchst angesehener Jurist, sondern einer der wenigen christlichen Gelehrten, die des Hebräischen mächtig waren. Er war praktisch der einzige Gutachter, der die Bücher, über die er zu urteilen hatte, aufgrund eigener Sprach- und Quellenkenntnisse kannte – alle anderen Gutachter hatten nicht viel mehr als ihre Vorurteile.

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Anmerkungen
 
1 Gekürzte Fassung von: Hans-Peter Willi, Reuchlin im Streit um die Bücher der Juden. Zum 500-jährigen Jubiläum des „Augenspiegel“, Tübingen 2011.
2 „Reuchlin! Wer will sich ihm vergleichen, zu seiner Zeit ein Wunderzeichen!“ (J. W. v. Goethe, Zahme Xenien, zit. nach: Johannes Reuchlin, Deutschlands erster Humanist. Ein biographisches Lesebuch von Hans-Rüdiger Schwab, München 1989, 8; zu Herder vgl. 7f).
3 Lilli Zapf, Die Tübinger Juden. Eine Dokumentation, Tübingen 1974, 42008, 17.
4 Max Brod, Johannes Reuchlin und sein Kampf. Eine historische Monographie, Stuttgart u. a. 1965 (Nachdruck Wiesbaden 1988), 149.
5 Ebd., 197f.

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