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Materialdienst 6/2011

Mal wieder zu Ostern: Säkulare Medien widmen sich Jesus

Auch in einer durch fortschreitende Religionsdistanz und zunehmenden religiösen Pluralismus geprägten Gesellschaft ist die Osterzeit Anlass, die Frage nach Jesus aufzugreifen. Mal geschieht dies christentums- und kirchenkritisch, mal ist es mit anderen politischen, ökonomischen, weltanschaulichen Interessen verbunden, zumeist mit dem Anspruch, zum wirklichen und historisch authentischen Jesus vorzudringen und ihn ohne kirchliche Verklärungen und fromme Projektionen betrachten zu wollen.

Unter dem Motto „Der Rebell Gottes“, der eine „rohe Botschaft“ verbreitet, widmete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (Ausgabe 17/2011) dem Jesusthema die Titelgeschichte und zeichnete das Bild eines rebellischen Sozialreformers, dessen politisches Scheitern von seinen Anhängern in der Ostergeschichte als Triumph gedeutet worden sei. Das Fazit des Spiegelredakteurs Matthias Schulz: „Auf geniale Weise deuteten die Verkünder der Kreuzesreligion das schreckliche Geschehen damit ... um und ließen einen Rebellen aus seinem Grab zum ewigen Leben auferstehen. Das war eben ihre ‚frohe Botschaft’“, die den „Kämpfer für ein besseres Diesseits“ zugunsten eines sanften, barmherzigen Sohnes Gottes in den Hintergrund drängte.

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ (17/2011) ging es in der Osterausgabe um das Thema „Was Christen (noch) glauben“. Im „Stern“ (17/2011) wurde gefragt, „Weshalb Jesus sterben musste“. Auch in einer Kultur, in der der christliche Glaube seine Selbstverständlichkeit eingebüßt hat und seine kulturellen Stützen im Schwinden begriffen sind, ist die Frage nach Jesus präsent. Sie bleibt allerdings offen und kontrovers, insbesondere dort, wo sie das Zentrum historischer und theologischer Jesusforschung berührt. Bezugnahmen auf die moderne Jesusforschung sind vielfältig, neue Erkenntnisse findet man kaum. Die medial aufgegriffene Frage nach Jesus zeigt allerdings, dass das Gespräch über den christlichen Glauben keineswegs verstummt ist. Auch außerhalb der Kirchenmauern wird über das Fundament und Zentrum des Christlichen nachgedacht und diskutiert.

Von Anfang an hat das Auftreten Jesu Begeisterung und Bewunderung, aber auch Ablehnung, Kopfschütteln und Hass hervorgerufen. Die Urteile über seine Person sind bereits zu seinen Lebzeiten sehr unterschiedlich. Die einen verstehen ihn als messianischen Heilsbringer, verehren ihn als Heiler und Wundertäter, die anderen verurteilen ihn wegen Gotteslästerung und falscher Prophetie. Gerüchte gehen über die Frage um, wer er sei: der wiedergekommene Elia, der erwartete Prophet der Endzeit? Die Galerie der Bilder vom Leben und der Bedeutung Jesu ist lang. Sie reicht von den Anfängen der christlichen Kirche bis in unsere Gegenwart und zeigt vielfältige Wandlungen: Jesus, eine Erscheinungsform Gottes, das vollkommene Geschöpf, das Urbild des wahren Menschen, der Rebell und Revolutionär, der Humanist, der freie Mann, der Psychotherapeut? War er ordnungsfeindlich, oder hat er sich willig in vorgegebene Ordnungen eingefügt? War er konservativ, liberal oder progressiv? War er ein aktiver Tatmensch oder ein meditativer Mensch? Die Einordnung Jesu in vorgegebene Bilder schlägt fehl, denn jeder findet das bei ihm, was seinem eigenen Denken und Wünschen entspricht. Charakterisierungen mögen einzelne Aspekte treffend schildern, den wirklichen Jesus treffen sie nicht. Er lässt sich nicht in feststehende Bilder einordnen oder als Idealbild modernisieren. Jesus ist der, der alle Schemata sprengt.

Er steht Johannes dem Täufer nahe und unterscheidet sich doch von ihm, denn er führt kein weltflüchtiges, asketisches Leben. Er gehört nicht zur Gruppe der Sadduzäer und vertritt nicht die moralische Kasuistik und orthodoxe Korrektheit der Pharisäer. Er treibt zwar die Geldwechsler mit einer prophetischen Zeichenhandlung aus dem Tempel, propagiert aber nicht mit den Zeloten den gewaltsamen Kampf gegen die Römer. Er lehrt wie ein Rabbi und ist von einem Schülerkreis umgeben und nimmt zugleich eine Autorität in Anspruch, die sich von der der studierten Fachtheologen und Fachjuristen pointiert unterscheidet. Auch die Kategorie „Prophet“ reicht offensichtlich nicht aus, um seine Bedeutung auszusagen. Sein Anspruch geht darüber hinaus. Hier ist „mehr als Jona“ und „mehr als Salomo“ (Matth 12,41f). Dies „Mehr“ deutet auf das Geheimnis der Person Jesu hin. Religionsgeschichtliche und politische Einordnungen werden ihm nur begrenzt gerecht. Für die Glaubenden steht Jesus nicht in einer langen Reihe von Gottesboten. Vielmehr bringt er den endgültigen Willen, das endgültige Wort Gottes. In seinem Leben, Sterben und Auferstehen teilt sich der liebende und barmherzige Gott selbst mit. An Einzelheiten der Person Jesu, seinem Charakter, seinem Aussehen, sind die Evangelien nicht interessiert. Sie betonen allerdings sein wirkliches Menschsein. Er kannte Hunger, Durst, Müdigkeit, Trauer, Zorn, Schmerzen, Anfechtung, Gottverlassenheit. Sein Weg war der Weg der Übereinstimmung mit dem Wort und Willen Gottes und der Weg des Dienstes für die Menschen. Diesen Weg ging er bis zum Tod, in dem sein gesamtes Wirken eine letzte Zusammenfassung und Zuspitzung erfährt. Sein Tod zeigt die Armut und Unansehnlichkeit, mit der Gottes Reich in seiner Person anbrach. Sein Leben endet offen, mit einer Frage, deren Antwort nur Gott selbst geben konnte und die er mit der Auferweckung des Gekreuzigten gegeben hat.

Nicht der Zuschauer kommt zu dieser befreienden Erkenntnis und Erfahrung, auch nicht der Geschichtskundige, der im Abstand des Betrachters verharrt. In einer durch Religionsdistanz und Religionsfaszination bestimmten Welt wird deutlich, wie strittig und wie wenig selbstverständlich christlicher Glaube ist. Die säkulare Presse erzählt die Jesusgeschichte von außen. Die Glaubenden betrachten sie auch von innen. Ihre Augen bleiben freilich darauf angewiesen, für das Geheimnis der Person Jesu geöffnet zu werden, damit in den Erzählungen von Jesu Sterben und Auferstehen Gottes erwählende Liebe entdeckt werden kann, die den Tod überwindet, neues Leben schafft und zum dankbaren Dienst in der Welt befreit.

Reinhard Hempelmann

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