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Materialdienst 8/2011
Christian Troll SJ, Thomas Schirrmacher

Der innerchristliche Ethikkodex für Mission

Eine Einführung

Seit 2006 arbeiteten der Päpstliche Rat für den Dialog mit den Religionen und die für das Verhältnis zu den anderen Religionen zuständigen Abteilungen des Weltkirchenrates und der Weltweiten Evangelischen Allianz an einem Ethikkodex für Mission. Christian Troll SJ und Thomas Schirrmacher nahmen an der letzten Konsultation in Bangkok teil und führen in das jüngst unter dem Titel „Christian Witness in a Multi-Religious World – Recommendations for Conduct“ veröffentlichte Ergebnis ein. Der Ethikkodex ist im Internet über die Seite des Ökumenischen Rates der Kirchen (www.oikoumene. org) zugänglich. Im Anschluss an die Einführung dokumentieren wir ihn in der vom ÖRK verbreiteten Übersetzung.


Die Frage nach der Ethik der Mission stellt sich in den letzten Jahren zunehmend im innerchristlichen Diskurs1 sowie im Verhältnis zwischen den Religionen.2 Aber auch die Politik fragt, inwieweit das Menschenrecht der Religionsfreiheit3, einschließlich des Rechts auf öffentliche Selbstdarstellung der Religionen und des Religionswechsels, durch andere Menschenrechte begrenzt werden darf und muss.4

Die erste Konsultation im Jahre 2006 im italienischen Lariano war eine interreligiöse, bei der Vertreter der christlichen Konfessionen auf Angehörige verschiedener Religionen hörten. Am Ende stand ein gemeinsames Bekenntnis zur Religionsfreiheit, aber auch ein innerchristliches Arbeitsprogramm.

Bei der zweiten Konsultation im Jahre 2007 im französischen Toulouse handelte es sich um eine innerchristliche Zusammenkunft. Ziel war es, sowohl eine gemeinsame Richtung zu finden als auch einen Problem- und Fragenkatalog aufzustellen. Fragen zu Familie, Schule, Bildung, sozialer und medizinischer Versorgung, Wirtschaft, Politik, Gesetzgebung und Gewalt wurden diskutiert. Am Ende stand eine grobe Gliederung für das kommende Dokument.5 Man begann aufzulisten, welche Mittel der Mission als unethisch zu qualifizieren und somit zu verwerfen sind. Dazu gehören etwa der Einsatz von Gewalt, Drohungen, Drogen oder Gehirnwäsche, aber ebenso auch das Verschaffen materieller Vorteile oder der Einsatz von Polizei oder Armee zur Verbreitung einer Religion. Ein solcher Ethikkodex für Mission sollte aus christlicher Sicht die Formen des Missbrauchs der Religionsfreiheit näher benennen und damit nicht zuletzt auch der Politik eine Hilfestellung bieten.

Eine kleine Gruppe von etwa neun Mitarbeitern des Heiligen Stuhls, des Weltkirchenrats und der Weltweiten Evangelischen Allianz, die sich 2006 bis 2011 regelmäßig in Genf bzw. Bossey und Rom traf, formulierte daraufhin in Stufen einen Textvorschlag, der 2010 an viele Kirchenführer, Mitgliedskirchen und Kommissionen versandt wurde. Ungezählte Vorschläge wurden ausgewertet und eingearbeitet. Dieser ganze Prozess wurde vom Päpstlichen Rat für Interreligiösen Dialog (PCID) organisiert, dessen Delegation insbesondere Erzbischöfe und andere Kirchenführer aus Asien und Afrika angehörten, sowie vom Büro für Interreligiöse Beziehungen und Dialog (IRRD) des Weltkirchenrates (WCC), dessen Delegation neben evangelischen Kirchenführern auch aus Vertretern der orientalischen und orthodoxen Kirchen und der Pfingstkirchen bestand. Für die Weltweite Evangelische Allianz waren die Kommission für Religionsfreiheit (RLC) und die Theologische Kommission aktiv. Durch die Einbeziehung zahlreicher Kirchenführer aus allen Kontinenten waren schnelle Ergebnisse nicht zu erwarten.

Zur dritten, ebenfalls innerchristlichen Konsultation trafen sich vom 25. bis 28. Januar 2011 in Bangkok Experten und hochrangige Kirchenführer ausschließlich, um intensiv am endgültigen Text zu arbeiten. Der dort erarbeitete Text wurde nur noch in kleineren Details von den jeweils höchsten Gremien der drei Körperschaften in Absprache untereinander geändert. Alle Konfessionen, die sich ohne Wenn und Aber für die Religionsfreiheit aussprechen und einsetzen, sind gleichzeitig daran interessiert, dass gerade auch innerchristlich gemeinsam über die Grenzen der Religionsfreiheit sowie über unethische Methoden der Mission gesprochen wird. Auch sind sich mittlerweile alle der Tatsache bewusst, dass es in allen Konfessionen in Bezug auf die genannten Fragen Probleme gibt und somit gerade auch diesbezüglich ein selbstkritischer innerchristlicher Dialog angesagt ist.

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Anmerkungen

1 Siehe Elmer Thiessen, The Ethics of Evangelism. A Philosophical Defence of Proselytizing and Persuasion, Paternoster / Exeter 2011; Papst Benedikt XVI., Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung, Vatikanstadt 2007.
2 Alle derzeitigen internationalen Vereinbarungen, Selbstverpflichtungen und „Codes“ vergleichen Matthew K. Richards / Are L. Svendsen / Rainer Bless, Codes of Conduct for Religious Persuasion. The Legal Practice and Best Practices, in: International Journal for Religious Freedom (Cape Town)
3 (2010) 2, 65-104. 3 Vgl. die internationale Konsultation an der Universität Bamberg: Marianne Heimbach-Steins / Heiner Bielefeldt (Hg.), Religionen und Religionsfreiheit. Menschenrechtliche Perspektiven im Spannungsfeld von Mission und Konversion, Würzburg 2010.
4 Siehe die 2010 in Norwegen interreligiös und in säkularem Ton verabschiedete Oslo Declaration, Missionary Activities and Human Rights: Recommended Ground Rules for Missionary Activities,
www.oslocoalition.org/mhr.php (5.7.2011), dort auch deutsche Übersetzung.
5 Das Programm umreißt der Eröffnungsvortrag der Konsultation in Toulouse: Thomas Schirrmacher, „But with gentleness and respect“. Why missions should be ruled by ethics, Kurzfassung in: Current Dialogue (World Council of Churches) 50 (Februar 2008), 55-66, lange Fassung unter
www.worldevangelicals.org/news/article.htm?id=1372 (5.7.2011), deutsch: „Mit Sanftmut und Ehrerbietung“. Warum die Mission von der Ethik bestimmt sein muss, in: Klaus W. Müller (Hg.), Menschenrechte – Freiheit – Mission, edition afem – missions reports 18, Nürnberg 2010, 97-119.

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