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Materialdienst 6/2011
Andreas von Heyl

Christliches Menschenbild und therapeutisches Handeln

Impulse und Chancen

Psychologische Beratung und Therapie sind an unbedingte Wertneutralität gebunden. Es wäre ethisch unzulässig und fachlich ein Fehler, wenn ein Therapeut dem Klienten eigene Wert- und Glaubensvorstellungen vermitteln wollte. Weil die Psychologie keine Antworten auf existenzielle Fragen geben kann, diese aber in Krisen- und Leidsituationen besonders intensiv auftreten, sind das Menschen- und Gottesbild eines Therapeuten bedeutsam. Die Reflexion der eigenen weltanschaulichen Grundannahmen sind heute zum Glück Bestandteil der meisten therapeutischen Aus- und Weiterbildungen. Die Bedeutung der Weltanschauung in Beratung und Therapie wurde auf der Tagung „Gute Psychotherapie – eine Frage Weltanschauung?“ untersucht, die von der Evangelischen Akademie zu Berlin in Zusammenarbeit mit der EZW veranstaltet wurde und vom 18. bis 20. März 2011 in Berlin stattfand. Der Vortrag von Andreas von Heyl befasste sich mit der Bedeutung des christlichen Menschenbildes für therapeutisches Handeln.


Eine realistische Sicht des Menschen

Wie jedes andere religiös verankerte Grundverständnis des Menschen ist auch das christliche komplex und differenziert. Im Rahmen dieses Beitrags können allenfalls einige Aspekte ein wenig beleuchtet werden. Zunächst einmal: Das biblisch-christliche Menschenbild ist ambivalent und wird darin in besonderer Weise der Wirklichkeit des Menschlichen gerecht.

Einerseits hat die Bibel eine sehr pessimistische Sicht des Menschen. Bereits im zweiten Kapitel der Genesis wird der Mensch aus dem Paradies vertrieben, weil er sein will wie Gott. Im vierten Kapitel geschieht der erste Mord, ein Brudermord: Kain erschlägt Abel. Im sechsten Kapitel heißt es dann, „dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar“ (6,5). Da reut es Gott, dass er die Menschen geschaffen hat, und er schickt die Sintflut, um sie zu vernichten. Aber auch mit der neuen, nach der Sintflut entstandenen Menschheit steht es nicht besser. Weiterhin regieren Mord und Totschlag, Lug und Trug die Welt. Diese dunkle Sicht der Menschen setzt sich im Neuen Testament fort, wenn Jesus ausgerechnet die angesehensten Repräsentanten seines Volkes, die Pharisäer und Schriftgelehrten, als hochmütige Egoisten entlarvt und sie beschimpft, dass ihr Inneres voll Raubgier und Bosheit sei (Luk 11,39-42). Paulus wiederum beklagt im Brief an die Römer die conditio humana, die menschliche Natur: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Röm 7,18-20). Die Bibel nennt diesen Zustand Sünde. Kern der Sünde ist die Abkehr des Menschen von Gott. Aus ihr folgen alle weiteren Einzelsünden.

Andererseits findet sich in der Bibel aber auch eine positive, eine ausgesprochen potenzialorientierte Sicht des Menschen. Gott erschafft Mann und Frau zu seinem Ebenbild. Er erwählt das Volk Israel zu seinem Volk und befreit es aus der Sklaverei in Ägypten. Er schließt mit ihm am Berg Sinai einen Bund und gibt ihm das heilige Gesetz, das Leben erhalten und bewahren soll. Wenn das Volk oder einer seiner Könige von Bund und Gesetz abzuweichen droht, sendet Gott Propheten, um es bzw. ihn auf den rechten Weg zurückzubringen. Im Neuen Testament wird berichtet, wie Jesus die Ehebrecherin beschützt, die nach dem Gesetz der Juden eigentlich gesteinigt werden müsste. In seinem berühmten Gleichnis schildert Jesus Gott als einen Vater, der den verlorenen Sohn mit Freuden wieder bei sich aufnimmt. Er kehrt bei dem verhassten Zöllner Zachäus zum Essen ein, woraufhin dieser das zu Unrecht erworbene Gut vierfach zurückerstattet. Zu seinen Zuhörern, Männern wie Frauen, sagt Jesus: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Matth 5,14). Und seinen Jüngern gibt er die Macht, Kranke zu heilen und böse Geister auszutreiben. Die neutestamentliche Botschaft gipfelt schließlich in der Aussage, dass Gott Jesus, seinen Sohn, gesandt hat, um diejenigen, die an ihn glauben, zu erlösen.

Was bedeuten diese theologischen Essentials für das therapeutische Handeln? Sie können dazu ermutigen, dass man realistisch bleibt. Das Böse, das Chaotische, das Auto- und Fremdaggressive, der „Schatten“, wie Carl Gustav Jung das Abgründige des Menschen genannt hat, ist im menschlichen Herzen da. Er ist eine Realität, der wir uns stellen müssen. Er kann weder „bereinigt“ noch „wegtherapiert“ werden. Wir können den Menschen weder gut noch heil machen. Wir können ihm allenfalls helfen, mit seinen Problemen ein wenig besser zurechtzukommen. Die Vorstellung der Humanistischen Psychologie, dass man den Klienten in der Therapie nur mit einer hinreichend wertschätzenden und annehmenden therapeutischen Haltung zu begegnen habe, dann würden sie sich schon von selbst zu freien, authentischen und glücklichen Persönlichkeiten entfalten, ist vom biblischen Menschenbild her zu hinterfragen. Das böse Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist eine Realität, von der uns ja auch ein Blick auf die Gegebenheiten auf dieser Erde jederzeit überzeugen kann.

„Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ Mit diesen Worten beginnen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ihr Epoche machendes Werk „Dialektik der Aufklärung“.1 Hier bestätigen zwei dezidierte Nichtchristen den paulinischen Satz: „Das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Wir können natürlich versuchen, diese menschliche Natur zu verleugnen und abzuspalten. Aber das bringt uns nicht weiter. Sie wird trotzdem ihre Wirksamkeit entfalten und dies in unberechenbarer und unkontrollierter Weise.

Der Archetypos eines solchen Abspalters ist der Pharisäer im Gleichnis in Luk 18,9-14. Er betet: „Ich danke dir, Herr, dass ich nicht bin wie ... dieser Zöllner.“ Der Zöllner aber erkennt, wie vergebungsbedürftig er ist. Er ruft zerknirscht: „Herr, erbarme dich meiner!“ Und er wird von Jesus gerechtfertigt. Die Erkenntnis unseres Schattens, das Eingeständnis unserer Hilfsbedürftigkeit ist die Vorraussetzung für die Versöhnung mit der dunklen Seite unseres Selbst. Diese Versöhnung wird uns dann vielleicht sogar bereichern, uns mit ganz neuen Potenzialen und Energien unseres Selbst in Berührung bringen.

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Anmerkung

1 Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt a. M. 1987 (32003).

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