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Materialdienst 5/2011
Georg Schmid

Sathay Sai Baba und die absolute Liebe

Sathya Sai Baba, 1926 in Puttaparthi (Andhra Pradesh, Südindien) als Sathyanarayan Raju geboren, ist einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Gurus. Ihm werden angeborene Heil- und Wunderkräfte zugeschrieben, unter anderem die Fähigkeit, verschiedene Gegenstände zu „materialisieren“. Georg Schmid hat im Januar 2011 Sai Babas Ashram Prashanthi Nilayam („Wohnstätte des höchsten Friedens“) in der Nähe seines Geburtsortes besucht.


Nach zwölf Jahren komme ich zum ersten Mal wieder nach Puttaparthi. Immer noch wird überall heftig gebaut. Ich frage einen Hotelangestellten, was mit all den Bauten gemacht werden soll, wenn Sai Baba nicht mehr lebt. Seine Antwort: „Er ist jetzt 85 und sagt, er lebe noch bis 99.“ Vor zwölf Jahren hatte sich der Guru eine etwas kürzere Lebenszeit prognostiziert, aber auch 99 Jahre sind nun absehbar. Die Gemeinschaft um Sai Baba hat allerdings vorgesorgt: Das neue Sai-Baba-Museum, ein wahrer Prachtbau im Ostasienlook, hat Sai Baba einer seiner früheren Offenbarungen entsprechend bereits so weit verabsolutiert, dass Puttaparthi für überzeugte Sai-Schüler auch dann unverzichtbar bleibt, wenn Prem Sai, die angekündigte nächste Inkarnation, seine Wirksamkeit in Karnataka (und nicht in Puttaparthi) entfalten wird. Denn so liest man im Museum: In Shirdi Baba (letzte Inkarnation vor Sai Baba) hat sich Shiva inkarniert. In Prem Sai wird sich Parvati (Shivas Gattin) inkarnieren. Im heutigen Sai Baba inkarnierten sich aber Shiva und Shakti (Parvati).

Unter den vielen im Auftrag von Sai Baba errichteten Gebäuden – die meisten dank der zarten Farbtöne Lila, Vanillegelb und Hellblau sofort als Bauten im Umfeld des Meisters erkennbar – nimmt das neue Museum eine besondere Stellung ein. Ich habe noch nie einen ähnlich aufwändigen Tempel der Guru-Vergötterung gesehen. In allen Teilen entspricht das Gurulob des Museums wahrscheinlich zwar bisheriger Meisterlegende und Meisterselbstdeklaration, aber noch nie ließ sich bisher das Halleluja – genauer das „Sai Ram, Sai Ram“ –, das den Meister schon seit Langem einhüllt, in derartiger Polyphonie vernehmen.

Überall Sai Baba

Sai Baba wurde – so sagt es die im Museum bunt ausgemalte Legende – ohne menschlichen Vater empfangen. Eine Lichtkugel trat in seine Mutter, als sie unterwegs war, Wasser am Brunnen zu holen. Nach diesem Ereignis war sie schwanger. Sai Baba soll schon als Kind seine göttliche Natur mehr als einmal unter Beweis gestellt haben: Einmal vertrat er als Knabe auf geniale Weise den Lehrer. Ein anderes Mal hielt er Schulkameraden dazu an, einen Hanumanstein ehrfürchtig zu umrunden. Plötzlich tauchte Hanuman selbst aus der Erde auf, verneigte sich vor dem kleinen Sai Baba und meinte feierlich: „Eigentlich muss ich dich umrunden, nicht du mich.“ Im Museum wird diese Szene mit mechanisch bewegten, lebensgroßen Figuren nachgestellt. Schon 1935 soll Sai Baba Blumen und Süßigkeiten materialisiert und sich als Reinkarnation von Shirdi Sai Baba verstanden haben.

Selbstverständlich brechen die Wunder später nicht ab. Im Gegenteil – je deutlicher sich Sai Baba zum Avatar (= Herabkunft Gottes, göttliche Inkarnation) der Millionen entwickelt, desto offenkundiger werden Wunder zu seinem eigentlichen Markenzeichen. In fast ermüdender Ausführlichkeit wird im Museum in Film und Zeichnungen dargestellt, wie er allerlei Gegenstände materialisiert, wie ihm das Meer eine Perlenkette vor die Füße legt oder wie er in seiner Allgegenwart Anhängern in Lebenskrisen überall auf der Welt beisteht. Besonders eingehend wird in Videos gezeigt, wie Sai Baba in der heiligen Shivanacht Ende Februar oder Anfang März – in jener Nacht, in der Shiva über die Erde geht, in allen seinen Lingas (unbildliche Symbole des Gottes Shiva, meist phallisch geformte Kultsteine) weilt und durch seine Gegenwart die Gläubigen von Sünden und schlechtem Karma erlöst – ein Shivalinga, einen ovalen Stein oder ein längliches, glattes, in etwa eiförmiges Metallstück, das angeblich in seinem Körper entstanden ist, aus seinem Mund zieht oder erbricht. Bei einem früheren Besuch in Puttaparthi sagte man mir, dass jeder, der diese Geburt des Linga mitansah, erlöst ist und nicht mehr wiedergeboren werden muss.

Zuletzt wird Sai Baba als der Gott aller Götter gezeigt. Er sitzt auf allen nur denkbaren hinduistischen Vahanas (Reittiere der Gottheiten). Er ist der wahre Vishnu, Shiva, die wahre Sarasvati, Lakshmi usw. Er sitzt sogar in der Mitte eines tibetischen Tankas (lamaistisches Rollbild zu Meditationszwecken), er ist der wahre Bodhisattva oder Buddha, und er zeigt sich als Vishvarupa, als Gestalt, die den ganzen Kosmos in sich integriert. Genau betrachtet gibt es nur ihn. Er allein wohnt und wirkt im Grund und im Herzen aller Wesen und Dinge. Aber er ruht und west in allem nicht nur als fernes, absolutes Sein. Er ist absolute göttliche Potenz, aber auch jederzeit bereit, zu unserem Wohl und vielleicht auch strafend zu unserem Wehe in den Lauf der Ereignisse einzugreifen. Wohl dem, der sich ihm mit freundlichen Gedanken nähert.

Je länger sich unser Besuch im neuen Museum hinzieht, desto öfter frage ich mich, mit welchem Empfinden sich wohl Sai Baba selbst dieses Museum angeschaut hat. Hat er all dem zugestimmt, was man hier über ihn sagt? Oder ist er – Videos zu seinen Auftritten in den letzten Monaten und Jahren könnten dies vermuten lassen – ein so alter und in seinen Möglichkeiten schon derart eingeschränkter Meister, dass er die Wogen der Verehrung einfach über sich hingleiten lässt?

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