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Der Glaube an Engel erfährt in der Gegenwart einen ungeahnten Zuspruch. Engel sind nicht nur ein beliebtes Motiv in der Werbung, regelmäßig sind sie in Filmen zu sehen, gern werden kleine Engelfiguren verschenkt, in zahlreichen Kinderbüchern tauchen Engel auf, und für Erwachsene gibt es Engel-Ratgeberliteratur. Die esoterische Engelverehrung sieht in Engeln vor allem eine Quelle der Kraft, des persönlichen Schutzes und der ganzheitlichen Heilung. Eine von der Zeitschrift „Geo“ 2005 in Auftrag gegebene Umfrage ergab, dass 66 Prozent der Deutschen an Schutzengel glauben, jedoch nur 64 Prozent an Gott. Diese Popularität der Engel überrascht vor allem in den großen Kirchen, wo Engel in der Verkündigung kaum mehr eine Rolle spielen.

Ursprünge

Engel gehören religionswissenschaftlich gesehen zu Zwischenwesen, die weder menschlich noch göttlich sind, wie auch Dämonen, Geister und ähnliche Gestalten. Sie befinden sich gleichsam zwischen Mensch und Gott und können eine vermittelnde Funktion übernehmen. Nach dem herkömmlichen Verständnis im jüdischen, christlichen und islamischen Monotheismus sind Engel immer auf Gott bezogene, ihm dienende Wesen. Im Alten Testament lassen sich vor allem zwei Gruppen unterscheiden. Eigentliche Engel (abgeleitet vom griechischen angelos, Bote; hebräisch mal’ak) treten meist in unscheinbarer menschlicher Gestalt als Gottes Boten auf. Als zweite Gruppe gottnaher Wesen sind Cherubim und Seraphim zu nennen. Cherubim bewachen den Garten Eden, sie umgeben die Bundeslade und den Thron Gottes. Sie haben Menschengestalt, vier Gesichter und vier Flügel. Seraphim sind mit sechs Flügeln ausgestattet, sie gehören ebenfalls zum Thronrat Gottes und beten Gott an. Von daher haben Engel eine Bedeutung für die kirchliche Liturgie.

Aus der biblischen Tradition bekannt bzw. aus ihr abgeleitet treten Engel in Judentum, Christentum und Islam auch als Deuteengel, Schutzengel, Gerichts-, Straf- oder Todesengel auf. Namentlich bekannt sind einzelne Erzengel. Im Alten und Neuen Testament werden Gabriel und Michael genannt, aus den alttestamentlichen Apokryphen kennen wir außerdem Raphael und Uriel. In verschiedenen jüdischen und christlichen Engellehren (Angelologien) wurden zum Teil Engelhierarchien gebildet. Engel konnten hier weitere Funktionen übernehmen, zum Beispiel als Natur- und Elementarengel, in denen sich Kräfte der Natur personalisierten. Neben der Vierzahl der Erzengel gibt es weitere jüdische Traditionen mit sieben oder sechs Erzengeln, die unterschiedliche Namen tragen können. Im Christentum waren unter anderem die Engellehren von Dionysius Areopagita, Augustinus und Thomas von Aquin einflussreich.

Ebenfalls aus dem Alten Testament abgeleitet ist die Vorstellung eines Engelfalls, der zu einem Engeldualismus führt. Demnach stehen den Engeln, die Gott dienen und dem Menschen wohlwollend oder neutral gesinnt sind, gefallene Engel gegenüber, die den Menschen zum Abfall von Gott und zum Bösen verführen und den Menschen und Gott schaden wollen. Zeitweise konnte sich in der Tradition ein herausragender Engel, zum Beispiel Satan, zum fast gleichstarken Gegenspieler Gottes entwickeln.

Sowohl im Judentum als auch in den christlichen Großkirchen wurde der Gefahr „verwildernder“ Engellehren vorgebeugt, indem man die Geschöpflichkeit der Engel betonte, ihre Verehrung verbot und sie als „dienstbare Geister“ (Luther) Gottes Souveränität unterstellt sein ließ.

Engel in der gegenwärtigen Theologie

Bis zur Aufklärung gehörten Engel zum selbstverständlichen Bestand christlicher Glaubenspraxis und Theologie. Im 19. Jahrhundert verloren sie im Zuge eines naturwissenschaftlich-rationalen Weltbildes vor allem in der evangelischen Theologie massiv an Bedeutung. Im 20. Jahrhundert gewann man hier neue Zugänge zur Angelologie. Paul Althaus sah eine wichtige Funktion der Engel darin, den Menschen an seine Begrenztheit zu erinnern sowie daran, sich nicht als „höchste persönliche Kreatur“ anzusehen. Auch sei Gott mit der Anbetung durch die Engel nicht allein auf das Schöpfungslob der Menschen angewiesen. Paul Tillich bot eine moderne Deutung der Engel als „konkret-poetische Symbole der Ideen oder Seinsmächte“. Karl Barth verstand Engel als Zeugen des Wortes Gottes.

Auf katholischer Seite ließ Karl Rahner in der Schwebe, ob Engel existieren. Für ihn sind sie weder wesentlicher Glaubensgegenstand noch überflüssiges Beiwerk. Die jüngste eigenständige Engellehre stammt von dem katholischen Theologen Thomas Ruster. Er deutet Engel im Sinne von Mächten und Gewalten als funktionale Systeme (gute Engel) oder autonomisierte Systeme (gefallene Engel) nach der Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann. Besondere Popularität haben die Engelbücher des Benediktinerpaters Anselm Grün erlangt. Er greift Engel als Bilder auf, um lebenspraktische Ratschläge zu geben. Grün ist auch in Esoterikkreisen angesehen und wird zum Beispiel in der einschlägigen Zeitschrift „Engelmagazin“ (Auflage 75000) aufgegriffen, aber er weiß sich theologisch von einem esoterischen Engelverständnis abzugrenzen. So kritisiert er die Weise, wie man in der Esoterik glaubt, über Engel verfügen zu können. Dem hält er entgegen, dass Engel Boten Gottes seien, über die der Mensch keine Macht habe.

Engel in der Esoterik

Von Ruster liegt eine interessante Interpretation zur Popularität der Engel in der Esoterik vor. Er kann hier regelrecht von einer „neuen Engelreligion“ sprechen, die der Logik der Waren- und Konsumwelt entsprechend einer maßlos gesteigerten Bedürfnisbefriedigung folgt (vgl. die Rezension zu Thomas Rusters Buch in MD 12/2010, 473ff). Was man nicht mit Geld kaufen kann, stellen die Engel als „himmlische Dienstleister“ (Murken / Namini) auf Wunsch mit ihrem höheren Wissen und ihrer göttlichen Liebe zur Verfügung: Das reicht von einfachen alltagspraktischen Dingen wie Hilfe bei der Parkplatzsuche über Assistenz bei der Partnerwahl, wunderbare Bewahrung vor oder in Unfällen und Lebenshilfe in allen Fragen bis zur Entwicklung des eigenen Bewusstseins und spirituellem Wachstum in Liebe, Vertrauen, Leichtigkeit, Hingabe und Zuversicht. Mit der Hilfe der Engel gelange man – so eine Überschrift im „Engelmagazin“ – „Von der Verzweiflung zu Freude und Licht“.

In der Esoterik kommt es zu einer Verschiebung im Vergleich zur Engelvorstellung der monotheistischen Hochreligionen. Zwar kann noch von Gott gesprochen werden, aber tatsächlich führen die Engel ein Eigenleben ohne direkten Gottesbezug. Ähnlich wie frühere gnostisch beeinflusste Engellehren Engel nicht als Geschöpfe Gottes verstanden, sondern als Emanationen, die einer göttlichen Quelle entsprungen seien und am göttlichen Wesen Anteil hätten, versteht die Esoterik Engel als Ausfaltungen eines unpersönlich vorgestellten Göttlichen, eines guten geistigen oder energetischen Grundprinzips allen Seins. Engel werden in der Esoterik selbst als etwas Göttliches verehrt. Dabei ist bemerkenswert, dass ein wichtiges Merkmal des Heiligen fehlt, das Rudolf Otto als „tremendum“ bezeichnet. Engel haben heute nichts Furchteinflößendes, Ehrfurchtgebietendes mehr. Im Grunde kann jeder Mensch unbefangen zu seinen Engeln Kontakt aufnehmen, so lehren es vor allem Frauen, die in Büchern und Kursen von ihren Engelerfahrungen berichten und zu eigenen Engelerfahrungen anleiten. Nötig seien dazu meist nur eine „Öffnung des Herzens“ und eine geschulte Sensibilität; dann könne man leicht seine Engel spüren oder sogar mit dem inneren Auge sehen. Jeder Mensch, so die Vorstellung, ist immer von Engeln umgeben, die nur darauf warten, vom Menschen angesprochen zu werden, um ihm zu helfen oder Fragen zu beantworten.

In Deutschland bekannt sind vor allem Sabrina Fox, eine ehemalige Fernsehmoderatorin und Künstlerin, die aus Russland stammende Jana Haas sowie die als Talkshowgast bekannt gewordene „Engeldolmetscherin“ Alexa Kriele. Aus dem englischsprachigen Raum sind unter anderem Doreen Virtue und Lorna Byrne mit erfolgreichen Büchern in Deutschland auf dem Markt. Helga Schaub ist eine Ausnahme, insofern sie nicht nur die lichte Seite von Engeln bedenkt, sondern sich bewusst mit den „Mächten der Dunkelheit“ auseinandersetzt und eine weißmagische Befreiung von negativen Energien verspricht.

Neben Büchern, Einzelberatungen und Seminaren werden auf dem Markt auch alternativmedizinisch-therapeutische und magisch-esoterische Angebote gemacht. Dazu gehören zum Beispiel „Engelessenzen“, die man auf die Haut aufträgt, um körperliche und seelische Heilungsprozesse zu unterstützen. Engelkarten sollen ähnlich wie Tarotkarten zur Selbsterkenntnis beitragen oder bei Entscheidungen helfen. Einzelne Anbieter verstehen sich als Medium, die Botschaften von Engeln „channeln“ (von engl. channel – „Kanal“) und sich damit an Ratsuchende wenden, das Weltgeschehen deuten oder Prophezeiungen bekanntgeben. Als Großveranstaltung gibt es seit 2006 einmal jährlich einen Engelkongress im deutschsprachigen Raum (Hamburg und Salzburg). In den letzten Jahren taucht für herkömmliche Esoterik-Messen die Bezeichnung „Engeltage“ auf, bei denen Devotionalien und Dienstleistungen angeboten werden.

Einschätzung

Vor allem der esoterische Engelglaube ist eine Herausforderung für die Kirchen, aus deren Traditionsbestand die Engel gleichsam in die säkulare Welt ausgewandert sind. In ihm kommt eine Sehnsucht nach Geborgenheit, nach bedingungsloser Liebe und Annahme sowie nach Heilung und Sinnstiftung zum Ausdruck. Ein Reiz des esoterischen Engelglaubens besteht darin, dass Engel von jedem wahrgenommen werden können und sich ganz konkret im Alltag als wirksam erweisen. Die christlichen Kirchen und die Theologie kann der populäre Engelglaube daran erinnern, dass nur ein Teil der geschaffenen Welt dem Menschen unmittelbar zugänglich ist, es darüber hinaus aber einen erfahrbaren „Himmel“ gibt, „Mächte und Gewalten“, die nicht mit Gott selbst zu verwechseln sind (vgl. Ruster). Eine Besinnung auf Engel im christlichen Glaubensleben kann das Augenmerk auf Phänomene unserer natürlichen Wirklichkeit lenken, die über sich hinausweisen. Der Soziologe Peter L. Berger spricht von solchen Zeichen der Transzendenz als von „Spuren der Engel“. Gegen die Tendenz der Instrumentalisierung der säkular verselbständigten Engel für die individuelle Wunscherfüllung ist aus christlicher Perspektive einzuwenden, dass Engel als „dienstbare Geister Gottes“ (Luther) dem Zugriff des Menschen entzogen sind.

Literatur

Quellen

Byrne, Lorna, Engel in meinem Haar. Die wahre Geschichte einer irischen Mystikerin, München 2009
Fox, Sabrina, Auf der Suche nach Wahrheit, München 2001
Grün, Anselm, „Was soll ich tun?“ Antworten auf Fragen, die das Leben stellt, Freiburg 2008
Haas, Jana, Engel und die neue Zeit. Heilwerden mit den lichten Helfern, Berlin 2008
Kriele, Alexa, Wie im Himmel so auf Erden. Einführung in die christliche Engelkunde, 4 Bände, Berlin 2007
Schaub, Helga, Befreiung von Dunkel-Mächten, Güllesheim 2005
Virtue, Doreen, Botschaft der Engel, Berlin 2007

Zeitschrift

Engelmagazin (erscheint seit 2008 sechsmal jährlich)

Wissenschaftliche / kritische Literatur

Brandl, Marianne / Pöhlmann, Matthias „Send me an angel!“, in: Katholische Blätter 135 (2010), 394-399
Dürr, Oliver, Der Engel Mächte. Systematisch-theologische Untersuchung: Angelologie, Stuttgart 2009
Ebertz, Michael N. / Faber, Richard (Hg.), Engel unter uns. Soziologische und theologische Miniaturen, Würzburg 2008
Hafner, Johann Ev., Angelologie, Paderborn 2010
Mann, Ulrich / Seebaß, Horst / Grözinger, Karl Erich u. a., Art. Engel, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 9, Berlin 1982, 580-615
Murken, Sebastian / Namini, Sussan, Himmlische Dienstleister. Religionspsychologische Überlegungen zur Renaissance der Engel, EZW-Texte 196, Berlin 2007
Pöhlmann, Matthias, Energien aus höheren Welten? Zum Engel-Boom in der Esoterik, in: Weltanschauung (hg. vom Bischöflichen Seelsorgeamt Augsburg) 3/2006
Ruster, Thomas, Die neue Engelreligion. Lichtgestalten – dunkle Mächte, Kevelaer 2010
Winter, Franz, Zwischenwesen. Engel, Dämonen, Geister, in: Figl, Johann (Hg.), Handbuch Religionswissenschaft, Innsbruck u.a. 2003, 651-662

Claudia Knepper
 

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