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Materialdienst 12/2011
Edgar S. Hasse

"Ein gesegnetes Fest!"

Zivilreligiöse Dimensionen in den Weihnachtsansprachen der Bundespräsidenten

Die praktisch-theologische Wahrnehmung von Zivilreligion fokussiert sich gegenwärtig auf die Frage nach Gestalt und Funktion von Religion in gesellschaftsöffentlichen Liturgien wie den Trauerfeiern für in Afghanistan gefallene Bundeswehrsoldaten und für die Opfer von Amokläufen.1 Während diese massenmedial kommunizierten Vollzüge den Charakter von Unikaten haben und insofern ein liturgisches Wagnis darstellen, gehört die Repräsentation von Zivilreligion in den Weihnachtsansprachen der Bundespräsidenten2 seit den 1960er Jahren zum festen jahreszyklischen Ritualbestand der Mediengesellschaft und damit zur traditionalen Kultur eines zentralen und omnipräsenten Festes. Im Unterschied zu den öffentlichen Liturgien, an denen staatliche und kirchliche Akteure gleichermaßen beteiligt sind, ist bei den Ansprachen zum Christfest der Bundespräsident mit seinem Mitarbeiterstab das vom kirchlich-institutionellen Kontext unabhängige Subjekt möglicher religiöser Deutungspraxis. Dass zivilreligiöse Dimensionen in den über das Fernsehen verbreiteten Reden auftreten können, ist Konsens in der religionssoziologischen Forschung.3 Bleiben die bisherigen Studien empirisch auf eine einzelne Ansprache (Luckmann) bzw. theoretisch auf die Beschreibung des Phänomens (Vögele, Lübbe, Hoffmann) bezogen, will der vorliegende Bericht auf der Basis einer Kriteriologie insgesamt elf per Zufallsauswahl generierte Weihnachtsansprachen qualitativ und quantitativ auf ihre zivilreligiöse Substanz untersuchen und damit zur Exploration gegenwärtiger religiöser Weihnachts-Empirie beitragen. Weil die Reden als ein normativ auf Verständigung zielender Kommunikationsprozess und als mediales Ereignis verstanden werden können, soll neben der religionssoziologischen auch die publizistik- und kommunikationswissenschaftliche Perspektive gewählt werden. Gegenstand der Untersuchung waren Weihnachtsansprachen von Christian Wulff (2010), Horst Köhler (2009, 2006, 2005), Johannes Rau (2003, 2002, 2001, 1999), Roman Herzog (1998, 1995) und Richard von Weizsäcker (1984).

Zur Kriteriologie

Seit dem Aufsatz des Soziologen Robert N. Bellah „Civil Religion in America“ (1967) sind Begriff und Phänomen „Civil Religion“ auch in Deutschland auf der religionssoziologischen Themenagenda. Im deutschsprachigen Kontext modifiziert als „Zivilreligion“, hat sich nach Vögele4 Niklas Luhmanns ethisierende Definition „Grundwerte als Zivilregion“ nicht durchsetzen, sondern Hermann Lübbes Beschreibung von Zivilreligion als „Sammelbegriff für Phänomene öffentlicher politischer Präsenz von Elementen religiöser Kultur“5, die kirchlicher Zuständigkeit nicht obliegen, etablieren können. Zu den Signaturen von Zivilreligion in Deutschland werden nach Lübbe u. a. der Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes, die Erwähnung des Gottesnamens in den Weihnachtsansprachen der Bundespräsidenten, der bundespräsidiale Gottessegenswunsch, auf Bibeln abgelegte Eide und das Kruzifix in bayerischen Schulen genannt. Vertreter der Zivilreligions-These gehen also davon aus, dass die moderne Gesellschaft auf „religiösen Kitt“6 angewiesen ist.

Weil es bislang nur wenige Studien über die systematische Entwicklung von Skalen der Religion und damit zur Operationalisierung religiöser Aussagen in mündlicher, schriftlicher und bildlicher Form gibt7, wurden zur vorliegenden Untersuchung zivilreligiöser Inhalte in den genannten Weihnachtsansprachen mit religionskulturhermeneutischer Intention und im Rekurs auf Lübbe folgende spezifizierte Identifikationsmerkmale festgelegt: Aussagen mit theologischen (Name Gottes, Segenswunsch) und christologischen Konnotationen (Menschwerdung Gottes, Geburt Christi) sowie im weitesten Sinne symbolischen (Krippe, Stern von Bethlehem) und biblischen Verweisen. Wenn eines und mehrere dieser Merkmale in den Redetexten identifiziert werden konnten, galt die Annahme zivilreligiöser Inhalte als verifiziert.

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Anmerkungen

1 Vgl. Kristian Fechtner / Thomas Klie (Hg.), Riskante Liturgien. Gottesdienste in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit, Stuttgart 2011.
2 www.bundespräsident.de.
3 Vgl. Klaus Hoffmann, Civil Religion in der BRD am Beispiel des Weihnachtsfestes, epd-Dokumentation 1/1985, 39-62; Hermann Lübbe, Modernisierungsgewinner. Religion, Geschichtstheorien, Direkte Demokratie und Moral, München 2004, 83; Wolfgang Vögele, Zivilreligion in der Bundesrepublik Deutschland, Gütersloh 1994, 250-251; Thomas Luckmann, Unheilsschilderung, Unheilsprophezeiung und Ruf zur Umkehr. Zum historischen Wandel moralischer Kommunikation am Beispiel der Weihnachtsansprachen eines Bundespräsidenten, in: Anne Honer / Ronald Kurt / Jo Reichertz (Hg.), Diesseitsreligion. Zur Deutung der Bedeutung moderner Kultur, Konstanz 1999, 39-57.
4 Vgl. Wolfgang Vögele, Zivilreligion, a.a.O., 210-221.
5 Hermann Lübbe, Modernisierungsgewinner, a.a.O., 83.
6 Eberhard Jüngel, Religion, Zivilreligion und christ-licher Glaube. Das Christentum in einer pluralistischen Gesellschaft, in: Burkhard Kämper / Hans-Werner Thönnes (Hg.), Religionen in Deutschland und das Staatskirchenrecht, Münster 2005, 55.
7 Vgl. Robert Kecskes / Christof Wolf, Christliche Religiosität. Konzepte, Indikatoren, Messinstrumente, in: KZfSS 45 (1993), 270-287.

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