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Materialdienst 7/2011
Michael Hausin

Die zehn verlorenen Stämme Israels und die weiße Rasse

Der Antisemitismus von "Christian Identity"

Zehn der zwölf Stämme Israels gelten seit ihrer Verschleppung durch die Assyrer 722 v. Chr. als die „verlorenen Stämme“. Diese haben seit alters die Phantasie beschäftigt. Sind sie einfach in anderen Völkern aufgegangen? Das ist die wahrscheinlichste, einfachste und unspektakulärste Lösung. Oder konnten sie sich geschlossen in andere Weltgegenden absetzen, sodass ihre Nachfahren aufgespürt werden können? Bis heute finden sich Ethnologen und Hobbyforscher, die in verschiedenen Weltregionen die Nachfahren der verlorenen Stämme gefunden haben wollen. Die Falaschas in Äthiopien oder Bergstämme in Afghanistan, geschlossene Dorfgemeinschaften in Indien und Pakistan werden genannt.

In den 1920er Jahren entstand in den USA die Christian-Identity-Bewegung, die behauptet, nur Angehörige der „weißen Rasse“ seien die Nachkommen der Israeliten, und sie allein seien die Träger der biblischen Verheißungen. Diese skurrile Ansicht könnte als exzentrische Schrulligkeit betrachtet werden. Leider verbindet sich mit dem Anspruch, das wahre Israel zu sein, jedoch eine Abwertung der Juden und die Relativierung des Holocaust.

„Christian Identity“ wurzelt in der im 19. Jahrhundert von England ausgehenden einflussreichen Bewegung des „British Israelism“ (Britisch-Israel-Theorie), die in den Angelsachsen die verlorenen Kinder Israels sehen wollte, aber durchaus noch philosemitisch eingestellt war. Die von der Christian-Identity-Bewegung vertretene Auffassung hat bis heute ihre Anhänger und fand auch in Deutschland Parteigänger. Der Freundeskreis um die vom gleichnamigen Verlag herausgegebene Zeitschrift „Morgenland“ (Salem am Bodensee) vertritt die Auffassung, dass die weißen Europäer die wahren Nachfahren der zehn, ja sogar aller zwölf Stämme seien. Der von Dieter Braun geleitete Morgenland-Verlag vertritt die Israel-Europäer-Idee sozusagen als Kerngeschäft. Daneben findet sich ein Sammelsurium an Verschwörungstheorien, z. B. die Bestreitung der Mondlandung. Es fehlt nie der Hinweis auf die geheime Macht der Freimaurer und Illuminaten. Ein weiterer Kernpunkt ist die Propagierung der Innenweltheorie, da sie am besten mit dem wörtlich verstandenen Angaben der Bibel übereinstimme. Nach dieser Theorie ist die Erde keine Kugel, sondern die Menschen leben im Inneren einer Kugel, die den ganzen Kosmos umschließt. Auf den ersten Blick gehört „Morgenland“ ins christlich-fundamentalistische Lager. Die kruden Verschwörungstheorien und die Verknüpfung von Germanentum und Israelismus haben aber dazu geführt, dass Dieter Braun und sein Verlag auch dort „völlig isoliert“ dastehen.1

Die Britisch-Israel-Theorie

Im England der Reformationszeit erhielt die Vorstellung Auftrieb, dass die Engländer die leibhaftigen Nachfahren der verlorenen zehn Stämme seien. Diese Ansicht war nicht ganz neu. Bereits im 8. Jahrhundert hatten englische Mönche – unter ihnen der große Beda Venerabilis – darüber spekuliert, wo die „Inseln des Meeres“ lokalisiert werden könnten, von denen die Propheten Jesaja oder Jeremia sprechen: Es könne sich nur um die Britischen Inseln handeln. Auch linguistische Spekulationen schienen die hebräische Herkunft der Briten zu untermauern: Hieß hebräisch „Ish Brit“ nicht „Mann des Bundes“? Gaben sich die Briten den Namen bewusst, als sie noch von ihrer Herkunft wussten?

Aus der Vorliebe der Calvinisten für das Alte Testament speiste sich später diese „englische Selbstidentifikation“2. Da die zehn Stämme zur Zeit Jesu nicht in Israel beheimatet waren, traf sie der Fluch nicht, den die Kirche den Juden zusprach. Mithin waren die Verheißungen zur Weltherrschaft als „auserwähltes Volk“ ganz auf England und die Angelsachsen übergegangen. Diese Vorstellung untermauerte während der Epoche des Imperialismus die Herrschaft Britanniens über weite Teile der Erde. Einen sichtbaren Beweis für das Auserwähltsein, neben dem Besitz des größten Kolonialreichs der Geschichte, sah man im Besitz des „Stone of Scone“, des traditionellen Krönungssteins der schottischen Könige. Er soll der Stein sein, auf den der Patriarch Jakob seinen Kopf legte (1. Mose 28).3

Man ist bemüht, die Königslinie der englischen Monarchie bis zu König David zurückzuführen. Um diese Abstammungslinie zu begründen, nimmt man historische Fakten und verlängert sie um Fiktion.

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Anmerkungen

1 Gerhard Gronauer, „Wünschet Jerusalem Glück“ MBS-Texte 69, 2006, 30. In der Regel sechsmal im Jahr erscheint das 20-seitige Heft „Morgenland“. In Stuttgart findet monatlich ein Bibelkreis eines Morgenland-Leserkreises statt.
2 Hans-Joachim Schoeps, Zehn verlorene Stämme Israels, in: RGG3, Bd. 6, 1876.
3 Der „Stone of Scone“ war der als magisch verehrte Krönungsstein der schottischen Pikten, auf dem der schottische König gekrönt oder ausgerufen wurde. 1296 wurde er als Kriegsbeute von den Engländern nach Westminster gebracht und in den Krönungsstuhl eingebaut. Tony Blair ließ ihn 1996 zurück nach Schottland bringen, wo er seither im Edinburgh Castle liegt. Der Stein soll nicht weniger als die physische Anwesenheit Gottes vermitteln. Joseph soll ihn nach Ägypten gebracht haben. Beim Auszug wurde er mitgeführt, und aus ihm soll das Wasser geflossen sein, das die Israeliten in der Wüste vor dem Verdursten rettete (4. Mose 20,7f).

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