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Materialdienst 12/2011
Friedmann Eißler

Komparative Theologie

Eine Alternative zu bisherigen religionstheologischen Konzepten?

Wie verhält sich das Christentum zu den nichtchristlichen Religionen? Wie gehen wir mit religiöser Pluralität um? In welcher Haltung, auf welcher Grundlage geschieht die Begegnung mit Andersglaubenden? Wie steht es um das Verhältnis von Zeugnis und Dialog? Wer sich der Gegenwart nicht verschließen will, sucht Antworten auf diese Fragen. Die Religionswissenschaft leistet ihren Beitrag mit Deskription und Analyse aus der Außenperspektive. Die Theologie der Religionen versucht, eine Verhältnisbestimmung aus der Innenperspektive heraus zu entwickeln. Dabei hatte man sich über lange Zeit an einem Dreierschema von Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus orientiert, dessen Diskussion jedoch zunehmend als unbefriedigend empfunden wird. Das Schema ist trotz aller Differenzierungsbemühungen zu starr, und es versucht, ganze Systeme in den Blick zu nehmen, um zu einem religionstheologischen Urteil über sie zu kommen. Zu viel Abstraktion, zu pauschal der Versuch, auf diesem Wege über religiöse Wahrheitsansprüche zu befinden – so die Ansicht einer wachsenden Zahl theologischer Forscher vor allem aus dem katholischen Bereich. Sie bringen mit neuen Fragestellungen neue Dynamik in die religionstheologische Debatte.

Die recht unterschiedlichen Ansätze und Verfahrensweisen werden unter dem Begriff „Komparative Theologie“ zusammengefasst. Die Pioniere der hierzulande noch wenig bekannten Entwicklung gehen neue Wege und haben nichts weniger als die Überwindung der bisherigen Aporien in Angriff genommen. Dabei steht ein Anliegen im Vordergrund: Wie kann der Wahrheitsanspruch des eigenen Glaubens mit einer respektvollen, ja positiven Würdigung anderer Religionen in Verbindung gebracht werden? Es wird als Grunddilemma empfunden, wie der Paderborner katholische Theologe Klaus von Stosch es genannt hat, dass keines der bisherigen religionstheologischen Modelle Antwort auf diesen doppelten Wunsch geben kann. In einer „interreligiösen, vergleichenden, dialogischen und zugleich auch konfessionellen Theologie“1 sollen daher durch Begegnung und Vergleich konkrete Elemente der Lehre und der religiösen Praxis verglichen und auf diesem Wege (Vor-)Urteile aus der Vogelperspektive vermieden werden. Das religionstheologische Urteil wird gleichsam aufgeschoben, um der Bewährung im Einzelfall bzw. in vielen Einzelfällen Platz zu machen. Dadurch, dass Gemeinsamkeiten und Differenzen anhand von Fallbeispielen explizit von einem konkreten Standpunkt aus erarbeitet werden, soll eine pauschale Bejahung ebenso wie eine pauschale Verneinung des Wahrheitsgehalts anderer Religionen vermieden werden. Denn „Religionen sind keine Wahrheitscontainer und nicht in der Weise vergleichbar, dass man schaut, in welcher Religion am meisten Wahrheit enthalten ist“.2 Doch ist viel unbefangener, als man es bisher gewöhnt war, vom Wahrheitsanspruch, ja vom „eigenen Unbedingtheitsanspruch“ die Rede. Er wird ernst genommen und in seinem Verhältnis zu anderen Wahrheitsansprüchen bedacht.3

Aporien der religionstheologischen Relationierungsmodelle

Das zentrale Anliegen der Komparativen Theologie lässt aufhorchen. Denn tatsächlich kann man es als eine Sackgasse betrachten, wohin die Theologie der Religionen bislang geführt hat. Der Exklusivismus wird als dialogresistent und als untauglich angesehen, eine Antwort auf das genannte Grunddilemma zu geben, da er andere Religionen pauschal als Irrwege verurteile und somit eine positive Würdigung fremder Wahrheitsansprüche gar nicht erst versuche. Der Inklusivismus (auch Superiorismus genannt) hält daran fest, dass Heil und Wahrheit in unüberbietbarer Gestalt in der eigenen religiösen Tradition zu finden seien, gesteht anderen Religionen jedoch zu, „Strahlen“ oder „Samenkörner“ der Wahrheit zu enthalten. Diese seien zwar letztlich auf die Vollgestalt der Wahrheit in Christus ausgerichtet und wiesen auf sie hin, ließen aber immerhin Raum für darauf aufbauende Wertschätzung. Der Pluralismus geht diesbezüglich am weitesten, indem er die Vermittlung von Heil und Wahrheit in allen Religionen – zumindest den Weltreligionen – als gleichwertig betrachtet. Jede religiöse Tradition erkenne und verwirkliche auf ihre je eigene und doch ebenbürtige Weise nur Aspekte des einen Wirklichen (the Real, Ultimate Reality), das aller Religion zugrunde liege.4

Ausgehend von diesem Schema werden Inklusivismus und Pluralismus als Lösungsansätze für das Grunddilemma diskutiert. Unbefriedigend sind die Ergebnisse deshalb, weil sie entweder auf die pauschale Abwertung anderer Religionen oder auf die Relativierung ihrer Geltungsansprüche hinauszulaufen scheinen.

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Anmerkungen

1 Francis X. Clooney, Hindu God, Christian God. How Reason Helps Break Down the Boundaries between Religions, Oxford u. a. 2001, vii (zit. nach Volker Küster, Einführung in die Interkulturelle Theologie, Göttingen 2011, 289).
2 K. v. Stosch / K. Bergdolt, Wahr oder tolerant?, 20.
3 „Es geht dabei um ein nicht-reduktionistisches Sich-Abarbeiten an dem Problem, das durch die Unbedingtheit heterogener Wahrheitsansprüche entsteht.“ So K. v. Stosch in: R. Bernhardt / K. v. Stosch (Hg.), Komparative Theologie, 18.
4 Die vierte mögliche Grundoption, der Atheismus, bleibt hier außer Betracht.

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