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Materialdienst 6/2011
Georg Schmid

Ravi Shankar und die glücklichen Menschen

Sri Sri (Titel, etwa: „heilig, heilig“) Ravi Shankar – nicht zu verwechseln mit dem Musiker Ravi Shankar – wurde 1956 in Papanasam in Südindien geboren. Der „höchste Lehrer der Erleuchtung“, wie er auch genannt wird, lehrt seit den 1980er Jahren die „Kunst des Lebens“ (Art of Living), ein „Glücksverwirklichungsprogramm“ auf der Basis einer von ihm entwickelten Atemtechnik. Im Ashram gleichen Namens hat Georg Schmid den Guru besucht. (Vgl. auch den Bericht über Sathya Sai Baba in der letzten Ausgabe des MD.)


 „Sie müssen unbedingt Sri Sri Ravi Shankar besuchen, er ist heute aktueller als Sai Baba. Viele Besucher aus dem Westen kommen seinetwegen nach Bangalore“, meint mein Gesprächspartner am „United Theological College“ in Bangalore im Süden Indiens. Als Dozent für Praktische Theologie beobachtet er auch das spirituelle Umfeld, in dem seine Studierenden arbeiten werden. Die Gurus der Gegenwart sind für ihn das Phänomen im zeitgenössischen Hinduismus, das besondere Aufmerksamkeit verdient. Die Gurus des 20. und des 21. Jahrhunderts weiten hinduistische Spiritualität fast bis ins Gegenteil dessen aus, was sie einmal war, und kombinieren in ihren Angeboten noch ungenierter als ihre Vorgänger fast alles mit fast allem – Hauptsache, das Programm dient aus ihrer Sicht der spirituellen Entfaltung des Menschen. Ihre Ashrams könnte man Laboratorien für einen neuen, einen spirituell transformierten Menschen nennen.

Ich habe als Christ allen Grund, Orte zu besuchen, in denen neues, glückliches Menschsein angestrebt wird. Denn zum einen ist die Sehnsucht nach einem anderen, einem neuen, einem von Grund auf transformierten Menschsein in der religiösen Gegenwart nach wie vor fast mit Händen zu greifen. Die religiöse Gegenwart lernen wir kennen, wenn wir uns auf diese Sehnsucht einlassen. Und zum anderen ist neues, glückliches Menschsein seit den Tagen des Meisters von Nazareth auch ein zentral christliches Thema. Beginnt nicht schon die Bergpredigt mit einem Loblied auf selige oder – anders formuliert – auf glückliche Menschen? Vielleicht gelingt es anderen heute besser als uns Kirchenchristen, nicht nur ein Lächeln auf das Gesicht ihres Nachbarn zu zaubern, sondern schlichtes Glück ins Herzen der Menschen zu gießen.

Das Ashram-Gelände

Am nächsten Tag fahren wir in einer Motor-Riksha entlang der Kanakapura Road in die südlichen Vororte von Bangalore. Unser Fahrer hält vor dem immensen Gelände von Ravi Shankars Ashram. Zuerst stehen wir vor großen Reklamewänden, auf denen den Anhängern Wohnungen zum Kauf angeboten werden. Überall wird gebaut. Genug Raum ist vorhanden. Aber schon der bisherige Ashram entwickelt sich zur kleinen Stadt. Zum Ashram gehören außer dem Tempel u. a. Läden, ein Café, ein Informationszentrum, ein Ayurveda-Zentrum, ein Krankenhaus und Unterkünfte für große Besucherscharen. Weil sich das Gelände an einen Abhang um den Tempelhügel herum schmiegt, kann erst eine Wanderung durch den Ashram das wahre Ausmaß des „Art of Living“-Zentrums erschließen. Meine Wanderung wird allerdings schon nach etwa zehn Minuten abgekürzt, weil mich der Fahrer eines im Ashram eingesetzten Shuttle-Busses so freundlich zum Mitfahren einlädt, dass ich das Angebot nicht ausschlagen kann. Ich mache beim neuen Speisesaal halt. Hier wird Essen gratis abgegeben. Alle Eintretenden werden vor dem Essen persönlich von einer würdigen, fast „priesterlichen“ Gestalt durch Handauflegen gesegnet. Anschließend sitzen alle auf dem Boden, wo Markierungen angebracht sind, damit sich ein ordentliches Gesamtbild ergibt.

Die Mitte des Geländes bildet zweifelsohne der große Meditationstempel, ein Rundbau mit fünfstufigem Dach. Jede Dachstufe stellt einen aufgehenden Lotus dar. Dieser zentrale Bau erinnert mich fast an eine Hochzeitstorte, auf fünf Ebenen mit zartfarbenem, süßem Dekor beladen. Im Inneren des Tempels umhüllen den Besucher ähnliche Farbtöne: Vanillegelb und Himbeerrot. Überall erinnern uns Hindugötter und Symbole aller Religionen, dass uns hier nicht nur irgendeine spirituelle Wahrheit begegnen soll, sondern die Wahrheit schlechthin, das eigentlich Gemeinte, verborgen in allen Religionen. Der Tempel bietet Raum für 2000 Besucher und ist Lakshmi, der Gattin des Vishnu, geweiht, Göttin des Glücks, des Reichtums, der Harmonie und des Wohlbefindens. Ich kann mir keine passendere Schutzpatronin für ein indisches Glücksverwirklichungszentrum vorstellen. Allerdings hieß die Mutter Ravi Shankars ebenfalls Lakshmi. Welcher Lakshmi ist die Meditationshalle nun eigentlich gewidmet? Aber wahrscheinlich können nur ahnungslose Westler eine solche Frage stellen.

Zu Füßen des Gurudev

Der Tempelsymbolik nachsinnend und wahrscheinlich unnötigen Fragen nachhängend, warten wir um 19.30 Uhr im Meditationstempel auf den Meister. Mitten in der Woche haben sich nur ein paar Hundert Anhänger eingefunden. An Wochenenden pilgern Scharen aus der Stadt hinaus zu ihrem Meister. Auch heute sind die meisten Inder. Wir sitzen nach Geschlechtern getrennt.

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