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Materialdienst 4/2011
Werner Thiede

Rudolf Steiner und die Religion

Betrachtungen anlässlich seines 150. Geburtstags

Rudolf Steiner hat sich nie als Gründer einer Religion verstanden. Gleichwohl kann der Kirchengeschichtler Friedrich Heyer sagen: „In der Gedankenwelt Rudolf Steiners waren die Umrisse einer Theologie erkennbar.“1 Und tatsächlich hat sich viel hiervon in der von Steiner inspirierten, 1922 gegründeten „Christengemeinschaft“ niedergeschlagen. Einerseits trennte Steiner scharf zwischen der von ihm entworfenen Anthroposophie, die er als Geisteswissenschaft verstand, und der Welt der Religion. Andererseits war nachgerade das Christentum für ihn der Urgrund der Welt selbst, den es anthroposophisch als Wissen und Kultus gleichermaßen auszuteilen gilt. Die komplexen Bezüge Steiners zur Religion möchte ich sowohl im Blick auf seine Christosophie als auch hinsichtlich der „Christengemeinschaft“ beleuchten.

Steiners Anfänge und die Theosophie

Der am 27. Februar 1861 geborene, römisch-katholisch getaufte Philosoph Rudolf Steiner war zweifelsohne ein religiöser und spirituell wirksamer Mensch – wenn auch gewiss nicht im kirchlichen Sinn. Offenkundig hatten schon den Knaben katholischer Kultus und okkulte Erlebnisse geprägt.2 Dazu waren – vom freigeistigen Vater gefördert – technische Interessen gekommen. All dies floss in der späteren Jugend zu einem intensiven Fragen nach der erforschbaren Einheit von sinnlicher und übersinnlicher Wirklichkeit zusammen. Dass nicht Immanuel Kant mit seinem Dualismus von „Ding an sich“ und Erscheinung ihm hier weiterhelfen konnte, sondern eher der entschieden über Kant hinausschreitende Johann Gottlieb Fichte mit seinem idealistischen Monismus, realisierte bereits der 18-Jährige.3 Aber auch Fichtes Sohn Hermann Immanuel wurde für ihn wichtig, der die Autonomie der Subjektivität im spirituellen Sinn herausgearbeitet hatte. Von daher ergab sich bei Steiner die Pointe, dass er gerade als junger Naturwissenschaftler4 der materialistischen Weltbetrachtung abgeschworen und sich als Geisteswissenschaftler verstehen gelernt hatte.5 Dabei fasste er „Geist“ nun freilich als eine andere Form von Materie auf, die ja bereits in gnostischer Tradition als eine verfestigte Gestalt von Geist gegolten hatte. Tatsächlich könnte man Steiner selbst im Sinne Götz Harbsmeiers und Richard Geisens6 als einen modernen Gnostiker bezeichnen. Sein spiritueller Monismus7 hat durchaus Ähnlichkeit mit manchen spätantiken gnostischen Systemen, die sich bei näherer Betrachtung keineswegs alle auf einen „Dualismus“ reduzieren lassen. Näherhin müsste man dann freilich betonen, dass Steiner ein christlicher Gnostiker war. Für ihn hat das Christentum als Religion begonnen, doch ist es größer als alle Religionen.8 Denn die Christus-Gestalt in ihrer göttlichen Abkunft bildete nach seiner visionären Überzeugung das innere Zentrum aller Religionen. Nicht nur die Mysterien sah er für den Christus in Dienst genommen, sondern auch sämtliche nichtchristlichen Religionen. Diese Sichtweise bildet nicht zuletzt die Pointe seiner Lehre von den zwei Jesus-Knaben.

Doch zunächst hatte bei Steiner kaum etwas auf solch eine merkwürdig ausgestaltete Christozentrik hingedeutet. Zwar hatte er schon als sehr junger Mann zu den ersten Käufern der von der Theosophischen Gesellschaft herausgebrachten Literatur gehört. Durch sie wurde sein Christus-Bild dahingehend umgeformt, dass sich gegen die kirchliche Tradition bei ihm eine Auseinanderdifferenzierung von Jesus und Christus abzeichnete.9 Aber seine geistige Entwicklung drehte sich dann jahrelang eher um philosophische Fragen – insbesondere in der Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche. So wurde er vor der Jahrhundertwende sogar zum ausgesprochenen Christentumsgegner.10

Als Steiner nach dem Tod Nietzsches 1900 mehrere Gedenkreden auf den Philosophen hielt, wurde er gebeten, einen entsprechenden Vortrag in einem theosophischen Kreis um Sophie Gräfin Brockdorff zu wiederholen. Inhalt und Art seines Vortrags in der Theosophischen Bibliothek zu Berlin empfand man als so anregend, dass daraus eine regelmäßige Vortragsreihe wurde und die Gräfin beschloss, das theosophische Leben, das in Berlin seit einiger Zeit geschlummert hatte, neu aufleben zu lassen. In einem ersten Zyklus sprach Steiner über die neuzeitliche Mystik des Abendlandes; die 1901 publizierten Vorträge ließen allerdings immer noch nichts spezifisch Christliches erkennen.11 Wie also kam es, dass dann der zweite Zyklus, 1902 unter dem Titel „Das Christentum als mystische Thatsache“ veröffentlicht, plötzlich einen Jesus als dem Christus und dem Kreuz von Golgatha zugewandten Steiner präsentierte? Was führte zur Reaktivierung seiner theosophisch gefärbten Auffassung vom Christentum? Die Erklärung, dass er nun auf esoterisch gesonnene Menschen getroffen war, „die ihrerseits über den Christus reden und denken“12, dürfte nicht genügen, zumal solches Reden noch kaum ein „christosophisch“ akzentuiertes war. Eines allerdings wird genau zu dem Zeitpunkt, als Steiner seinen zweiten Zyklus zu konzipieren begann, in der Theosophischen Bibliothek sehr wohl thematisiert13 worden sein: Die damalige „First Lady“ der Theosophical Society, Annie Besant, hatte gerade ihr neuestes Buch „Esoteric Christianity or The Lesser Mysteries“ (1901) publiziert. Esoterisches Christentum – dass Steiner sich von den neuen Gedanken der theosophischen Führerin für seinen kommenden, im Herbst beginnenden Zyklus inspirieren ließ, kann kaum verwundern!

Rasch begann damit sein Aufstieg innerhalb der Theosophischen Gesellschaft. Im Anschluss an seine Vorträge über esoterisches Christentum wurde er im Frühjahr 1902 gebeten, Mitglied der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft zu werden. Deren offizielle Gründung wurde gleichzeitig überhaupt erst geplant, und schon hatte man Steiner ihre Leitung angetragen. Im Sommer 1902 entschied sich Steiner, diesem Antrag zu entsprechen. Gerade hatte er die Schlusskapitel seines „Christentum“-Buches druckfertig formuliert. Daraufhin machte er sich auf die Reise nach London, wo er beim Theosophischen Kongress Annie Besant persönlich kennenlernte. Im Oktober schließlich wurde – in Anwesenheit Annie Besants – die deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegründet. Rudolf Steiner wurde als Generalsekretär gewählt. Der Philosoph war offiziell zum Esoteriker, ja binnen kürzester Zeit zu einer führenden Gestalt der deutschen Theosophie geworden.

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Anmerkungen

1 Friedrich Heyer, Anthroposophie – ein Stehen in Höheren Welten?, Konstanz 1993, 79.
2 Vgl. bes. Christoph Lindenberg, Rudolf Steiner. Eine Chronik, 1861-1925, Stuttgart 1988, 33.
3 Vgl. – auch zum Folgenden – Christoph Lindenberg, Rudolf Steiner. Eine Biographie, Bd. 1, Stuttgart 1997, 80ff, sowie Helmut Zander, Rudolf Steiner. Die Biografie, München 2011. Vgl. dazu die Rezension in dieser Ausgabe des MD, 157f.
4 Steiner hat sein Studium der Physik, Botanik, Zoologie und Chemie samt Mathematik nie abgeschlossen – schon deshalb sollte man seine geistigen Leistungen weniger dem „Naturwissenschaftler“ zuschreiben; vielmehr ist daran zu erinnern, dass er Theosoph war als „Geisteswissenschaftler“!
5 Seine konstruktivistisch reflektierte „Erkenntnistheorie ... begründet die Überzeugung, dass im Denken die Essenz der Welt vermittelt wird“ (Rudolf Steiner, GA 3, 85).
6 Vgl. Götz Harbsmeier, Anthroposophie – eine moderne Gnosis (Theologische Existenz heute 60), München 1957; Richard Geisen, Anthroposophie und Gnostizismus. Darstellung, Vergleich und theologische Kritik, Paderborn u. a. 1992.
7 Vgl. Werner Thiede, Jenseits von Gut und Böse? Spiritueller Monismus als theologische und weltanschauliche Herausforderung, in: Reinhard Hempelmann (Hg.), Religionsdifferenzen und Religionsdialoge, EZW-Texte 210, Berlin 2010, 259-268; Bernhard Grom, Anthroposophie und Christentum, München 1989, 19ff und 86; Lothar Gassmann, Rudolf Steiner und die Anthroposophie, Berneck 1994, 96.
8 Vgl. Adolf Baumann, Wörterbuch der Anthroposophie, München 1991, 211.
9 Dazu Klaus von Stieglitz, Die Christosophie Rudolf Steiners. Voraussetzungen, Inhalt und Grenzen, Witten 1955, 20-22 und 253f; ferner Richard Geisen, Anthroposophie und Gnostizismus, a.a.O., 401f.
10 Vgl. Rudolf Steiner, Friedrich Nietzsche. Ein Kämpfer gegen seine Zeit (1895), Dornach 31963 (GA 5). Siehe zu Nietzsches Spiritualität näherhin Werner Thiede, „Wer aber kennt meinen Gott?“, in: ZThK 4/2001, 462-500, bzw. das Nietzsche-Kapitel in: ders., Der gekreuzigte Sinn. Eine trinitarische Theodizee, Gütersloh 2007.
11 Vgl. Rudolf Steiner, Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung (1901), Dornach 61987 (GA 7). Selbst die Ausführungen über den so christosophisch orientierten Jakob Böhme kommen nicht auf Christus zu sprechen und schildern den Theosophen lediglich als „Organ des großen Allgeistes“ (123).
12 So Klaus von Stieglitz, Christosophie, a.a.O., 31.
13 Steiner berichtet: „Das Studium von Blavatskys ‚Geheimlehre’ betrieben nur wenige; aber in demjenigen, was nun die Nachfolgerin der Blavatsky, Annie Besant, als die damalige Theosophie vortrug, waren diese Menschen bewandert ...“ (GA 258, 34f).

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