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Materialdienst 7/2011
Wolf Krötke

Der Glaube an den einen Gott im Judentum, Christentum und Islam

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Drei Religionen – ein Gott?

Der Islam bzw. seine Einschätzung in unserem Lande sorgt derzeit für eine nicht geringe Aufregung. Erst hatte Thilo Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ die Integrationsfähigkeit der angeblich über 4 Millionen Muslime in Deutschland in Frage gestellt und das mit einer fragwürdigen Inanspruchnahme von Vererbungstheorien begründet. Dann hat der Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede aus Anlass der Feier des 20. Jahrestags der deutschen Einheit den Satz gesprochen: Auch „der Islam gehört zu Deutschland“. Sofern damit gemeint war, auch die eingewanderten Muslime aus verschiedenen Ländern, die hier leben und wirken, gehörten zu Deutschland, ist dagegen nichts zu sagen. Indem Wulff aber von „dem Islam“ gesprochen hat, hat er den Eindruck erweckt, die Religion des Islam gehöre zu den kulturellen, den ethischen und ästhetischen Grundlagen unserer Gesellschaft. Er hat sich damit vergleichbar viele Proteste eingehandelt wie Sarrazin aus umgekehrtem Grunde. Während dem einen vorgeworfen wird, er wolle die Menschen muslimischen Glaubens diskreditieren, wird dem anderen unterstellt, er befördere eine von vielen befürchtete Islamisierung und damit eine Verfremdung unserer Gesellschaft und Kultur.

Kaum eine Rolle spielt in dieser erregten Diskussion aber die religiöse Grundlage des Islam, d. h. der besondere Charakter des Gottesglaubens der Muslime. Was Probleme bereitet und was diskutiert wird, sind die kulturellen Eigentümlichkeiten, die sich mit diesem Glauben verbunden haben. Dazu zählen z. B. die Rechtsauffassungen der Scharia, das Verständnis der Rolle der Frauen und mancherlei bei uns befremdliches Brauchtum. Mit diesem Befremdlichen verbinden sich soziale und bildungspolitische Probleme und Konflikte mancher muslimischer Bevölkerungsgruppen, die wir in Berlin hautnah zu spüren bekommen. Ich gehe an dieser Stelle auf das alles nicht ein und verweise stattdessen auf die Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland „Klarheit und gute Nachbarschaft“ von 2006, in der zu Problemen der gesellschaftlichen Integration, der kulturellen und ethischen Besonderheiten des Lebens der Muslime ausführlich Stellung bezogen wird.

Unsere Fragestellung ist ein andere. Sie lautet: Können die christlichen Kirchen nicht dazu beitragen, dass die Gemeinsamkeiten und Berührungen des Gottesglaubens im Judentum, im Christentum und im Islam zu einer Quelle der Verständigung und des guten Zusammenlebens von Juden, Christen und Muslimen in unserer Gesellschaft werden? Denn schließlich eint sie im Unterschied zu anderen Religionen etwas Fundamentales. Sie sind monotheistische Religionen; Religionen, die an nur einen außerweltlichen Gott glauben. Mehr noch: Sie haben diesen Glauben auf der Grundlage der gleichen religiösen Traditionen gewonnen.

Der Monotheismus, der sich – historisch gesehen – im 6. Jahrhundert v. Chr. in Israel ausbildete, ist das Charakteristikum des jüdischen, des christlichen und des muslimischen Gottesglaubens. Die alttestamentliche Tradition hat das Entstehen dieses Monotheismus in graue Urzeiten zurückprojiziert und dem Glauben eines Urvaters Israels zugeschrieben. Das ist Abraham. Sowohl das Judentum wie das Christentum wie der Islam berufen oder beziehen sich auf diesen Urvater, wenn sie die Wurzeln ihres monotheistischen Gottesglaubens benennen. Sie werden deshalb in der Religionswissenschaft auch „abrahamitische“ Religionen genannt. Für Christen klingt diese Bezeichnung sicher ungewöhnlich. Denn obwohl Paulus Abraham den „Vater aller Glaubenden“ nennt und das Neue Testament verschiedentlich auf die Frömmigkeit Abrahams zu sprechen kommt, weist der Name Jesus Christus die christliche Identität aus. Dennoch ist nicht in Abrede zu stellen, dass Judentum, Christentum und Islam mit ihrem auf Abraham zurückgeführten Monotheismus Religionen eines gleichen Typos sind.

Sie verneinen gemeinsam den Polytheismus, d. h. die religiöse Vorstellung, dass unsere Welt von Göttern oder göttlichen Naturmächten durchwaltet sei. Der Monotheismus hat die Welt „entgöttert“, indem er den einen Gott ganz jenseitig verstand. Im Glauben an den einen außerweltlichen Gott ist diese Welt nichts als Welt, Gottes Schöpfung im Unterschied zu Gott, der kein Teil der Welt ist. In dieser religiösen Anschauung steckt ein großes Potenzial der Freisetzung von menschlicher Verantwortlichkeit für diese Welt. Die monotheistischen Religionen sind welthistorisch betrachtet der Nährboden für das Entstehen freier Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, also der Naturwissenschaften. Sie sind Triebkraft einer Ethik, in der Menschen von Gott aufgerufen sind, für die von ihm geschaffene Welt Verantwortung zu übernehmen.

Eigentlich und ein bisschen abstrakt gesehen setzt also das gemeinsame Wesen der monotheistischen, „abrahamitischen“ Religionen phantastische Möglichkeiten frei, sich bei Aufgaben der Gestaltung von Gottes Schöpfung und des menschlichen Zusammenlebens miteinander zu verbünden. Der Islam hat in seiner Blütezeit vor der ersten Jahrtausendwende unter Beweis gestellt, welche wissenschaftliche und kulturelle Energie in ihm steckt. Wir bewundern das noch heute in Südspanien und an anderen Orten der muslimischen Welt. Warum diese Energie erschlafft ist und der Islam heute als eine Religion erscheint, die sich nur mühsam in den Entwicklungen der wissenschaftlich-technischen Welt und den dadurch ausgelösten Veränderungen des Menschenbildes zurechtfindet, ist eine Frage, an der sich wissenschaftliche Untersuchungen die Zähne ausbeißen. Jedenfalls ist es nicht zur gemeinsamen Inanspruchnahme jener Möglichkeiten verantwortlicher Weltgestaltung durch die drei monotheistischen Religionen gekommen. Die Geschichte hat diese drei miteinander verwandten Religionen vielmehr nachhaltig gegeneinander getrieben. Antisemitismus in der Christenheit, Verketzerung der Muslime, gewaltsame Ausbreitung des Islam und Kreuzzüge haben unvernarbte Wunden in ihr Verhältnis zueinander geschlagen. Als „ewiger Zwist“ um den „stärkeren Gott“ hat der „Spiegel“ in seiner Weihnachtsausgabe 2009 dieses Verhältnis beschrieben.

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1 Gemeindevortrag im Rahmen der Bornstedter Sonntagsgespräche Potsdam.

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