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Materialdienst 2/2006
Johannes Harnischfeger

Die Rückkehr der Dämonen im afrikanischen Christentum

In Europa kam es zu staatlich gelenkter Verfolgung von Hexen, als sich die gebildeten Kreise vom „Hexenwahn“ der einfachen Bevölkerung anstecken ließen. In Afrika sind die Eliten längst infiziert. Unter Richtern und Professoren, Ministern und Staatspräsidenten ist der Glaube an okkulte Kräfte ähnlich weit verbreitet wie in anderen Teilen der Bevölkerung. Trotzdem scheuen staatliche Autoritäten davor zurück, den Kampf gegen okkulte Bedrohungen aufzunehmen. Gesetzliche Handhaben wären durchaus vorhanden, denn in den meisten Ländern Subsahara-Afrikas ist Hexerei heute verboten. In Kamerun oder Kenia droht den Verdächtigen eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren, und im Norden Nigerias, wo einige islamische Bundesstaaten die Scharia einführten, ist sogar die Todesstrafe vorgesehen. Das Problem ist nur, dass der Gesetzgeber nicht sagt, wie man Hexen erkennen soll. Richter, die Verdächtigungen prüfen und okkulte Straftaten bewerten sollen, können nicht auf klare Regeln zurückgreifen. Es fehlt also an einer verbindlichen Dämonologie, und es ist keine politische oder religiöse Autorität in Sicht, die diesen Mangel beheben könnte. Eine Regierungskommission in Südafrika, die Hexerei und Ritualmorde untersuchte, bestätigte zwar, was die große Mehrheit der Bürger immer schon angenommen hatte: dass Hexen töten können, fügte aber hinzu, dass die aggressiven Kräfte, die von einer Hexe ausgehen, unsichtbar sind: „Das Beunruhigendste an der Hexerei ist, dass die Aktivitäten einer Hexe nicht mit bloßem Auge zu erkennen sind. Das bedeutet, niemand ist in der Lage festzustellen, dass eine Hexe dieses oder jenes gemacht hat.“1

Trotz der Schwierigkeit, die Täter zu identifizieren, plädierte die Kommission dafür, das alte koloniale Gesetz, das Hexerei-Anklagen zu unterdrücken suchte, abzuschaffen und Hexerei unter Strafe zu stellen. Doch worauf soll sich ein Gerichtsurteil gründen, wenn niemand das Verbrechen beobachten kann? Der Gesetzentwurf behilft sich hier mit einer ausweichenden Formulierung, die allen möglichen Formen der Beweisführung den Weg ebnet: „Jede Person, die eine Handlung begeht, welche einen vernünftigen Verdacht begründet, dass die Person Hexerei betreibt, macht sich eines Vergehens schuldig und unterliegt einer Strafe von bis zu vier Jahren Gefängnis.“2 Ein Verdacht soll ausreichen, um Menschen ins Gefängnis zu bringen. Die Frage ist nur, wie die Richter beweisen wollen, dass dieser Verdacht „vernünftig“ ist.

Spirituelle Unsicherheit

Der Mangel an einer verbindlichen Dämonologie beschäftigt nicht nur Juristen und Regierungsethnologen, er ist auch für einfache Bürger ein Problem. Wenn es unsichtbare Kräfte gibt, die sich manipulieren lassen, um andere Menschen zu töten, ist nichts wichtiger, als geeignete Gegenmittel zu finden. Doch wie will man sich schützen, wenn die Art der Gefährdung nicht klar ist? Jeder Erwachsene in Kenia oder Nigeria weiß, dass die meisten seiner Mitmenschen sich an Schreinpriester wenden und das Bündnis mit mächtigen Geistern suchen oder dass sie Zauberer konsultieren und sich mit Magie beschäftigen (d.h. mit Riten oder Zaubersprüchen, die durch sich selbst, ohne die Anrufung von Geistern oder Gottheiten, unsichtbare Kräfte entfalten). Nur lässt sich nicht abschätzen, welche Kraft diese Geister haben und an welchen Symptomen fremde magische Einflüsse zu erkennen sind. Da okkulte Bedrohungen im Grunde nicht fassbar sind, werden sie in immer neuen bizarren Phantasien imaginiert. Die Gespräche kreisen um Ritualmorde und satanische Banknoten, um Kinderhexen und Wassergeister. Auch die Medien produzieren ständig neue Bilder des Bösen, so dass die Menschen mit okkulten Theorien und Spekulationen überhäuft werden. Gerade diese Flut von widersprüchlichen Informationen aber trägt zur Verunsicherung bei: Früher hatte man angenommen, dass magische Kräfte nur über eine begrenzte Distanz hin wirksam sind. Wer einem unheilvollen Zauber entgehen wollte, hatte also die Möglichkeit, sich von der Gefahrenquelle zu entfernen und an einem entlegenen Ort Zuflucht zu finden. Heute dagegen befürchten viele, dass sich feindselige Kräfte mit Hilfe elektronischer Medien über jede Entfernung hinweg aussenden lassen. Wie in den Nachrichten der BBC zu hören war, verbreitete sich in Nigeria die Furcht vor einer völlig anonymen, willkürlichen Form der Magie. Die Gefahr ging von dem Anruf einer gewissen Handy-Nummer aus. Wer den Anruf entgegennahm und die Botschaft abhörte, war innerhalb von zehn Minuten tot.

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Literatur
Ralushai, N. V. 1996: Report of the Commission of Inquiry into Witchcraft Violence and Ritual Murders in the Northern Province of the Republic of South Africa. Submitted to the MEC for Safety and Security, Northern Province [unveröffentlicht]

Anmerkungen
1 Ralushai 1996, 57, 61.
2 Ralushai 1996, 54f.

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