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Materialdienst 6/2011
Neue religiöse Bewegungen

Sathya Sai Baba gestorben

(Letzter Bericht: 5/2011, 173ff) Am Ostersonntag, 24. April 2011, ist im Alter von 84 Jahren einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Gurus, Sathya Sai Baba aus Puttaparthi (Andhra Pradesh, Indien), in der Klinik in seiner Heimatstadt gestorben. Als Todesursache wurde Herz-Kreislauf-Versagen angegeben. Der südindische Bundesstaat rief eine mehrtägige Staatstrauer aus.

Der milde lächelnde Inder mit der charakteristischen Kraushaar-Frisur im Afrolook faszinierte durch seine märchenhaft anmutende Einzigartigkeit: Schon als 13-Jähriger bekannte er sich als Reinkarnation des 1918 verstorbenen Heiligen Shirdi Sai Baba. Ihm wurden Wunderkräfte zugeschrieben, insbesondere die Fähigkeit, Dinge und vor allem „heilige Asche“ (vi-bhuti) mit einer Handbewegung zu „materialisieren“. Sai Baba galt nicht nur als eine Herabkunft Gottes (Avatar), sondern als derjenige, der die Avatare herabgesandt hat, so als Vater, der Jesus Christus in die Welt sandte, ja als Krishna selbst.

1976 proklamierte er die Sai-Religion, die als Essenz aller Religionen die „Religion der Liebe“ sei mit dem Ziel, die Menschen zur Wahrheit zurückzuführen: „My life is my message.“ Sein eigenes Leben verwirkliche die Einheit der Religionen in Liebe. Um dies zu vollenden, werde er nach seinem Tode in einer dritten Reinkarnation als Prem Sai wiedergeboren werden, so seine Botschaft. Allerdings wollte er dazu einer kürzlichen Ankündigung zufolge bis 99 (d. h. bis 2025) warten.

Ausgehend vom Zentrum in Indien wurden Schulen und Colleges, eine Universität, Krankenhäuser und Sozialwerke eingerichtet. Unter Indiens Wohlhabenden und in der gebildeten Mittelschicht hat Sai Baba eine auffallend große Anhängerschaft, darunter nicht wenige Prominente. Die Sathya Sai Organisation International stellt ihre Dienste nach Schätzungen über 50 Millionen Anhängern zur Verfügung, in Deutschland ist sie mit 13 Zentren und 28 Gruppen vertreten.

In dem modernen Guru den Heiler, Wundertäter, ja Gott selbst in Person verehren zu können, bildet(e) für viele Anhänger offenbar eine Brücke von der westlich-modernen Lebensweise zu einer Welt, die die Befriedigung idealisierter archaischer Bedürfnisse ebenso wie die harmonische Einlösung universeller religiöser Werte verspricht. Kritische Stimmen, die dem Guru Scharlatanerie und persönliche Bereicherung vorwarfen, waren indes nie verstummt. Besonders der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs heranwachsender Jungen konnte nie ausgeräumt werden. „Wunder“ wie die Materialisierung von Gegenständen und heiliger Asche wurden als Taschenspielertricks entlarvt, kompromittierende Videos kursieren im Internet. Jüngst ist die deutsche Ausgabe des kritischen biografischen Berichts eines prominenten Aussteigers erschienen: Conny Larsson, Sai Baba – Hinter der Maske des Clowns. Wahrheiten, Sekten und Sex, deutsch 2011 (schwedisch und englisch 2005).

Friedmann Eißler

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