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Materialdienst 11/2011
Joachim Valentin

An der Schwelle zwischen Fiktion und Realität

Christlich-apokalyptische Religionspolitiken

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Nach Fukushima, Oslo und der Finanzkrise muss man vielleicht auch über Apokalyptik anders sprechen, als man das vorher getan hat. Gleichwohl klammere ich den in den 1980er Jahren prägenden Aspekt einer ökologisch konnotierten Apokalyptik aus, nicht nur aus Gründen der Zeit und der Pragmatik, sondern vor allem, weil trotz des medienindizierten Augenscheins für meine Begriffe in den christlich grundierten Gesellschaften Westeuropas und Nordamerikas das Apokalyptische zur Zeit gerade keine Konjunktur zu haben scheint. Mein Beitrag ist so gesehen dezidiert theologisch, weil er grundsätzlicher nach dem Ort der Eschatologie, der Lehre von den letzten Dingen, in einer allgemeinen Anthropologie sucht und nach einer eher affirmativen Klärung dieses Ortes nach Instrumenten und Materialobjekten für eine Kritik des Apokalyptischen Ausschau hält.

Bereits 1999, zwei Jahre vor den Attentaten des 11. September 2001 und vier Jahre vor Beginn des jüngsten Irakkrieges, konnte man aus der Feder des evangelikalen Autors Tim LaHaye im theologischen Kommentarband zu seiner apokalyptischen Romanreihe „Left Behind“ lesen: „Saddam Husseins Hass gegen Juden, Jesus Christus, dessen Nachfolger und jeden, der sich ihm in den Weg stellt und seine Ziele behindert, ist am ehesten noch als dämonische Besessenheit zu verstehen ... Es könnte sein, dass er ein Vorläufer des Antichristen ist, der bald auf der Weltbühne erscheinen wird, um, wie wir glauben, die Leitung der Vereinten Nationen ... zu übernehmen.“2

LaHayes Romane haben sich 60 Millionen Mal verkauft. Er hat nicht nur die Politisierung der christlichen Rechten in den USA seit den 1970er Jahren massiv befördert, sondern gehört zu den Organisatoren mehrerer ausgesprochen einflussreicher quasipolitischer Organisationen. Sie haben die beiden Wahlkämpfe George W. Bushs maßgeblich finanziert und durch die Mobilisierung einer bisher unerreichten Zahl „wiedergeborener Christen“ wesentlich zu seiner Wiederwahl 2004 beigetragen. Vorstellungen eines endzeitlichen Gerichts mit anschließender, meist ewig gedachter Belohnung beziehungsweise Bestrafung wirken offenbar in besonderer Weise als Kristallisationspunkte, ja als Auslöser der seit einiger Zeit weltweit sich aufschaukelnden religiös grundierten Gewalt.

Sogenannte islamistische Selbstmordattentäter, aber auch der präapokalyptische Blick, den eine ernst zu nehmende Anzahl von US-Bürgern auf die Konflikte im Nahen Osten wirft, sollten auch für Religionswissenschaft und Theologie in Mitteleuropa ein Diskursfeld in den Mittelpunkt ihres Interesses rücken, das hier wegen der irritierenden Spannungen zwischen Glaube und Vernunft, zwischen Fiktion und Realität, die es bestimmen, seit der Aufklärung an den Rand der Wahrnehmung gedrängt wurde.

Entgegen einem lange verbreiteten umgangssprachlichen Vorurteil tut der ausdrücklich fiktionale Charakter apokalyptischer Texte ihrer realpolitischen Wirksamkeit offensichtlich keinen Abbruch. Ihre bloße Verdrängung dekomplettiert den Inhalt der christlichen Religion essenziell und dürfte in Europa die Attraktivität asiatischer Jenseitsvorstellungen wie des neuzeitlich-evolutiv aufgeladenen Reinkarnationsgedankens wesentlich befördert haben. Ob er auch ein Motor für Konversionen zum Islam sein kann, werden die nächsten Jahre zeigen.

In meinem Beitrag sollen zunächst außereuropäische (vor allem US-amerikanische) Phänomene christlicher Apokalyptik in ihrem organischen Anschluss an die semitische und europäische Religionsgeschichte dargestellt werden. Dann wird deutlich, dass nachaufklärerische theologische Sprachformen wie etwa die Theologie Karl Rahners tendenziell eher nicht in der Lage sind, solche Phänomene adäquat zu erfassen. Das Fehlen einer kritischen Theologie in einer Mehrheit der freikirchlichen und pentekostalen Gemeinschaften der USA ebenso wie im Islam generiert auf der anderen Seite eine spezifische und definitiv zerstörerische Verwendung apokalyptischer Sprachformen. Wo der europäische religionswissenschaftliche Diskurs auf dieses Phänomen trifft, neigt er nicht selten zu Marginalisierung, Verharmlosung oder Denunziation.

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Anmerkungen

1 Der Beitrag ist die vollständig überarbeitete und aktualisierte Version eines Textes, der erschienen ist in: Gregor Maria Hoff / Hans Waldenfels (Hg.), Die ethnologische Konstruktion des Christentums, ReligionsKulturen Bd. 5, Stuttgart 2008, 115-131.
2 Tim LaHaye / Jerry B. Jenkins, Leben wir in der Endzeit? Biblische Prophezeiungen und ihre Bedeutung für heute, Aßlar 2004, 134.

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