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Materialdienst 5/2011
Ulrike Treusch

Faszination Fantasy

Fantasy ist in, nicht nur durch die Verfilmungen von Bestsellern in den letzten Jahren, z. B. der Harry-Potter-Reihe (Joanne K. Rowling), der Herr-der-Ringe-Trilogie (J. R. R. Tolkien), der Chroniken von Narnia (C. S. Lewis) oder der Serie „His Dark Materials“ (Philip Pullman), und das dazugehörige Merchandising. „Fantasy“ ist in fast jeder Sparte vertreten, in Buch und Film, in Musik und Kunst und in Rollenspielen (von den klassischen Pen-and-Paper-Spielen zu interaktiven Rollenspielen im World Wide Web).

Den Einstieg in die Fantasy-Welt bieten meist die Bücher. Wer im Frühjahr 2011 die Filiale einer Buchhandelskette betritt, wird mit dem Phänomen Fantasy meist gleich im Eingangsbereich konfrontiert. In fast jeder Buchhandlung findet sich in der Belletristik-Abteilung ein spezieller Bereich für Fantasy-Literatur, der im Umfang des Sortiments dem Krimi- und Thriller-Angebot gleichkommt. In den Kinder- und Jugendbuchabteilungen stellen Bücher unter dem Label Fantasy sogar das überwiegende Angebot, seien es Neuerscheinungen oder Bestseller wie die Bis(s)-Reihe von Stephenie Meyer. Die Spiegel-Bestsellerliste vom Februar 2011 nennt in der Sparte Jugendbuch unter den ersten 20 Titeln rund zehn Fantasy-Titel, darunter Cornelia Funkes „Reckless – Steinernes Fleisch“ und „Tintentod“, Jonathan Strouds „Bartimäus – Der Ring des Salomo“, Stephenie Meyers „Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl“, Joanne K. Rowlings „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“, Mary Pope Osbornes „Die geheimnisvolle Welt von Merlin“, Erin Hunters „Warrior Cats – Feuersterns Mission“ und Rick Riordans „Percy Jackson – Im Bann des Zyklopen“. Fast alle dieser meistverkauften Jugendbücher sind Fortsetzungsbände bzw. Teile einer auf mehrere Bände angelegten Serie. Das große Interesse an Fantasy-Büchern und die ständig wachsende Zahl von Veröffentlichungen unter dem (werbe- und verkaufswirksamen) Label Fantasy hat dazu geführt, dass Buchketten die Neuerscheinungen in diesem Bereich in eigenen Sparten-Prospekten bewerben und sich im Internet eigene Rezensionsorgane entwickelten (wie die Bibliotheka Phantastika, www.bibliotheka-phantastika.de). Doch wird in der Öffentlichkeit selten diskutiert, was Fantasy eigentlich meint; Fantasy ist, was Verlage und Buchhandel dieser Sparte zuordnen. Dabei gibt es angesichts des Booms gerade der Fantasy-Jugendliteratur im englisch- und deutschsprachigen Raum auch kritische Stimmen, die den Inhalt dieser „phantastischen“ Bücher hinterfragen oder das Genre gänzlich ablehnen.

Phantastische Literatur und Fantasy

Fantasy-Literatur wird meist als Untergattung der sogenannten Phantastischen Literatur verstanden, wobei sich Fantasy dieser gegenüber – nicht nur aufgrund der Zahl der Publikationen – verselbständigt hat und die Gattung teils auch direkt auf die Welt der antiken Sagen und Mythen zurückgeführt wird. Fantasy-Literatur geht primär aus der Phantastischen Literatur des 19. Jahrhunderts hervor und rezipiert ebenso die vor allem aus dem englischsprachigen Raum kommende Grusel- und Schauerliteratur (Frankenstein, Dracula). Gemeinsam ist der Phantastischen Literatur und der Fantasy-Literatur, wie der Name andeutet, das Phantastische, die übernatürlichen Elemente der Handlung. So ist der Kontrast zwischen der „realen“ Welt, in der die Protagonisten leben, und dem Einbruch des Übernatürlichen ein Grundzug Phantastischer Literatur des 19. Jahrhunderts (z. B. im bekannten Kinderbuch „Peter Pan“).

Die Trilogie „Der Herr der Ringe“ (1954/55) von J. R. R. Tolkien wird als eines der Grundwerke der modernen Fantasy-Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts angesehen. Die Handlung spielt ausschließlich in einer fiktiven Welt, die Parallelen zu unserer Welt aufweist und in der (gute und schlechte) Magie herrscht. Tolkiens umfangreiches Werk wurde in inhaltlicher (Figurenrepertoire) wie sprachlicher Hinsicht stilbildend für die seit den 1960er Jahren zuerst im englischsprachigen Raum entstandene Fantasy-Literatur. Fantasy nach dem Vorbild von Tolkiens Trilogie gilt heute als „High Fantasy“.

Mit der Übersetzung und Rezeption der Tolkien-Romane, aber auch weiterer Romane des Genres (etwa so unterschiedlicher Erzählzyklen wie C. S. Lewis’ Narnia-Chroniken und Robert E. Howards Conan-Bücher) ist Fantasy seit den 1980er Jahren in der deutschsprachigen Belletristik angekommen. Inzwischen haben sich zahlreiche Untergattungen entwickelt, die die Fülle der einschlägigen Bücher nach unterschiedlichen Kriterien zu kategorisieren versuchen: nach den Adressaten (Jugendliche, Erwachsene oder alle Altersgruppen) oder dem „Niveau“ der Bücher (High / Low Fantasy), vor allem aber nach den Inhalten. So ist die High Fantasy meist in einer mittelalterlich anmutenden Welt angesiedelt (vgl. C. Paolinis „Eragon“), während „Heroische Fantasy“ (auch: Low Fantasy oder Sword and Sorcery) actionreiche Abenteuererzählungen umfasst. „Contemporary“ und „Urban Fantasy“ wie die Narnia-Chroniken oder die Bartimäus-Serie zeichnen sich durch die Verschmelzung von realer und magischer Welt aus und unterscheiden sich von Märchenromanen wie Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, um nur einige der Subgenres zu nennen.

Dazu gibt es häufig Gattungsüberschneidungen, die teilweise als „Crossover“ literarisch beabsichtigt sind. Das gilt auch für die Überschneidungen von Fantasy und der ebenfalls aus der Phantastischen Literatur des 19. Jahrhunderts hervorgegangenen Science-Fiction- und Horror-Literatur. So finden sich in Fantasy-Romanen Elemente der Horrorliteratur wie die sogenannten Untoten, etwa in Stephenie Meyers Bis(s)-Serie, deren Protagonist ein Vampir ist. Zur „Science Fantasy“ kann Philip Pullmans Trilogie „His Dark Materials“ gezählt werden. Personelle Überschneidungen gibt es zudem, wo Autoren und Verlage beide Genres – Fantasy und Science-Fiction – bedienen. Zur Unübersichtlichkeit tragen jedoch nicht nur die Subgenres und Überschneidungen bei, sondern bereits das Problem der Eingrenzung von Fantasy-Literatur.

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