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Materialdienst 10/2011
Film und Literatur

"Sommer in Orange"

In Deutschland war im August 2011 der Film „Sommer in Orange“ in den Kinos zu sehen. Eine Sannyasin-Kommune aus Berlin-Kreuzberg zieht in ein bayerisches Dorf und baut dort an einem Therapiezentrum. Erzählt wird die „Culture-Clash-Komödie“ aus der Perspektive eines Kindes. Die zwölfjährige Lili wächst zusammen mit ihrem Bruder Fabian in der Kommune auf. Das Drehbuch zum Film beruht auf den Kindheitserinnerungen der Autorin Ursula Gruber und ihres Bruders Georg Gruber, Produzent des Films. Für die Regie konnte Markus H. Rosenmüller gewonnen werden. Der Bayer hat mit seinen bisherigen Filmen (erfolgreich waren vor allem „Wer früher stirbt ist länger tot“ und „Räuber Kneißl“) das Genre des Neuen Heimatfilmes begründet. Crew und Cast des Films gehören überwiegend zu den Jahrgängen, die in den 1970er und 1980er Jahren aufgewachsen sind. Damit schaut die Generation der Kinder aus einem gewissen Abstand mit Humor und Wärme, entspannt, aber nicht ohne Kritik auf das Leben ihrer Eltern.

Da ist zum einen die Kommune, deren Mitglieder wild und frei leben möchten, sich von Zwängen befreien wollen und auf der Suche nach sich selbst sind, und zum anderen ist da das konservative Dorf, noch unberührt von fremden Einflüssen. Im Film prallen beide Kulturen auf sehr unterhaltsame Weise aufeinander. Das wilde Leben in Orange bricht in die geordnete bayerische Dorfidylle ein. Aber nicht nur das Dorf wird verändert aus der Konfrontation hervorgehen – sinnbildlich für die heutige Gesellschaft, in der Yoga und Meditation gesellschaftsfähig geworden sind. Lili, das Kommunenkind, wünscht sich nichts mehr als ein normales Familienleben. Sehnsüchtig blickt sie über den Gartenzaun auf den Familientisch des Bürgermeisters. Sie wird Mitglied der Blaskapelle, trägt Dirndl und Zöpfe statt Orange, betet in der Schule das Vaterunser und kauft sich Wurst beim Fleischer. Als Lilis Mutter, die ihre Kinder meist sich selbst überlässt, das Doppelleben ihrer Tochter entdeckt, ist sie fassungslos, wie ihr Kind so aus der Art schlagen kann. Augenzwinkernd wird gezeigt, dass man dem Elternsein ebenso wenig entkommen kann wie dem „Spießertum“. Das Anbandeln mit Dorfbewohnern überschreitet die Toleranzgrenzen der Kommunarden. Sie selbst sprechen die Mundarten ihrer wienerischen, schwäbischen und westberlinerischen Provinzen. Herkunft lässt sich nicht so einfach ablegen wie herkömmliche Kleidung.

Bhagwan, Poona, Oregon werden genannt, spielen aber nur im Hintergrund eine Rolle. Die Kommunarden meditieren dynamisch, tanzen, chanten und lauschen begeistert einem Vertreter von Bhagwan beim Satsang, der sehr diesseitige Interessen an Lilis Mutter entwickelt. Im Film erscheint das alles eher als Kuriosität. Im Zentrum des Interesses stehen die zwischenmenschlichen Beziehungen und Dynamiken, die mit viel Komik und Herzlichkeit erzählt werden.

Claudia Knepper

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