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Materialdienst 4/2011
Claudia Knepper

Harmonie, Gehorsam und Strafe

Ivo Saseks Lehre von der Kindererziehung

Ivo Sasek, der Begründer und Leiter der „Organischen Christus Generation“ (OCG), vertritt ein perfektionistisches und rigoristisches Christentum. Seine Lehre ist von Endzeitvorstellungen geprägt. Er tritt mit einem prophetischen Sendungsbewusstsein auf, von Gott berufen zu sein, das Christentum wiederzubeleben bzw. den christlichen Gemeinden eine Gerichtsbotschaft zu bringen. Er ist die eine unangefochtene Autorität in der Bewegung der OCG. Im deutschsprachigen Raum gibt es schätzungsweise etwa 1000 Anhänger, die sich verbindlich zur OCG halten und regelmäßig an Veranstaltungen bei Ivo Sasek in Walzenhausen in der Schweiz teilnehmen. In den letzten fünf Jahren scheint es kein Wachstum der Gemeinschaft gegeben zu haben.1

Die ernsthafte und kompromisslose Weise, in der Sasek seinen christlichen Glauben lebt und vertritt, spricht besonders Christen an, denen Lehre und Leben in herkömmlichen Landes- und Freikirchen zu lau erscheinen. Darüber hinaus zeigten sich vor allem Familien beeindruckt von der Harmonie und dem Glaubensleben in Saseks Familie mit elf Kindern. Andere christliche Großfamilien haben sein Familienbild angenommen und vermögen offenbar ebenfalls ganz ähnlich wie Familie Sasek aufzutreten und durch ein erstaunlich konfliktfreies Zusammenleben und überzeugendes Glaubensleben zu beeindrucken. Allerdings geriet Sasek vor allem wegen seiner Äußerungen zur Kindererziehung wiederholt in die Kritik. Im Folgenden soll seine Lehre zur Erziehung dargestellt werden; dabei werden auch wesentliche Aussagen seiner Theologie zur Sprache kommen.

Ivo Saseks Lehre zur Kindererziehung liegt  in seiner 200 Seiten umfassenden Schrift „Erziehe mit Vision!“ vor. Sie erschien zuerst 2001 im Eigenverlag. Eine zweite, erweiterte Auflage folgte 2006. Zudem hat Ivo Sasek im Jahr 2000 ein Buch mit dem Titel „Mama, bitte züchtige mich!“ herausgegeben. Es enthält Texte seiner drei ältesten Kinder. Simon (geb. 1984), David (geb. 1986) und Loisa (geb. 1988) waren beim Erscheinen des Buches 16, 14 und 12 Jahre alt.

In den 1980er und 1990er Jahren verbreitete Sasek den Kassettenkurs „Die christliche Familie“. Auf der 10. Kassette dieses Kurses äußerte er sich zum „Züchtigen mit der Rute“. Diese Kassette wird heute nicht mehr verbreitet; allerdings hat sich Sasek bisher nicht von den dort vertretenen Vorstellungen distanziert. In seiner Schrift „Erziehe mit Vision!“ entfaltet er systematisch seine rein theologisch begründete Lehre der Kindererziehung.2 Eine „menschliche“ – das heißt nach seiner Unterscheidung „nicht schöpfungsgemäße“ – Erziehung lehnt er ab. Entsprechend finden zum Beispiel psychologische Erkenntnisse zur Entwicklung von Kindern keine Beachtung.

Erziehungskampf gegen die Sünde

Nach Saseks Lehre ist es die Bestimmung des Menschen, „vollkommen mit Gott zusammengeleibt“ zu werden. Die Kehrseite dieser Bestimmung ist die Überwindung des Bösen. Kindererziehung konzentriert und beschränkt sich bei Sasek deshalb auf zwei Ziele: Heiligung des Lebens und Überwindung der Sünden. In der Erziehung der Kinder geht es dabei um nichts weniger, als die Seelen der Kinder vor dem Höllengericht zu retten.

Die Kindererziehung steht bei Sasek in einem großen heilsgeschichtlichen Rahmen und hat über das individuelle Leben der Kinder hinaus Bedeutung. Nach Sasek ist die Erde seit Beginn einerseits von „guten Geistern“ – dazu gehören Engel – und andererseits von „Heerscharen unreiner Geister, Teufel und Dämonen“ bevölkert. Der Mensch wurde als „Rivale Satans“ geschaffen, der seine Bestimmung als erste Schöpfung Gottes verfehlt hatte. Der Mensch soll als zweite Schöpfung nun der Bestimmung gerecht werden, Gottes Leib zu sein. Da der Satan nichts anderes im Sinn habe, als die Vereinigung des Menschen mit Gott zu vereiteln, so Sasek, gehöre zur Berufung des Menschen entscheidend „die totale Beherrschung und Untertretung aller teuflischen Mächte“.

Heute, so Sasek, leben wir in der Zeit eines unmittelbar bevorstehenden heilsgeschichtlichen Epochenwechsels. In dieser Zeit intensiviere sich der Kampf zwischen himmlischen und teuflischen Mächten. Zum einen erwartet Sasek die Geburt bzw. das Kommen einer „Erlöser-Generation“. Mit dieser werde „Christus vollendet“, der dann sein tausendjähriges Reich auf Erden errichten werde. Gleichzeitig versuche der Teufel die Geburt der Erlösergeneration zu verhindern. An dieser Stelle denkt Sasek vor allem an Abtreibungen. Eine andere Taktik des Satans sei es, die neue Generation durch „Kindesvergötterung“ zu verderben. „Fast sämtliche derzeitigen Angebote für Kinder“ wirkten „diametral dem Reich Gottes entgegen“.

Ivo Sasek deutet die in der Tradition des Volkes Israel verankerten Feste Passah, Wochenfest und Laubhüttenfest heilsgeschichtlich. So wie sich das Passahfest in der Kreuzigung Jesu Christi erfüllt habe und das Wochenfest in der Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten, so stehe für unsere Zeit unmittelbar die Erfüllung des Laubhüttenfestes bevor. Bei diesem „Epochenwechsel“ „soll unser Leib von der Versklavung an die Diesseitigkeit erlöst werden“. Die Metapher der Laubhütte stehe für ein Haus, das nur noch kurze Zeit Bestand hat. Um auf den Epochenwechsel vorbereitet zu sein, gelte es, die eigene Familie in die engere Gemeinschaft einer solchen Hütte zu führen. Dafür hat Sasek das Bild und die Praxis des „Familienaltars“ und der „Ruhe ringsum“ gefunden, was unten näher erläutert werden wird.

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Anmerkungen

1 Vgl. kritisch zu Sasek und der OCG: Harald Lamprecht, Organische Christusgeneration. Ivo Sasek und seine Bewegung, in: MD 4/2003,132-143; Georg Otto Schmid, Obadja, in: Informationsblatt, hg. von der Evangelischen Informationsstelle: Kirchen – Sekten – Religionen in Zusammenarbeit mit der Ökumenischen Arbeitsgruppe „Neue religiöse Bewegungen in der Schweiz“, 3/1998, 7-12.
2 Alle im Folgenden aufgeführten Zitate und Aussagen sind, wenn nicht anders angegeben, entnommen aus: Ivo Sasek, Erziehe mit Vision! Walzenhausen 22006 (abrufbar unter
www.ivo-sasek.ch/buecher.html).

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