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Materialdienst 6/2011

Kreationismus

Ein altes und zugleich neues Thema ist auf die Tagesordnung öffentlicher Diskussionen und Diskurse gelangt: Wie verhalten sich christlicher Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie zueinander? Die Aktualität des christlichen Schöpfungsglaubens war lange Zeit durch die ökologische Krise und die Einsicht bestimmt, dass die menschliche Freiheit sich selbst begrenzen muss, um die Schöpfung zu bewahren. Die Frage nach dem Wie der Weltentstehung spielte in öffentlichen Debatten keine zentrale Rolle. Eine komplementäre Betrachtungsweise schien den Streit zwischen Vernunft und Glaube, zwischen Wissenschaft und Religion beenden zu können.

Angesichts der unverkennbaren Ausbreitung evangelikaler und pfingstlich-charismatischer Bewegungen gewinnen kreationistische Überzeugungen aber auch in Europa an Relevanz. Über das Thema Schöpfung und Evolution in der Schule wird heftig und öffentlich gestritten. Gerichte treffen Entscheidungen zu religiös motivierter Schulverweigerung, die u. a. mit dem Hinweis auf eine nicht annehmbare „gottlose Evolutionslehre im Biologieunterricht“ begründet wird. Die „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ verbreitet eine didaktisch gut gestaltete Publikation „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“, das sechs Auflagen erzielte, naturwissenschaftliche Plausibilität beansprucht und davon ausgeht, dass die Schöpfungserzählungen des 1. Mosebuches auch die Grundlage naturwissenschaftlicher Forschung darstellen.1

Anliegen

Kreationismus ist als eine Bewegung innerhalb des evangelikalen und pfingstlich-charismatischen Christentums zu betrachten. Kreationistische Ideen werden zwar auch von Zeugen Jehovas, von Adventisten und anderen religiösen Gemeinschaften christlicher Prägung und Herkunft vertreten. Darüber hinaus gibt es einen islamisch motivierten Kreationismus oder auch einen anthroposophisch begründeten Anti-Evolutionismus. Die öffentliche Diskussion konzentriert sich allerdings auf den Kreationismus, wie er im Kontext der evangelikalen Bewegung vorkommt.

Fragt man nach Charakteristika der kreationistischen Bewegung, so sind vor allem zwei Merkmale zu nennen: einmal die pointierte Ablehnung der Evolutionstheorie, zum anderen das Bekenntnis zur Bibel als dem unfehlbaren Gotteswort. Der Kreationist beansprucht, die Bibel authentisch auszulegen. Er sagt: „Wenn das Wort ,Tag‘ im Schöpfungsbericht nicht mehr Tag bedeutet, sondern irgendeinen völlig andersgearteten Zeitraum, dann ist die Auslegung der Heiligen Schrift ein hoffnungsloses Unterfangen.“2 Anders als die Mehrzahl der Vertreterinnen und Vertreter der wissenschaftlichen Theologie versteht der Kreationismus die Schöpfungsberichte in 1. Mose 1 und 2, ebenso die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies (1. Mose 3) und die Flutgeschichte (1. Mose 6-9) nicht als urgeschichtliche Erzählungen, die von dem berichten, was gewissermaßen aller Geschichte vorausliegt. Die Urgeschichte wird im Kreationismus als Geschichte verstanden. Der im protestantischen Fundamentalismus häufig vorausgesetzte Kurzzeit-Kreationismus entnimmt den Texten der Bibel folgende Aussagen:

• Die Erde ist weniger als 10000 Jahre alt. Sie wurde in sechsmal 24 Stunden geschaffen.

• Die Lebewesen wurden als Grundtypen geschaffen, aus denen die heutigen Arten entstanden.

• Die Sintfluterzählung berichtet von einem einmaligen historischen Ereignis, das nach Ansicht vieler Kreationisten die Ursache für die geologischen Ablagerungen einschließlich der Fossilien darstellt.

• In der ursprünglichen Schöpfung gab es keine Sünde und keinen Tod.

Darüber hinaus weisen etwa Vertreter der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“ darauf hin, dass das Christuszeugnis des Neuen Testaments mit der Urgeschichte verknüpft sei. In Bezugnahme auf das 5. Kapitel des Römerbriefs wird gefordert, Adam als historische Gestalt zu verstehen. Die Preisgabe der historischen Gestalt Adams würde die von Christus auch in Zweifel ziehen. Zugleich müsse der Tod als Folge der Sünde verstanden werden, was bei einer Akzeptanz der Evolutionstheorie ausgeschlossen wäre. Die Annahme einer evolutiven Entwicklung setze zwangsläufig voraus, dass der Tod nicht Folge des Sündenfalls, sondern Instrument des Schöpfungswillens Gottes sei. Für die Vertreter von „Wort und Wissen“ steht deshalb fest, dass die Anerkennung der Autorität der Schrift mit der Annahme der Darwin’schen Abstammungslehre unvereinbar ist.

Als weitere Methode des Vorgehens stützt sich der Kreationismus auf offene Fragen der Evolutionstheorie, die breit entfaltet werden. Eine in sich schlüssige Alternative zur Evolutionstheorie wird allerdings nicht dargestellt. Ausführlich wird jedoch auf neuere „Befunde“ aus Physik, Chemie und Geologie hingewiesen, die angeblich eine viel kürzere Erdgeschichte nahelegen und als Beleg und Hinweis für die Historizität der Sintflut- und Turmbaugeschichte verstanden werden. Der Anti-Evolutionismus kann freilich sehr unterschiedliche Gestalten haben, was bereits aus den unterschiedlichen Konzeptionen eines Kurzzeit- und Langzeit-Kreationismus hervorgeht. Das fundamentalistische Bibelverständnis behauptet zwar, dass es in der Regel nur eine einzige Möglichkeit der Deutung der biblischen Schöpfungsaussagen gibt, faktisch setzt es aber sehr unterschiedliche Perspektiven und Annahmen zur Weltentstehung aus sich heraus.

Aus dieser kurzen Skizze geht bereits hervor, dass Kreationisten zwischen naturwissenschaftlicher Welterkenntnis – wie sie in der Evolutionsbiologie, aber auch in der Astrophysik und der Geologie vorausgesetzt wird – und dem christlichen Schöpfungsglauben einen unüberbrückbaren Gegensatz sehen. Sie sind deshalb darum bemüht, eine alternative „christliche“ Naturwissenschaft aufzubauen. Der primäre Grund für ihre Haltung liegt in ihrem Bibelverständnis. Sie verstehen die Bibel nicht allein als Glaubenszeugnis, sondern als Buch, in dem ein irrtumsfreies Informationswissen zur Welterschaffung ausgesprochen wird. In der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel von 1978, auf die sich zahlreiche Gruppen beziehen, heißt es in Artikel XII pointiert: „Wir verwerfen die Ansicht, dass die Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel auf geistliche, religiöse oder die Erlösung betreffende Themen beschränkt seien, sich aber nicht auf naturwissenschaftliche Aussagen bezögen. Wir verwerfen ferner die Ansicht, dass Hypothesen der Wissenschaft im Blick auf die Erdgeschichte mit Recht verwandt werden könnten, um die biblische Lehre über Schöpfung und Flut umzustoßen.“3 Kreationisten verstehen sich als Bibeltreue. Eine historisch-kritische Deutung der biblischen Texte wird ausgeschlossen. 1. Mose 1 wird nicht als priesterschriftlicher Schöpfungsbericht gelesen, der auf dem Hintergrund einer Theologie des Sabbats zu verstehen ist. Die Unterschiede zum jahwistischen Bericht, der in 1. Mose 2, 4b beginnt, werden eingeebnet, da die sogenannte Zweiquellentheorie als nicht zutreffend und als die Autorität der Bibel in Frage stellend bewertet wird.

Hintergründe

Der Kreationismus entstand als Teil des protestantischen Fundamentalismus in den USA. Im kreationistischen Gedankengut ist der Widerspruch zur Darwin’schen Abstammungslehre und zum Wissenschaftsglauben der Moderne zusammengefasst. Fundamentalistische Bewegungen beantworten die Frage nach christlicher Identität primär durch Abgrenzung: antipluralistisch, antihermeneutisch, antifeministisch, antievolutionistisch. Das amerikanische Erweckungschristentum ist mit aufklärungskritischen Affekten verknüpft. Es ist Reaktion auf ein wissenschaftliches Weltbild, das für Gott keinen Platz mehr kennt. Im deutschsprachigen Kontext verbindet es sich mit den Impulsen, die vom Pietismus, von der Erweckungsbewegung und freikirchlichen Gemeinschaftsbildungen ausgehen. Falsch wäre es allerdings, davon auszugehen, dass alle Evangelikalen, Charismatiker und Pfingstler Bibelfundamentalisten und Kreationisten sind. Auch muss man unterscheiden, ob jemand seine christliche Glaubensüberzeugung mithilfe eines fundamentalistischen Bibelverständnisses und kreationistischen Schöpfungsverständnisses zum Ausdruck bringt, sie aber nicht absolut setzt, sondern auch andere theologische Erkenntnisse gelten lässt, oder ob jemand seinen Glauben derart eng mit einem kreationistischen Weltverständnis verbindet, dass er anders denkenden Christen ihr Christsein abspricht. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden erweckliche Strömungen, für deren Selbstverständnis der Kreationismus charakteristisch ist, von vielen „modernen Theologen“ als eine im Wesentlichen vergangene Erscheinung angesehen. Inzwischen zeigt sich, dass es sich hierbei um ein dauerhaftes Phänomen handelt.

Einschätzungen

Falsch am Kreationismus ist nicht, dass er an der Autorität der Bibel festhalten und einer atheistischen Weltanschauung etwas entgegensetzen möchte. Problematisch an ihm ist aber, dass er den Charakter des biblischen Zeugnisses verkennt. Bereits im Alten Testament sind die Vorstellungen vom Wie der Schöpfung nicht entscheidend. Verschiedene Vorstellungen von der Entstehung der Welt werden nebeneinander stehengelassen. Entscheidend ist die Botschaft der biblischen Zeugen. Sie bekennen, dass alles („Himmel und Erde“) aus Gottes Hand kommt. Sie bezeugen, dass Mensch und Welt dazu bestimmt sind, Gott als Schöpfer und Erhalter des Lebens zu loben. Sie unterstreichen, dass Gott ein Gegenüber ist, das angeredet werden kann. Sie weisen darauf hin, dass die Würde eines jeden Menschen in seiner Gottesebenbildlichkeit begründet ist. Der biblische Schöpfungsglaube zielt auf ein Orientierungswissen, nicht auf ein naturwissenschaftliches Informationswissen. Nach reformatorischer Theologie darf die christliche Naturerkenntnis nicht getrennt betrachtet werden von den Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen der menschlichen Vernunft überhaupt. Denn die menschliche Vernunft steht unter dem fortdauernden Segen des Schöpfers, obgleich sie nicht in der Lage ist, Gottes Heil zu erkennen.

In dem anspruchsvolleren Konzept vom „Intelligenten Design“ (ID), das wie der Kreationismus antievolutionistisch ausgerichtet ist und dessen Vertreter nicht nur evangelikale Christen sind, wird von der komplexen Struktur der Lebewesen und einer angenommenen Zielgerichtetheit der Natur auf einen intelligenten Planer geschlossen. Wie in den teleologischen Gottesbeweisen wird auf Gott bzw. auf einen Designer und Architekten aus der Welt geschlossen. Vertreter der ID-Bewegung setzen sich dabei über die philosophischen Diskussionen zum Misslingen aller Gottesbeweise hinweg und vergessen – sofern sie christlich ausgerichtet sind – die in biblischen Texten zum Ausdruck gebrachte Verborgenheit Gottes in der Welt. Ein intelligenter Planer ist noch nicht der Gott der Bibel, der sich in der Geschichte des jüdischen Volkes und im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi bezeugt hat. Der biblische Gott ist weltlich nicht notwendig. Er ist „mehr als notwendig“ (Eberhard Jüngel). Es ist zwar richtig und begründet, auf die Offenheit der Schöpfung für Gottes Wirken hinzuweisen. Die naturwissenschaftliche Kosmologie enthält jedoch keine eindeutige religiöse Botschaft. Der christliche Glaube kommt aus dem Hören des Evangeliums. Er begründet sich nicht durch die wissenschaftliche Welterforschung, auch wenn diese den Menschen zum Staunen bringen kann.

Für die atheistische Bestreitung des Schöpfungsglaubens im Namen der Wissenschaft sind Kreationismus und Intelligentes Design willkommene Gegner. Auf die Erhebung der Evolutionslehre zu einer umfassenden materialistischen und atheistischen Weltanschauung muss die christliche Theologie selbstverständlich kritisch reagieren. Sie sollte es jedoch anders tun als der Kreationismus. Der christliche Glaube stärkt ein Orientierungswissen, das für alle Erkenntnisse der menschlichen Vernunft offen ist. Die Bibel wird nicht überzeugend ins Gespräch gebracht, wenn ihr Charakter als Glaubenszeugnis zurücktritt und man in ihr einen Vorrat zeitloser, unfehlbarer Fakten sucht und findet. Für die Bildungsarbeit der christlichen Kirchen in der Schule bedeutet dies: Ein Religionsunterricht „kann den Kreationismus zwar thematisieren, ihn jedoch nicht vertreten“.4 Die naturwissenschaftliche Welterkenntnis kann Gottes Existenz weder beweisen noch widerlegen. Die Sprache des Glaubens und die Sprache der Wissenschaft sind zwei unterschiedliche Sprachen, auch wenn sie sich auf denselben Gegenstandsbereich beziehen. Der untersuchende Blick des Arztes in das menschliche Auge ist ein anderer als der eines Liebenden. Der christliche Glaube sollte nicht mit Argumenten verteidigt werden, die im Widerspruch zu den Erkenntnismöglichkeiten der menschlichen Vernunft stehen. In seinem Buch „Gott als Geheimnis der Welt“ hat der evangelische Theologe Eberhard Jüngel darauf hingewiesen, dass „der Beweis der Notwendigkeit Gottes ... der Geburtshelfer des neuzeitlichen Atheismus“ ist.5

Anmerkungen

1 Reinhard Junker / Siegfried Scherer, Evolution – ein kritisches Lehrbuch, Gießen 62006.
2 Werner Gitt, Das biblische Zeugnis der Schöpfung, Neuhausen-Stuttgart 1983, 41.
3 Der Text ist abgedruckt in: Reinhard Hempelmann (Hg.), Handbuch der Evangelistisch-missionarischen Werke, Einrichtungen und Gemeinden, Stuttgart 1997, 372.
4 Orientierungshilfe des Rates der EKD „Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule“. Handreichung des Rates der EKD, Hannover 2008, 20.
5 Eberhard Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt, Tübingen 72001, 23.

Literatur

Hemminger, Hansjörg, Und Gott schuf Darwins Welt. Der Streit um Kreationismus, Evolution und Intelligentes Design, Gießen / Basel 2009
Hemminger, Hansjörg, Kreationismus – Rückschau zum Anfang der Welt. In: Hempelmann, Reinhard u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, 436-443
Link, Christian, Christlicher Schöpfungsglaube und naturwissenschaftliches Weltverständnis. Wie kann man dem Kreationismus argumentativ begegnen?, in: Hempelmann, Reinhard (Hg.), Schöpfungsglaube zwischen Anti-Evolutionismus und neuem Atheismus, EZW-Texte 204, Berlin 2009, 121-137

Internet

www.wort-und-wissen.de
www.evolutionsbiologen.de

Reinhard Hempelmann

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