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Materialdienst 10/2011
Christian Ruch

Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

Apokalyptik versus Posthistorie

Die immer wieder festzustellende Konjunktur für Endzeiterwartungen wirft die Frage auf, warum Menschen eigentlich immer wieder anfällig für apokalyptische Gefühlslagen werden, ja sogar den Weltuntergang geradezu herbeizusehnen scheinen. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass apokalyptisches Gedankengut aus Judentum wie Christentum kaum wegzudenken ist, man denke etwa an Daniel 7 oder die Offenbarung des Johannes wie auch die Worte Jesu selbst. Apokalyptiker haben – sofern sie sich der jüdisch-christlichen Tradition zugehörig fühlen – die Bibel auf ihrer Seite, was sie ja auch oft nicht müde werden zu betonen.

Endzeiterwartungen als Ausdruck des Protests

Doch zeigt die Geschichte, dass Endzeiterwartungen nicht gleichmäßig auftreten, sondern sozusagen einem konjunkturellen Zyklus unterworfen sind. Oder etwas flapsig gesprochen: Man hat nicht immer gleich viel Lust auf Weltuntergang. Das Herbeisehnen des Endes tritt immer dann auf, wenn die Zeit und Umwelt als belastend, ja unerträglich erfahren werden. Apokalyptisches Denken ist so etwas wie ein Notausgang aus der Gegenwart, Ausdruck des Empfindens, dass es „so nicht weitergehen“ könne; man sehnt sich das Weltende bzw. den Eingriff Gottes herbei, um diesen qualvollen Zustand zu beenden. Apokalyptisches Denken ist also Ausdruck des Protests, oft genug auch eines Protests gegen die Herrschenden bzw. die herrschenden Zustände. Das erklärt, warum sich apokalyptisches Gedankengut immer wieder mit revolutionärer Unrast paaren konnte, so etwa die endzeitlich ausgerichtete Theologie Thomas Müntzers mit den Forderungen der aufständischen Bauern im sogenannten Bauernkrieg zur Zeit der Reformation.

Wer gegen etwas protestiert, macht zweierlei: Er zieht eine Trennungslinie zwischen sich und den oder das, wogegen protestiert wird: Hier wir Opfer – dort ihr Täter, oder im religiösen Kontext: Hier wir Frommen und Gottgefälligen – dort ihr Sünder und Frevler. Die Trennungslinie ist also auch eine moralische Grenze im Sinne einer Verurteilung und eines „Sich-für-besser-Haltens“.1 Dieser Grenzziehung haftet allerdings etwas Künstliches und Virtuelles an, es ist also sozusagen eine „Grenzziehung als ob“. Denn „Protestkommunikation erfolgt zwar in der Gesellschaft, sonst wäre es keine Kommunikation, aber so, als ob es von außen wäre“, wie der Soziologe Niklas Luhmann festgestellt hat.2 Zeugen Jehovas protestieren gegen eine gottlose Gesellschaft, der sie nicht angehören wollen und nach eigenem Verständnis auch tatsächlich nicht angehören – was natürlich Unfug ist, denn außerhalb einer Gesellschaft ist soziales Leben nicht möglich. Und dass sich die Zeugen Jehovas sehr wohl der Gesellschaft zugehörig fühlen, zeigt ihr Streben nach Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Deutschland.

Was sich jedoch beobachten lässt: Der Protest erfolgt immer von der Peripherie eines sozialen Systems (also der Gesellschaft, eines Staates oder auch einer Kirche) in Richtung Zentrum.3 Denn nur so lässt sich überhaupt erst die Fiktion aufrechterhalten, in der Gesellschaft gegen die Gesellschaft protestieren zu können. Hartz-IV-Empfänger protestieren gegen „die da oben“ in Berlin, radikale Basken gegen die spanische Zentralregierung in Madrid, katholikale Frömmler wie z. B. die vorkonziliar orientierten Piusbrüder gegen die vermeintlich gottlosen Zustände im Vatikan. Protestbewegungen sind also meistens buchstäblich nicht mehrheitsfähige Randerscheinungen, weil sie mit ihrer „alarmierenden Kommunikation“4 anders kommunizieren (müssen und wollen), als im Zentrum kommuniziert wird. Werden sie mehrheitsfähig und erobern sie sozusagen das Zentrum (z. B. im Rahmen einer Revolution), ist der Protest zu Ende. Das Zentrum ist an einer möglichst reibungslosen, störungsfreien Kommunikation zur Aufrechterhaltung des sozialen Systems interessiert – die Protestierenden sind das gerade nicht, sie wollen stören und provozieren, um im Zentrum Gehör zu finden. Die Gegenseite reagiert ihrerseits „überrascht bis verständnislos“5 – dies schon deshalb, weil man – so Luhmann – „gegen Komplexität“ gar „nicht protestieren“ könne. „Um protestieren zu können, muss man deshalb die Verhältnisse plattschlagen.“6

Diese Kommunikation des Protests ist jedoch eine ziemliche Einbahnstraße: Man protestiert so laut, dass man der Gegenseite nicht zuhört und deshalb alle Äußerungen von dort allenfalls so gefiltert wahrnimmt, dass sie zur Rechtfertigung des Protests dienen. Niklas Luhmann schrieb: „Es fehlt ... eine Berücksichtigung der Selbstbeschreibung derjenigen, gegen die man protestiert. Man versucht nicht zu verstehen.“7 Sich selbst schreiben die Protestierenden – mehr oder weniger unbewusst – eine „gewisse Unschuld des Operierens ‚um der Sache willen zu’“8, was bedeutet, dass die angebliche Renitenz der Gegenseite zur Ausblendung all dessen legitimiert, was auf der Gegenseite vielleicht nicht kritikwürdig ist, im eigenen Lager dafür umso mehr kritisch hinterfragt werden müsste. Ein ebenso schönes wie unerfreuliches Beispiel dafür war etwa die völlig unreflektierte Überheblichkeit und moralische Anmaßung der terroristischen RAF gegenüber dem bundesdeutschen Staat und seinen Organen. Ziehen wir ein erstes Fazit: Wenn apokalyptische Naherwartungen im Grunde Ausdruck eines Protests sind, gelten für Strömungen, die solche Naherwartungen vertreten, folgende Merkmale:

• Markierung einer moralischen Grenze im Sinne eines „Sich-für-besser-Haltens“,
• eine Kommunikation, als ob es von außen wäre,
• eine Kommunikation von einer Peripherie in Richtung Zentrum, d. h.
• die Protestierenden sind und bleiben meist eine Randerscheinung, also eine Minderheit; gewinnen sie die Mehrheit, ist der Protest zu Ende;
• die Kommunikation zeichnet sich durch fehlenden Willen aus, die Gegenseite zu verstehen, und
• komplexe Verhältnisse werden sozusagen plattgeschlagen.

Apokalyptische Angst gegen die Weltangst

Doch scheint mir der Protest nicht die einzige Motivation für apokalyptische Gedanken zu sein, sondern auch die Angst spielt eine Rolle.

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Anmerkungen

1 Niklas Luhmann, Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, Frankfurt a. M. 1996, 201.
2 Ebd., 204.
3 Ebd., 205.
4 Ebd.
5 Ebd., 210.
6 Ebd., 211.
7 Ebd., 206.
8 Ebd., 207.

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