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Materialdienst 6/2011
Interreligiöser Dialog

Braucht Berlin ein interreligiöses Zentrum?

In Berlins Mitte soll ein neuer Sakralbau entstehen, in dem Christen, Juden und Muslime Gottesdienst feiern. Eine von der Evangelischen Akademie zu Berlin in Zusammenarbeit mit dem rbb Inforadio unter der Titelfrage veranstaltete Podiumsdiskussion informierte kurz vor Ostern über den Planungsstand und stellte kritische Fragen.

Seit der Vorstellung des Nutzungskonzepts 2009 ist das Projekt, das von der evangelischen Ortsgemeinde St. Petri–St. Marien initiiert worden ist, weit fortgeschritten. Derzeit wird das Bedarfsprogramm für die Errichtung des Sakralbaus als Grundlage für einen Architekturwettbewerb erarbeitet. Es ist an die Gründung einer Stiftung gedacht, die Verabschiedung des Bebauungsplans im Berliner Abgeordnetenhaus wird vorbereitet.

Die Kirchengemeinde hat die Jüdische Gemeinde Berlin sowie das Forum für Interkulturellen Dialog e.V. (FID) als Partner gewonnen. Denn das soll es nach den Worten des zuständigen Pfarrers, Gregor Hohberg, von vornherein sein: eine gemeinsame Initiative der Religionen, ein von Anfang an gemeinsam entwickeltes, neues Konzept der Transparenz und Offenheit im multikulturellen Kontext. Geplant ist ein „Haus Gottes für einen Dialog der Religionen“, das dem Miteinander von Religion und Stadt eine zukunftsweisende Gestalt verleihen soll. Ein auch architektonisch „neues Wahrzeichen der Weltoffenheit und Toleranz“ am „Urort“ des historischen Berlin unweit des Doms und des Schlossplatzes, wo die zu DDR-Zeiten gesprengte St.-Petri-Kirche stand. Es wäre in der Tat das erste seiner Art in Deutschland und würde ausgehend von der Bundeshauptstadt zweifellos auch besondere Ausstrahlungskraft besitzen. Neu ist auch, dass zumindest mittelfristig das multireligiöse Nebeneinander für ein interreligiöses Miteinander geöffnet werden soll. Gemeinsame liturgische Formen für Gebet, Trauer- und Gedenkgottesdienste etwa könnten ein „prophetisches Zeichen“ für das Zusammenleben der Religionen sein, so Hohberg.

Die Partnersuche gestaltete sich indes sehr schwierig. Zwar war ein Vertreter des progressiven Judentums bald gefunden (Rabbiner Tovia Ben-Chorin), doch von muslimischer Seite wurde dem ambitionierten Projekt größte Zurückhaltung entgegengebracht. Als tragfähig wurde schließlich allein eine Zusammenarbeit mit dem Forum für Interkulturellen Dialog eingeschätzt. Das FID Berlin ist wiederum ein wichtiger Akteur der nicht wenig umstrittenen Gülen-Bewegung in Deutschland, die gerade keine muslimische Gemeinde repräsentiert, sondern im Gegenteil bisher auf religiöse Diskretion gesetzt und gezielt säkulare Bildung etwa durch Einrichtung von Schulen in freier Trägerschaft lanciert hat. Kann das FID schon zahlenmäßig keinerlei muslimische Repräsentanz für sich beanspruchen, erkennt es in der Kooperation offenbar eine Gelegenheit, an äußerst prominentem Ort eine Moscheegemeinde allererst ins Leben zu rufen. Der Imam dafür, Kadir Sanci, ist derzeit noch in Ausbildung in Istanbul. Gülen-nahe Akteure bieten sich an, weil sie auf ihre Weise die säkulare Gesellschaft aktiv akzeptieren. Da sie jedoch auch innerislamisch nicht unumstritten sind, dürfte sich die Hoffnung auf die mittelfristige Einbeziehung weiterer muslimischer Partner stark reduzieren.

Nicht beteiligt ist übrigens die katholische Kirche, die sich aufgrund ihres Kirchenverständnisses an dieser Stelle einer klareren Unterscheidung bewusst bleibt. Ausdrückliche und aktive Unterstützung kommt hingegen seit Beginn vom Berliner Senat, der in letzter Zeit über neue Formen des Arrangements mit den Religionen in der Hauptstadt nachzudenken scheint.

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Friedmann Eißler

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