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„Liebe für Alle, Hass für Keinen“ – mit diesem Motto machen sich die Anhänger der Ahmadiyya-Bewegung bekannt. Bekannt geworden sind sie auch als aktive Islam-Missionare mit Informationsständen und Büchertischen in Fußgängerzonen. Hier wurden schon zu Zeiten Korane auf Deutsch verbreitet, als der Islam in Deutschland noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt war. Ab Mitte der 1970er Jahre kamen viele Ahmadis als Flüchtlinge aus Pakistan, doch was wenige wissen: Schon in der Zeit zwischen den Weltkriegen, lange bevor die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen, war es die Ahmadiyya – wenn auch die kleinere, heute praktisch bedeutungslos gewordene Richtung –, die das Bild vom Islam prägte, die vor allem in Berlin islamisches Leben gestaltete und nicht wenige Konvertiten anzog (z. B. Hamid Hugo Marcus, später Muhammad A. Herbert Hobohm, Muhammad Salim Abdullah1).

Zur Geschichte

Die Ahmadiyya ist eine muslimische Sondergemeinschaft aus Nordindien. Ihr Gründer Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908) aus Qadian / Punjab trat ab 1882 mit „Offenbarungen“ an die Öffentlichkeit, durch die er sich u. a. als Gottes Auserwählter, als „Erneuerer“ (Mudschaddid, Reformer), als der „Verheißene Messias“ sowie als Mahdi der Endzeit und Prophet legitimiert sah. Die Ahmadiyya reiht sich damit in die messianischen Bewegungen des Islam ein, die seit frühen Zeiten über die Ismailiten und die schiitischen Mahdi-Bewegungen bis zum Mahdi-Aufstand im Sudan die islamische Geschichte durchzogen.2 Im Jahr 1889 wurde die Ahmadiyya Muslim Jama’at (= Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft) gegründet, deren Name sich nicht vom Gründer, sondern von der Verheißung des „Ahmad“ in Sure 61,6 herleiten soll.3 Ghulam Ahmad behauptete, Wunder vollbringen zu können und u. a. der inkarnierte Krishna wie auch der wiedergekommene Jesus zu sein.

Nach dem Tod seines Nachfolgers, des ersten Khalifatul Masih („Nachfolger des Verheißenen Messias“), kam es zur Spaltung der Bewegung. Eine kleinere Gruppe ließ Ghulam Ahmad nur als Reformer gelten, nicht aber als „Propheten“. Sie lehnte die Mahdi-Vorstellungen der Mehrheit ab und sieht darin bis heute autoritäre, unislamische Strukturen. Nach ihrem zentralen Sitz wird dieser Zweig Lahore-Gruppe genannt, offiziell Ahmadiyya Anjuman Isha’at-i-Islam Lahore (AAIIL). Sie dehnten ihre Mission nach Europa aus, wo sie etwa im Umfeld der ältesten Moschee Deutschlands in Berlin-Wilmersdorf (erbaut ab 1924), die bis heute im Besitz der AAIIL ist, zu Wegbereitern des Islam in Deutschland wurden. Hier entstand die erste islamische Koranübersetzung ins Deutsche, die sich allerdings nicht durchsetzte. Hier erlebte der Islam mit rund 6000 Muslimen in Berlin eine Blütezeit. Im Nachkriegsdeutschland verloren die Lahore-Ahmadis an Bedeutung, heute kämpfen sie als Gemeinde ums Überleben.

Die große Mehrheit der Bewegung, die zudem rasch wuchs, blieb als Ahmadiyya Muslim Jama’at (AMJ) in Qadian und folgte dem „Kalifen“ als der „zweiten Manifestation“ Gottes. Das heutige geistliche Oberhaupt der „Qadianis“, um die es im Folgenden ausschließlich geht, ist seit 2003 Mirza Masroor Ahmad, der Khalifatul Masih V. (geb. 1950 in Rabwah / Pakistan).

Von Anfang an stießen die exaltierten Ansichten und das Sendungsbewusstsein der Ahmadiyya auf heftige Reaktionen von religiösen Führern Britisch-Indiens und der muslimischen Orthodoxie. Diskriminierung und Verfolgung waren die Folge. Anfeindungen waren zwar keineswegs einseitig, bisher einmalig allerdings ist der Vorgang, der 1974 einem formalen Ausschluss der Ahmadiyya aus der muslimischen Gemeinschaft gleichkam. Das pakistanische Parlament und die Islamische Weltliga erklärten die Ahmadiyya zur „nichtmuslimischen Minderheit“ bzw. zu „Nichtmuslimen“. Als sich die Situation verschärfte, mussten viele ihr Glück in der Flucht suchen. Die Zentrale wurde 1984 nach London verlegt.

In Deutschland fasste die AMJ 1949 Fuß. 1954 wurde die heute bekannte Koranübersetzung veröffentlicht, 1959 die Nuur-Moschee in Frankfurt a. M. erbaut, wo sich seit 1969 der deutsche Hauptsitz der AMJ befindet („Bait us-Sabuh“).

Zum hundertjährigen Bestehen der AMJ rief der vierte Kalif 1989 zum Bau von 100 Moscheen in Deutschland bis 2010 auf. Dieses Ziel wurde bald relativiert. In Deutschland leben 30000 bis 50000 AMJ-Anhänger in rund 250 Gemeinden, darunter mehrere hundert Konvertiten. Sie verfügen nach eigenen Angaben über 40 bis 50 Moscheegebäude und 70 Betorte.

Lehre und Praxis

Die Ahmadiyya versteht sich streng sunnitisch. Als Grundlage für Glauben und Lehre gelten die drei „Führungsmittel“ Koran, Sunna (= die Maßnahmen, die Muhammad ergriffen habe, um den Koran „durch fühlbare Anwendung zu erklären“) sowie das Hadith (= „ein unterstützendes Zeugnis für die Sunna“, H. M. Gh. Ahmad, Unsere Lehre, 13f). Die islamischen Gebote und Verbote werden nachdrücklich eingehalten. Die Selbsterklärungen Ghulam Ahmads gehen freilich weit über den sunnitischen (und schiitischen) Rahmen hinaus. Zumal die Anhänger mit dem geforderten Treueeid (Bai’a) sich nicht nur zum islamischen Bekenntnis, sondern auch zum absoluten Gehorsam gegenüber Ahmad und seinen „Kalifen“ verpflichten.4 Muhammads Autorität wird nicht infrage gestellt, doch bedeutet „Siegel der Propheten“ (Sure 33,40) nun lediglich, dass nachfolgende Propheten nicht gesetzgebend sind. So konnte auch Ahmad als Prophet gelten, der viele göttliche Prophezeiungen erhalten habe. Eine andere Sonderlehre beruht auf der Überzeugung, Jesus sei nicht nur vom Kreuzestod verschont worden – s. Sure 4,157f –, sondern anschließend nach Kaschmir gewandert und dort mit 120 Jahren gestorben. Bis heute wird sein angebliches Grab in Srinagar besucht. Die interreligiöse Polemik zieht sich nicht nur bei diesem Thema mit erheblicher Vehemenz durch die Ahmadiyya-Schriften. So sehr eine zugespitzte Einzigartigkeitstheorie und Buchstabengläubigkeit in Bezug auf den Koran gepflegt wird, so ausgeprägt sind die Ausfälle gegenüber Bibel, Christentum und anderen Religionen. Auch Muslime werden als Ungläubige bezeichnet, wenn sie sich gegen die „Reform“ Ahmads stellen. Das Verhältnis zu den Religionen ist perspektivisch von der „Prophezeiung“ bestimmt, dass sie nach 300 Jahren durch den endgültigen und universalen Triumph des Islam – zwar auf friedlichem Wege, der Dschihad wurde vorübergehend für aufgehoben erklärt – überwunden werden.

Ahmadis pflegen Exklusivität, sie dürfen nur untereinander heiraten und haben sich auch sonst in bestimmten Situationen von Nicht-Ahmadis fernzuhalten. Die Bildungs- und Sozialarbeit hat in der missionarischen Tätigkeit einen hohen Stellenwert inne. Auch die Bildung der Frauen wird hochgehalten, was sich jedoch mit einem strikt konservativ-islamischen Rollenverständnis der Frau verbindet (Unterordnung, Geschlechtertrennung, Züchtigungsrecht des Mannes, Polygamie als „Sicherheitsventil“).

Organisation

Die Ahmadiyya-Hierarchie ist auf internationaler, regionaler und lokaler Ebene straff und effektiv organisiert. Unterabteilungen sind die Frauenorganisation (Lajna Imaillah), die Jungmännerorganisation Khuddam ul-Ahmadiyya und die Ansarullah für Männer ab 40. Die Jalsa Salana (jährliche Versammlung) findet in Deutschland seit 1976 statt. Seit 1984 ist Abdullah Uwe Wagishauser Emir (Vorsitzender) der AMJ Deutschland.

Die Mission wird durch eine ausgezeichnete Öffentlichkeitsarbeit unterstützt, so durch das breit gefächerte Schriftenangebot (allein der Koran in mehr als 50 Übersetzungen), die vielfältige Internetpräsenz sowie den eigenen Sender MTA („Muslim TV Ahmadiyya“). Das karitative Engagement, bedeutsam etwa in Schwarzafrika, wird von internationalen Hilfsorganisationen wie „Humanity First“ (Sitz London) getragen.

Stellungnahme

Die Ahmadiyya fällt mit ihrem missionarischen Engagement auf und eckt damit auch an (100-Moscheen-Plan). Die ausdrücklich friedliche Zielsetzung wird indes immer wieder betont, ebenso die relativ eigenständig arbeitenden Frauenorganisationen. Ist von einer islamischen „Reformbewegung“ die Rede, gilt dies im Sinne des Selbstverständnisses (s. o.). Die religiöse Einstellung muss weithin als „puritanisch-konservativ“ (Ahmed) beschrieben werden, teilweise als fundamentalistisch. Dabei macht sich die ausgeprägte apologetische Haltung bemerkbar, die das christliche Selbstverständnis praktisch völlig ausblendet und einen theologischen Dialog erschwert. Konflikte mit hiesigen Rechtsauffassungen können in Fragen der Menschenrechte (besonders Frauenrechte) entstehen, perspektivisch auch hinsichtlich der Trennung von Religion und Staat und implizit der Religionsfreiheit.

Waren die Ahmadis anfangs gefragte Dialogpartner, so werden sie heute vielfach von „orthodoxen“ Vertretern ausgegrenzt. Dem sollte vonseiten der Nichtmuslime nicht jeweils unbedacht gefolgt werden.

Anmerkungen

1 Muhammad Salim Abdullah (Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland e.V., Soest) hat eine bewegte Geschichte hinter sich; er wurde – nach nicht völlig gesicherten Quellen – als Herbert Krawinkel geboren, konvertierte 1952 unter Imam Hobohm zum Islam und hat selbstverständlich nichts mit dem Lahore-Ahmadiyya-Gelehrten S. (= Sheikh, oder auch: Salim) Muhammad Abdullah zu tun, der ab 1928 in Berlin wirkte.
2 Die Entstehung der Bahá’í-Religion hat ebenfalls mit Mahdi-Erwartungen in Iran / Irak Mitte des 19. Jahrhunderts zu tun. Auch christliche und jüdische Endzeithoffnungen wurden im 19. Jahrhundert besonders befeuert, man denke nur an die apostolische Bewegung, die Mormonen, den Adventismus, die Ursprünge der Zeugen Jehovas oder jüdischerseits an den jemenitischen Messias Josef Abdallah (1888), die chassidische CHABAD-Bewegung und natürlich an den säkularisierten Messianismus in Gestalt des Zionismus (Theodor Herzl).
3 Sure 61,6 wird meist so ausgelegt, dass schon Jesus Muhammad / Ahmad als seinen Nachfolger angekündigt habe. Ahmadis sehen darin außerdem die Ankündigung Mirza Ghulam Ahmads als Messias und Wiederhersteller des wahren Islam.
4 Wie Jesus als Messias der „Mose-Bewegung“ 1400 Jahre nach Mose erschienen sei, so jetzt der „Verheißene Messias der Muhammad-Bewegung“ 1400 nach Muhammad. „Deshalb bin ich dieser Verheißene Messias, und sonst niemand. Wer immer ein aufrichtiges ‚Baiat’ mit mir eingeht und aus tiefstem Herzensgrunde mein Gefolgsmann wird, so daß er in ständig wachsendem Gehorsam zu mir alle seine persönlichen Ziele und Absichten aufgibt, wer immer das tut, – aber nur unter dieser Bedingung – der ist der eine, für den meine Seele in diesen Tagen großer Qual wünschen soll, Fürbitte für ihn einzulegen“ (H. M. Gh. Ahmad, Unsere Lehre, 6). Für die Bai’a ist ein festgelegtes Formular vorgegeben.

Quellen

Der Heilige Qur-ân, Arabisch und Deutsch, hg. unter der Leitung von H. M. Masroor Ahmad, Rabwah / Pakistan 1954ff (viele Aufl.)
Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, Unsere Lehre, Frankfurt a. M. (Verlag der Islam) o. J. (ca. 1989)
Hazrat Mirza Nasir Ahmad, Die Wahrheit über die Kreuzigung Jesu, Frankfurt a. M. (Verlag der Islam) o. J. (ca. 1992)
M. Muhammad Ali, Die Religion des Islam, erste deutsche Ausgabe: Columbus / Ohio 1994 (1. Aufl. engl. 1936) (Lahore-Ahmadiyya)
Sir (Muhammad) Zafrullah Khan, Die Frau im Islam, Frankfurt a. M. (Verlag der Islam) o. J. (ca. 1989)

Zeitschriften

Al-Fazl International (Wochenzeitung, Rabwah)
Nuur (= Licht) für Frauen. Islamisches Frauenmagazin
Weißes Minarett. Islamisches Kulturmagazin (unregelmäßig bis 2003, später: Lichtblick. Das islamische Kulturmagazin)
Ahmadiyya-Bulletin (Schweiz)

Internet

www.ahmadiyya.de
www.verlagderislam.de
http://mta-tv.de
www.aaiil.org/german (Lahore-Ahmadiyya)

Sekundärliteratur

Munir D. Ahmed, Ahmadiyya: Geschichte und Lehre, in: Annemarie Schimmel u. a., Der Islam III, Die Religionen der Menschheit, Bd. 25,3, Stuttgart 1988, 415-422
Die Lahore-Ahmadiyya-Bewegung in Europa. Geschichte, Gegenwart und Zukunft der als „Lahore-Ahmadiyya-Bewegung zur Verbreitung islamischen Wissens“ bekannten internationalen islamischen Gemeinschaft, zusammengestellt und bearb. von Manfred Backhausen, Wembley, U.K., 2008
Johannes Kandel, Die Ahmadiyya Muslim Jama’at, in: MD 8/2006, 292-302
Werner Schmucker, Sekten und Sondergruppen. Ahmadis, in: Werner Ende / Udo Steinbach (Hg.), Der Islam in der Gegenwart, 5., aktual. und erw. Aufl. München 2005, 730-732

Friedmann Eißler

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