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Materialdienst 10/2011
Michael Roth

Streitbarer Protestantismus

Kann uns der christliche Glaube heute noch etwas sagen?

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Auf dem Programm zur Veranstaltungsreihe „Streitbarer Protestantismus“ der Evangelischen Kirche im Rheinland im Umfeld des Reformationstages 2010 war zu lesen: „Der Protestantismus erweist sich dann im positiven Sinne als streitbar, wenn er den christlichen Glauben im Kontext der modernen Vernunft diskursiv und nach den Regeln der Vernunft verantwortet.“ Nach dieser Auffassung gehören Glaube und moderne Vernunft zusammen. In der Tat: Wenn man als eines der Kennzeichen der modernen Kultur ihre Reflexivität sieht, wird man sagen müssen, dass ein Protestantismus, der einen Ort in der modernen Kultur beansprucht, an dieser Reflexivität Anteil haben muss (und in diesem Sinne ein „streitbarer Protestantismus“ ist). Was aber bedeutet es, den Glauben im Kontext der modernen Vernunft zu verantworten? Und was ist es, das der Glaube uns heute noch zu sagen hat? Besteht die Aufgabe etwa darin – gegen die atheistische Kritik –, die Existenz Gottes vernünftig zu bewahrheiten? Und schließlich – im Blick auf die gegenwärtige Lage – ist ganz grundlegend zu fragen: Gibt es überhaupt den streitbaren Protestantismus, der „den christlichen Glauben im Kontext der modernen Vernunft diskursiv und nach den Regeln der Vernunft verantwortet“ (s. o.)? Diesen Fragen will ich mich im Folgenden widmen, indem ich mit der ersten beginne und nach dem streitbaren Protestantismus frage, in einem zweiten Schritt das Verhältnis von Glaube und Vernunft bedenke und schließlich zwei Thesen zur Verantwortung des Glaubens formuliere.

Streitbarer Protestantismus?

Gibt es überhaupt den streitbaren Protestantismus? Noch vor wenigen Jahren haben Säkularisierungsthesen allgemein Eindruck gemacht, die behaupteten, dass die Religion insgesamt in der säkularen Welt keinen Ort mehr haben wird. Doch hat sich die Großwetterlage geändert. Im Gegensatz zu den lange Zeit dominanten westlichen Modernisierungstheorien, die von der Unausweichlichkeit von Säkularisierungsprozessen und damit von einem unaufhaltsamen Prozess der Erosion und des allmählichen Verschwindens der Religion in der Moderne überzeugt sind, wird auf die Präsenz der Religion, ja auf die „Wiederkehr der Religion“ in der Gegenwart verwiesen. Von „Respiritualisierung“ (Matthias Horx2), „De-Säkularisierung“ (Peter L. Berger3) und einer „postsäkularen Gesellschaft“ (Jürgen Habermas4) ist die Rede, auch Theologen schließen sich dem Trend freudig an. Nun bin ich skeptisch hinsichtlich dieser Feier der Renaissance der Religion, zumindest scheint mir Vorsicht geboten, die nicht alle Phänomene über einen Kamm schert. Zunächst: Selbst wenn wir zustimmen, dass eine Renaissance der Religion zu beobachten ist, bedeutet dies keineswegs notwendig, dass sich Religion und Modernität vertragen. Es könnten antimoderne Kräfte sein, die sich hier ein letztes Mal kräftig bemerkbar machen, bevor sie restlos verschwinden, also: der letzte Großangriff vor der Kapitulation. Religion könnte auch der Schatten der Vernunft sein, das von dem „Schlaf der Vernunft produzierte Monster“ (Francisco de Goya)5. Eine weitere Frage: Wie steht es mit anderen Trends, die von Soziologen ja ebenfalls beschrieben werden und die die Renaissance der Religion relativieren, wie der weiterhin fortschreitende Prozess der Säkularisierung6 und ein Gewohnheitsatheismus7, der sich nicht wie früher an der Theodizeefrage abarbeitet, sondern ganz selbstverständlich ohne Gott lebt und dabei keineswegs das Gefühl hat, hier etwas zu vermissen? Vor allem aber müsste man im Blick auf die Rede von der „Wiederkehr der Religion“ genauer fragen, welche Phänomene alle unter das Stichwort „Religion“ gefasst werden. Was ist es, was da zurückkehrt, verdient dies als „Religion“ bezeichnet zu werden, oder ist es als diffuse Religiosität von Religion zu unterscheiden? Ist das Abbrennen einer Räucherkerze tatsächlich das gleiche wie ein das ganze Leben bestimmendes Vertrauen?

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Anmerkungen

1 Überarbeiteter Vortrag des vom Evangelischen Forum Bonn und der Evangelischen Akademie im Rheinland – im Rahmen der Reihe „Streitbarer Protestantismus“ der Evangelischen Kirche im Rheinland – veranstalteten Streitgesprächs zwischen Prof. Dr. Herbert Schnädelbach und mir unter dem Titel „Kann uns der christliche Glaube heute noch was sagen? Religion und Religionskritik im 20. Jahrhundert“ am 2.11.2010 im Haus der Kirche in Bonn. Herrn Prof. Dr. Schnädelbach danke ich für die kritischen Anfragen, die – wie ich zu hoffen wage – nicht nur mir, sondern auch dem Text zugute gekommen sind.
2 Vgl. Matthias Horx, Trendbuch, Bd. 1: Der erste große deutsche Trendsport, München 1993.
3 Peter L. Berger, The Desecularization of the World. Resurgent Religion and World Politics, Washington 1999.
4 So hat Jürgen Habermas unter dem Eindruck dieser globalen Wiederkehr der Religion seine Sicht von der Transformation der Religion in rationale Diskursethik (vgl. dazu ders., Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Frankfurt a. M. 1995, 118f) modifiziert und eingeräumt, dass er die „Religionsentwicklung in der Moderne mit Max Weber etwas zu voreilig unter die ‚Privatisierung von Glaubensmächten’ subsumiert und zu vorschnell eine affirmative Antwort auf die Frage suggeriert habe‚ob denn von den religiösen Wahrheiten, nachdem die religiösen Weltbilder zerfallen sind, nicht mehr und nichts anderes als nur die profanen Grundsätze einer universalistischen Verantwortungsethik gerettet, und das heißt: mit guten Gründen, aus Einsicht, übernommen werden können“ (ders., Exkurs: Transzendenz von innen. Transzendenz im Diesseits, in: ders., Texte und Kontexte, Frankfurt a. M. 21992, 127-156, 141).
5 Vgl. C. Christopher Soufas, „Esto si que es leer“. Eine neue Lektüre von Goyas Caprichos, in: Volker Bohn (Hg.), Bildlichkeit. Internationale Beiträge zur Poetik, Frankfurt a. M. 1990, 129-161.
6 Hierauf macht aufmerksam: Ulrich H. J. Körtner, Megatrend Gottvergessenheit. Die These von der Wiederkehr der Religion hat wenig Anhalt an der Wirklichkeit, in: Imprimatur. Nachrichten und kritische Meinungen aus der katholischen Kirche 40 (2007), 37-40; ders., Wiederkehr der Religionen? Säkularisierung, Revitalisierung und Repolitisierung von Religion aus der Sicht protestantischer Theologie, in: Europäische Akademie für Lebensforschung, Integration und Zivilgesellschaft (Hg.), Atheismen und Säkularisierung oder Wie religiös sind noch die Bürgergesellschaften Europas?, Krems 2007, 117-132.
7 Vgl. Detlef Pollack, Zur religiös-kirchlichen Lage in Deutschland nach der Wiedervereinigung. Eine religionssoziologische Analyse, in: ZThK 93 (1996), 586-615; Wolf Krötke, Der Massenatheismus als Herausforderung der Kirche in den neuen Bundesländern, in: Wiener Jahrbuch für Theologie 2 (1998), 215-228.

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