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Materialdienst 8/2011
Martin Hailer

Sind Magie und Christentum Gegensätze?

Eine alte Polemik neu betrachtet

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Das scheint irgendwie klar zu sein: Magie und Glaube haben nichts miteinander zu tun. Magie ist gestrig und primitiv. Magie gehört in Bereiche der religiösen Gegenwartskultur, die dezidiert außerhalb des Christentums angesiedelt sind, etwa in der neu-alten Religion und Praxis der Hexen oder in esoterischen Heilungszirkeln. Die Abneigung, so scheint es, ist wechselseitig: Wer sich als christlich versteht, wird Magie als falsches Heilsversprechen und als Sünde von sich weisen, und wer Magie praktiziert, etwa im expliziten Selbstverständnis als Hexe oder als deren Klient, wird für sich Gründe benennen, warum er oder sie den Wahrheitsansprüchen des Christentums misstraut. So jedenfalls ist es gewesen, als bei der Tagung, auf der die Vortragsfassung dieses Aufsatzes diskutiert wurde, eine sich explizit als Hexe verstehende Frau und zwei ihrer Begleiterinnen zum Gespräch erschienen. Es war ein freundlicher Dialog, bei dem die Gesprächspartnerinnen bereitwillig Auskunft über ihre Überzeugungen und Praktiken gaben und auch eine Reihe von Gegenständen mitbrachten, die sie dabei einsetzen. Jedoch schien klar, dass zwei Überzeugungssysteme, ja zwei Welten aufeinandertreffen. Das zeigte sich deutlich, als ein Konferenzteilnehmer die Hexe aufforderte, sie möge zum Beleg ihrer Fähigkeiten doch ein wenig praktische Magie hier und jetzt veranstalten. Das wies sie als reine Zurschaustellung zurück. Ich kann das gut verstehen und würde, bäte mich ein Angehöriger einer anderen Religion, etwa „Abendmahl vorzuführen“, auch nicht anders reagieren. Freilich festigte sich durch die Episode mindestens bei diesem Teilnehmer der Eindruck von den beiden Welten ohne Schnittmenge.

Im Folgenden möchte ich diesem Eindruck widersprechen. Er soll danach nicht verschwunden sein, aber ich werde argumentieren, dass es eine Schnittmenge, einen grauen Bereich zwischen Magie und christlichem Glauben gibt. Entsprechend ist es nicht richtig, Menschen, denen an magischer Praxis liegt, wie in einem Terrarium zu betrachten: Theologisches Reden über Magie ist immer auch Selbstauskunft des Glaubens, da, wo es Nähen zu sehen gibt, genauso wie in der weiterhin nötigen kritischen Distanzierung – einschließlich der Distanzierung von Praktiken und Selbstverständnissen des Glaubens selbst.

Eine klassische Vorstellung von Magie und ihr alltägliches Vorkommen

In der Religionswissenschaft gibt es, wenn man zunächst einmal grob unterscheidet, zwei Stufen der Auseinandersetzung mit Magie. Die eine versteht Magie wesentlich als frühe und primitive Praxis der Religion, die durch die Weiterentwicklung von Religion und Gesellschaft überwunden wird und früher oder später zum Aussterben verdammt ist. Entsprechend findet man magische Praxis bei Gruppierungen, die mit aller Vorsicht als nicht oder wenig entwickelt einzustufen sind. Hier beherrscht eine evolutionäre Vorstellung von Religion die Szenerie, die davon ausgeht, dass in Religionen eine Dynamik zur Weiter- und Höherentwicklung gleichsam eingebaut ist. Freilich kann man mit guten Gründen fragen, ob das überhaupt der Fall ist.

Skeptiker in dieser Hinsicht gelangen in Sachen Magie denn auch zu signifikant anderen Ergebnissen. Am bekanntesten wurde hier eine Arbeitsdefinition, deren wichtigste Voraussetzung man als sektoral bezeichnen könnte. Nach ihr gibt es verschiedene Dimensionen des Lebens und Erlebens, die jeweils einer gewissen Eigendynamik folgen. Sie können eng benachbart oder distant voneinander sein; auch Überschneidungsbereiche sind nicht ausgeschlossen. Jedenfalls aber lassen sich funktionale Eigenständigkeiten dieser Lebensbereiche erkennen.

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Anmerkung
 
1 Dem Beitrag liegt ein Vortrag gleichen Titels zugrunde, der bei der Beratertagung „Magie zwischen Hirngespinst, Täuschung und Wunder. Ein Problem in Beratung und Seelsorge“ am 19.2.2011 in der EZW gehalten wurde. Beide beziehen viel Material aus meinem Aufsatz: Wie viel Magie verträgt der Glaube? Systematisch-theologische Reflexionen, in: Gabriele Lademann-Priemer / Rüdiger Schmitt / Bernhard Wolf, Alles fauler Zauber? Beiträge zur heutigen Attraktivität von Magie, Münster 2007, 103-136.

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