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Materialdienst 2/2006
Sarah Albrecht

Islamismus in Deutschland

Gruppen und Tendenzen

Der Materialdienst der EZW widmet sich in lockerer Folge dem Thema des Islamismus als einer der wichtigsten religiösen und politischen Herausforderungen unserer Zeit. Nachdem wir in Ausgabe 8/2005 Thesen von Johannes Kandel veröffentlicht haben („Herausforderung Islamismus“), möchten wir diese nun konkretisieren mit einem aktuellen Überblick über die wichtigsten islamistischen Gruppierungen in Deutschland. In einer weiteren Ausgabe folgt eine Detailstudie über die Muslimbruderschaft.


„Noch stellen Sie eine Minderheit dar und halten sich an die Regeln unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Doch wie wird es einmal sein, wenn Sie in der Mehrheit sind?“ Mit dieser Frage drückte die Teilnehmerin einer christlich-islamischen Dialogveranstaltung, die vor einiger Zeit in Berlin stattfand, ein Gefühl aus, das nicht nur durch die Berichterstattung einiger Journalisten über die in Deutschland lebenden Muslime genährt wird, sondern auch durch die in den vergangenen Jahren gehäuften Nachrichten über hierzulande agierende Islamisten: die Furcht vor der politischen Einflussnahme muslimischer Mitbürger auf den deutschen Staat, seine Gesellschaftsordnung und seine Rechtssprechung. Ein Gefühl, das sich sogar in die Angst vor einer „feindlichen Übernahme“ steigern kann.

Obgleich zahlreiche Institutionen nicht erst seit vier Jahren um die Aufklärung über die in Deutschland lebenden Muslime bemüht sind, haben die Anschläge vom 11. September 2001 und die unzähligen Terrorakte, die in vielen Teilen der Welt von Menschen muslimischen Glaubens begangen wurden, dazu geführt, dass Muslime weltweit unter den Generalverdacht des gewaltbereiten Fundamentalismus gestellt wurden. Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus und sein nicht unbeträchtlicher Einfluss auf die Weltpolitik haben auch in der Bundesrepublik zu der Befürchtung geführt, islamische Gruppierungen könnten den deutschen Rechtsstaat untergraben und nach politischer Herrschaft streben.

Die langwierige Debatte um den „Kalifen von Köln“ hat deutlich gemacht, dass derartige Befürchtungen nicht als grundlos zurückgewiesen werden können. Dennoch darf nicht der Eindruck entstehen, sämtliche islamische Vereinigungen in Deutschland stellten ein Bedrohungspotenzial für unsere Gesellschaftsordnung dar. Denn bundesweit werden weniger als ein Prozent der Muslime dem Islamismus zugerechnet, von denen wiederum eine Minderheit gewaltbefürwortenden oder gewaltbereiten Organisationen angehört. Die überwiegende Mehrheit stellen hingegen die Anhänger sogenannter legalistischer Gruppierungen dar, die mittels politischer Aktivitäten islamistische Positionen im gesellschaftlichen Leben der Bundesrepublik durchsetzen bzw. entsprechende Freiräume erlangen wollen, sich jedoch von jeglicher Gewaltanwendung distanzieren. Während sich die islamistischen Gruppierungen sowohl in ihren Methoden als auch in ihrer Zielsetzung stark unterscheiden, teilen sie eine weitgehend fundamentalistische, d.h. streng textgebundene Koranauslegung und bedienen sich religiöser Argumente zur Begründung politischer Ziele.1

Die folgende Darstellung der bedeutendsten in Deutschland vertretenen islamistischen Gruppierungen, die vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft werden, ist darum bemüht, ein differenziertes Bild des politischen Islam in der Bundesrepublik zu zeichnen. Neben der Einschätzung des Verfassungsschutzes sowie anderer Beobachter der Szene wird deshalb auch die Eigendarstellung der Organisationen mit einbezogen. Im Vordergrund stehen dabei Organisationen türkischen und arabischen Hintergrunds sowie eine iranische Gruppierung.2

Türkische islamistische Organisationen

Mit 2,5 Millionen stellen türkische Arbeitsmigranten und deren Nachkommen in zweiter und dritter Generation, von denen fast jeder Vierte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, den größten Anteil der in Deutschland lebenden Muslime dar. Nach Angaben des Verfassungsschutzes ist auch die Mehrheit (85 Prozent) der Mitglieder islamistischer Vereinigungen in der Bundesrepublik türkischer Herkunft. Neben dem mittlerweile verbotenen Kalifatsstaat gilt die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (sprich: Görüsch) als bedeutendste und mitgliederstärkste islamistische Organisation in Deutschland.3

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Anmerkungen

1 Zum Begriff „Islamismus“ vgl. den umfassenden Artikel von Johannes Kandel „Herausforderung Islamismus“ im MD 8/2005. Die unterschiedlichen Facetten islamistischer Bewegungen werden in der vom nordrhein-westfälischen Landesamt für Verfassungsschutz herausgegebenen Broschüre „Islamismus – Instrumentalisierung der Religion für politische Zwecke“ differenziert dargestellt.
2 Bei den im Folgenden dargestellten Gruppierungen handelt es sich um in Vereinen oder Verbänden organisierte Bewegungen. Transnational agierende islamistische Terroristen, sogenannte „Jihadisten“, die in Deutschland nach Angaben des Verfassungsschutzes lediglich durch Einzelpersonen vertreten werden, sind daher nicht Teil dieser Ausführung.
3 Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2004, 213.

 

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