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Materialdienst 6/2011
Johannes Kandel

Gehört der Islam (geschichtlich) zu Deutschland?

Neuigkeiten vom Islamdiskurs

Das alte Lied: Aufstellung und Frontmarkierung

Der Islam-Diskurs in Deutschland ist um eine weitere Arabeske „reicher“. Der neue Innenminister hatte sich abweichend von der Meinung des Bundespräsidenten geäußert, und schon positionierte sich das polarisierte Feld der Befürworter und Gegner. Für FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners, der gegenwärtig mit seiner „Streitschrift“ gegen die „Islamkritiker“ zu Felde zieht, dürfte die Äußerung von Hans-Peter Friedrich ein weiterer Beweis für die vermeintlich islamophobe Grundstimmung in diesem Land gewesen sein. Die Gründerin der „Liberalen Muslime“, Lamya Kaddor, sprach von einer „Ohrfeige“ für die Muslime. Empört waren auch, wie nicht anders zu erwarten war, führende Häupter einiger Islamverbände und muslimische Teilnehmer der „Deutschen Islamkonferenz“. Axel Ayyub Köhler vom „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ forderte dazu auf, die „kulturellen und geschichtlichen Leistungen der Muslime“ nicht abzuwerten. Eine „Aktualisierung des Geschichtsbildes“ sei notwendig. Der türkisch-deutsche Verbandslobbyist Kenan Kolat, Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, gab – gewissermaßen stellvertretend für alle Türken – seine Enttäuschung kund und drohte dem Minister mit Zoff. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Aydan Özoguz äußerte sich „entsetzt“ über den Minister und forderte die Muslime zum Boykott der Deutschen Islamkonferenz auf, die Friedrich erstmals geleitet hatte. Auf der anderen Seite des Diskurs-Grabens freuten sich einige „Islamkritiker“ und auch solche, die von Religion gar nichts halten, wie z. B. Mina Ahadi (Zentralrat der Ex-Muslime). In den Kirchen war das Echo – auch das ein vertrautes Reiz-Reaktions-Schema – gemischt. Einige Vertreter der evangelischen Kirche distanzierten sich von Friedrich. Andere – meist konservative – Theologen dagegen sekundierten dem Minister. Auch CDU-Fraktionschef Volker Kauder fand die Bemerkung des Innenministers in Ordnung. Weitere Zwischenrufe und Anmerkungen zum Thema sind zu erwarten.

Identitätsfragen und Geschichte als Argument im politischen Diskurs

Nur wenige Diskutanten versuchten erst einmal klarzustellen, worum es in der Sache eigentlich ging. Matthias Matussek vom „Spiegel“ fragte nach: Was hat der Innenminister eigentlich gesagt? Friedrich hatte gesagt: „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich aus der Geschichte nicht belegen lässt.“1 Der Minister sprach die geschichtliche Dimension an. Er hatte nicht die Tatsache im Blick, dass 4,3 Millionen Muslime „realexistierend“ in Deutschland leben und mit ihnen natürlich die von ihnen mehr oder weniger intensiv praktizierte Religion, der Islam. Das ist unbestreitbar und wohl auch politischer Konsens. Das Wörtchen „gehören“ eröffnet einen anderen Bedeutungshorizont als die bloße Feststellung der Anwesenheit einer zahlenmäßig bedeutenden religiös-kulturellen Minderheit. Bildungsministerin Annette Schavan verdeutlichte dies, indem sie darauf verwies, dass der Islam „Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ sei; gleichwohl sei „gesellschaftliche Wirklichkeit etwas anderes als die Frage nach Kultur prägenden Kräften“.2 Ulrich Greiner hat in seinen semantischen Betrachtungen zum Wort „gehören“ auf den „Bedeutungsreichtum“ des Wortes aufmerksam gemacht, der seinen „diskursiven Reiz“ ausmache und daher zu „endlosem Streit“ tauge.3 Die Rede vom „Dazugehören“ hat mit Identitätsfragen zu tun und mit der Suche danach, woher wir Deutschen kamen, wie wir geworden sind, was uns geschichtlich geprägt hat und schließlich wie wir sein und miteinander leben wollen. Das ist eine wahrhaft elementare Frage, die nur als dauernde Aufgabe begriffen werden kann. Der französische Historiker Ernest Rénan hat die Nation einmal als „plébiscite de tous le jours“ (immerwährende, alltägliche Volksabstimmung) bezeichnet und damit sehr bildhaft die subjektiv-politische Komponente des Nationwerdens und Nationbleibens umschrieben.4

Friedrich hat das „Nicht-Dazugehören“ des Islam auf historische Traditionsbestände Deutschlands bezogen und bei der Eröffnung der Deutschen Islamkonferenz im März 2011 noch einmal präzisiert: „Aber es bleibt dabei: Die Prägung des Landes und der Kultur aus vielen Jahrhunderten der Wertmaßstäbe ist christlich-abendländisch.“5 Die Frage, ob der Islam geschichtlich zu Deutschland gehöre, ist keineswegs irrelevant oder nur eine „umstrittene akademische Frage, die zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen der Gegenwart wenig beizutragen hat“, wie Richard Herzinger meinte.6 Die Geschichte der Deutschen ist ein zentrales Element ihrer gegenwärtigen Identität, wie z. B. die Ständige Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin zur politischen Geschichte Deutschlands eindrucksvoll zeigt.7 Ferner hat der Rekurs auf Geschichte eine lange Tradition in der politischen Streitkultur: Geschichte wird im politischen Meinungsstreit gern als Argument verwendet. Historische Quellen und Traditionen werden zum Zwecke der Untermauerung mehr oder weniger plausibler Behauptungen selektiv erschlossen, gedeutet und im Diskurs eingesetzt. Instrumentalisierungen und auch Manipulation historischer Stoffe sind im diesem Verfahren nicht ausgeschlossen. Geschichte als Argument ist Waffe im politischen Geisteskampf. So auch im Islamdiskurs. Nun ist der Minister kein Historiker und er hat seinen Satz auch nicht weiter erläutert. Wir wissen nicht, auf welche historischen Fakten er sich bezieht, die belegen könnten, warum der Islam geschichtlich nicht zu Deutschland gehören kann. Es ist gleichwohl politisch relevant, nach der Plausibilität historischer Argumentation zu fragen, denn die Argumentation mit vermeintlichen geschichtlichen „Fakten“ erfreut sich gerade bei Freunden und Feinden des Islam gleichermaßen größter Beliebtheit und wird im Diskurs sehr häufig mit apologetischen Attitüden vorgetragen.

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Anmerkungen

1 www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749307,00.html. (Die in diesem Beitrag genannten Internetseiten wurden zuletzt am 2.5.2011 abgerufen.)
2 Tagesspiegel vom 10.10.2010.
3 Die Zeit vom 10.3.2011.
4 Ernest Renan, Was ist eine Nation? (1882), in: Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus, hg. von Michael Jeismann / Henning Ritter, Leipzig 1993, 290ff.
5 Stern vom 29.3.2011.
6 Welt am Sonntag vom 6.3.2011.
7 Deutsches Historisches Museum (Hg.), Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen, Berlin 2009.

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