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Materialdienst 5/2011
Psychologie/Psychotherapie

Negative Presse für die Positive Psychologie

Wenn ein Popstar sein neues Album fertiggestellt hat, ist eine Tournee fällig. Nach den Konzerten findet der frisch gebrannte Silberling bei der wartenden Fangemeinde in der Regel reißenden Absatz. Ein Popstar der Psychologenzunft ist Martin Seligman, der sich zu den 15 meistzitierten Psychologen der Welt zählt. Bekannt wurde der Professor an der Universität Philadelphia durch seine Theorie der „erlernten Hilflosigkeit“. Nachdem er 1998 zum Präsidenten der amerikanischen Psychologenvereinigung (APA) gewählt worden war, hat er maßgeblich dazu beigetragen, die „Positive Psychologie“ zu einer erfolgreichen akademischen Disziplin zu entwickeln. Mittlerweile werden auch in England, Italien und Spanien Masterstudiengänge in „Applied Positive Psychology“ angeboten. 2009 lockte Seligman zum ersten Weltkongress der „International Positive Psychology Association“, der an seinem Institut veranstaltet wurde, 1500 Wissenschaftler aus über 50 Ländern nach Philadelphia; der zweite Weltkongress wird dort vom 23. bis 26. Juli 2011 stattfinden.

Seligman hat ein neues Buch geschrieben (Flourish. A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being). Darin erläutert er seine neue Theorie des Wohlbefindens, die auf Wachstum („flourishing“) gründet. Die deutsche Übersetzung des gerade erschienenen Werkes soll rechtzeitig zu den beiden großen europäischen Symposien zur Positiven Psychologie in Zürich und Heidelberg fertig sein, die intensiv beworben werden und Anfang Juli 2011 stattfinden sollen (www.selig maneurope.com). Ob die skeptischen Europäer auf den Zug der Positiven-Psychologie-Fans aufspringen, ist aber noch nicht ausgemacht.

Während die akademische Psychologie bisher eher zurückhaltend auf diesen Trend reagierte, wird die Positive Psychologie im Coaching und in der Personalentwicklung euphorisch aufgegriffen. Häufig werden ihre Methoden schon in Wirtschaft, Erziehung, Therapie und Politik angewendet. Sicher korrigiert diese neue Richtung der Psychologie das moralpessimistische Menschenbild der traditionellen Psychoanalyse und des klassischen Behaviorismus. Sie stellt in den Mittelpunkt, dass der Mensch zum Guten fähig ist und ethische Werte sein seelisches Wohlbefinden fördern (vgl. Bernhard Grom, Positive Psychologie auf den Pfaden der Tugend, in: Stimmen der Zeit 4/2011, 278-280). Aber ob an dem neuen Trend mehr dran ist als simpler Zweckoptimismus, darüber gehen die Expertenmeinungen weit auseinander. Kritiker bemängeln den suggestiven Grundansatz als „Wohlfühlterror“. Vielleicht spielen hier aber auch kulturelle Unterschiede eine Rolle – in den USA ist das „Streben nach Glück“ grundrechtlich abgesichert.

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Michael Utsch

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