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Materialdienst 10/2011
Friedmann Eißler

Salafiten in Deutschland

„Dialog und Integration sind nur für dein Verderben!“1 Unmissverständliche Botschaften wie diese sind bei Salafiten keine Seltenheit. Sie verstehen sich als die wahren Vertreter des Islam und werben professionell vor allem im Internet, aber auch bei Kundgebungen, Vortragsveranstaltungen oder mit Informationsständen in Fußgängerzonen. Ihr radikales Islamverständnis teilt die Welt in Gut und Böse und imponiert besonders jungen Menschen auf der Suche nach Identität und Orientierung. Die Rückkehr zur „wahren Religion“ und einer islamischen Gesellschaftsordnung, die das herrschende politische System und deren Repräsentanten ablösen soll, wird als Lösung gegenwärtiger Probleme gepriesen.

Aufsehen erregte 2010 der Vorschlag des salafitischen Predigers Pierre Vogel, in Problemvierteln eine Zeitlang versuchsweise die Scharia anzuwenden.2

Als der geplante Umzug einer vom Verfassungsschutz beobachteten Islamschule von Braunschweig nach Mönchengladbach Proteste der Bevölkerung auslöste, wurden salafitische Gruppierungen zum Thema in der Öffentlichkeit. Vollends bekannt machte die strengen Glaubensbrüder die mediale Aufmerksamkeit im ersten Halbjahr 2011, die ihnen dadurch zuteil wurde, dass zuerst der Bundesinnenminister, dann die Innenministerkonferenz und schließlich der Verfassungsschutzbericht kurz nacheinander vor der intensiven Propagandatätigkeit und dem Radikalisierungspotenzial in diesem Milieu warnten.3

Salafismus

Salafiten4 folgen einem radikalen Islamverständnis, das sich auf den Buchstaben des Korans und der Überlieferungen des Propheten Muhammad (Sunna) beruft und die Frühzeit des Islam idealisiert. Der Begriff Salafismus, arabisch Salafiyya, fasst eine Reihe unterschiedlicher politischer und religiöser Bewegungen zusammen. Gemeinsamer Bezugspunkt ist die Grundüberzeugung, dass die ursprüngliche und wahre Religion von Muhammad verkündet und von den drei ersten muslimischen Generationen (as-salaf as-salih, „die lauteren Vorfahren“) bewahrt worden war, jedoch im Laufe der Zeit durch religiöse „Neuerungen“ (bida’) unzulässig verändert, geschwächt oder gar verdorben wurde. Aus diesem Grund wird es abgelehnt, einer der traditionellen Rechtsschulen „blind“ zu folgen (taqlid) – obwohl man selbst klare Präferenzen für die hanbalitische Lehre hat –, vielmehr soll jeder Verantwortung übernehmen, sich Wissen über den (recht verstandenen) Islam aneignen, dieses durch Erziehung bzw. Bildung weitergeben (tarbiya) und durch Einladung zum Islam (Mission, da’wa) den wahren Glauben aktiv verbreiten. Dieser zeigt sich in der vorbehaltlosen Hingabe an den einen Gott (Lehre von der Einheit und Einzigkeit Gottes, tauhid) und der radikalen Abwehr von shirk, d. h. Gott irgendetwas oder jemanden zur Seite zu stellen. Darunter fällt jede Form von Vielgötterei und Aberglauben, auch Heiligenverehrung und das Paktieren mit menschlichen Einfällen aller Art. Strenger Gebotsgehorsam wird propagiert (hisba, Muslime müssen „das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten“, Koran, Sure 3,104), gegen Abweichungen von der „reinen Lehre“ wird mit harscher Kritik und Ablehnung Front gemacht. Da diesen Versuchungen nicht nur die Nichtmuslime, sondern auch viele Muslime erliegen, verläuft für Salafiten die Linie zwischen Glauben und Unglauben (kufr) quer durch den Islam. Sie wird von Hardlinern durch takfir (Absprechen des Glaubens, „für ungläubig Erklären“ von Muslimen durch Muslime) scharf markiert. Notwendig ist in den Augen der Salafiten eine Erneuerung des Islam von der Wurzel her. In diesem Sinne stellt sich der Salafismus als islamische Reformbewegung dar. Ziel ist die (Wieder-)Herstellung einer vollkommenen und geeinten, von allen Fremdeinflüssen gereinigten muslimischen Gemeinschaft (umma) in transnationaler Perspektive auf der Basis eines buchstabengetreuen Scharia-Islam.

Verschiedene salafitische Richtungen

Reform, ja – doch was die Rückkehr zum ursprünglichen Islam praktisch zu bedeuten hat, war immer umstritten und hat dementsprechend unterschiedliche Richtungen hervorgebracht.

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Anmerkungen

1 Der Salafiten-Prediger Ibrahim Abou-Nagie in einem Internet-Video, vgl. dazu Bonner General-Anzeiger vom 9.12.2010.
2 Spiegel-TV Magazin, 20.9.2010.
3 Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erklärte im Interview mit dem ARD-Politikmagazin Report Mainz am 9.5.2011, die Salafiten seien im Grunde eine politische Organisation, sie wollten „das Grundgesetz, den Staat im Grunde völlig beseitigen“. Er forderte Aussteigerprogramme für Jugendliche. Im Juni 2011 kündigte die Innenministerkonferenz Maßnahmen zur Abwehr des Salafismus an. Diese fundamentalistisch-islamische Strömung sei der Nährboden für islamistischen Terrorismus. Der kurz darauf präsentierte Verfassungsschutzbericht 2010 betont die wachsende Bedeutung des Salafismus als ideologische Grundlage für islamistische Bestrebungen in Deutschland.
4 Auch: Salafisten. Manche wollen „Salafiten“ als Anhänger der „klassischen“ salafitischen Lehrbildungen von den „Salafisten“ als den Vertretern des politischen und militanten Salafismus unterscheiden, was jedoch begrifflich kaum sauber möglich ist. Unterschiede im Blick auf die Bedeutung und Relevanz der politischen Aspekte sind letztlich gradueller Art, daher wird hier der Begriff Salafiten durchgehend gebraucht. Zur Unterscheidung Salafismus / Neo-Salafismus s. u.

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