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Materialdienst 9/2006
Ulrich Dehn

Gesundheit und Krankheit in anderen Kulturen und Religionen

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Das Thema des Beitrags ist keineswegs ein randständiges Beschäftigungsfeld für universitäre Kultur- und Religionswissenschaftler, sondern eine tägliche Herausforderung im allgemeinen Gesundheits- und Krankenhausbetrieb auch in Deutschland. In Anbetracht der Internationalisierung von Wissen und Kommunikation sind Gesundheit und Behandlungs- bzw. Präventionsmethoden in anderen Kulturen längst auch zum Interessengebiet allgemeiner Art geworden.

Neben zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Gesundheit in den Religionen gibt es nun auch populärwissenschaftliche Handreichungen für den Gebrauch in Krankenhäusern und Hospizen, die der multireligiösen und multikulturellen Zusammensetzung der Patienten und Patientinnen in inzwischen fast allen Ländern der Welt Rechnung zu tragen versuchen. Um nur die wichtigsten aus unserem Kulturbereich zu nennen: Nachdem 1996 im englischen Cambridge die Handreichung „Religious and Cultural Beliefs Handbook“ für den Gebrauch in Krankenhäusern herausgekommen war, entstand, davon angeregt, das Buch „Verständnis fördert Heilung“ in Kooperation mit der Charité Berlin, das im Sommer 2005 erschien, mit dem Untertitel „Der religiöse Hintergrund von Patienten aus unterschiedlichen Kulturen“2. Auf den Hospizbereich zugeschnitten ist das 2004 erschienene Buch „Sterben, Tod und Trauer“, das auch andere religiöse und weltanschauliche Hintergründe berücksichtigt.3 Hintergrund der Handreichungen für den allgemeinen Krankhausbereich ist nicht nur eine allgemeine multikulturelle Aufgeschlossenheit, sondern die Einsicht, dass im deutschen Gesundheitswesen mit ca. 10 Prozent Patienten mit einem anderskulturellen und/oder andersreligiösen Hintergrund zu rechnen ist. Fehlendes Verständnis dieser Hintergründe könne zu „falschen Anamnesen, Diagnosen und Therapien führen“ (Wagemann 2005, 13), was auch einen wenig beachteten Kostenfaktor darstelle. Trotz dieses ökonomischen und pragmatischen Faktors, der von Krankenkassen beobachtet wird, ging die Initiative zu den genannten Projekten von Krankenhausseelsorgern aus, nicht vom medizinisch behandelnden Personal oder Krankenkassen.

Handbücher dieser Art begehen stets eine Gratwanderung: Zum einen gibt es insbesondere Kurzzeitmigranten oder erkrankte Touristen, die zusätzlich zu den deutlichen kulturell-religiösen Devianzen auch Sprachprobleme in die Behandlung mitbringen und große Sensibilität erfordern, am anderen Ende der Skala stehen Menschen, die mit Stigmatisierungen überfrachtet werden könnten, die nicht oder nicht mehr auf sie zutreffen, weshalb das Berliner Buch in jedem Abschnitt dazu auffordert, die Informationen nur als Impulse zu eigenen Erkundungen und Fragen zu betrachten.
 
Dies soll als Hinweis darauf genügen, dass die kulturell-religiös unterschiedlichen Sichtweisen auf Gesundheit und Krankheit sich auch im deutschen Gesundheitswesen niederschlagen und daraus Konsequenzen gezogen werden. 

Traditionelle chinesische Medizin

Der Unterschied zwischen dem wissenschaftlichen Medizinbetrieb und dem, was im Westen als asiatische Medizin betrachtet wird, wird oft auf den Begriff des Gegensatzpaares Schulmedizin – Alternativmedizin gebracht.4 Dabei wird vielfach nicht bedacht, dass manches von dem, was etwa mit Traditioneller Chinesischer Medizin bezeichnet wird, eine westliche Konstruktion darstellt. Alte Träume von Ganzheitlichkeit werden in die exotische Welt der asiatischen Heilkünste hineinprojiziert, wobei allerdings zumeist auch an indische oder chinesische Wurzeln angeknüpft werden kann. In China gibt es eine Wissenschaftliche Qi Gong Gesellschaft, die staatlich anerkannt ist und mit ihren Methoden ungefähr 10 Prozent des Gesundheitsapparats bedient.

Die wichtigsten Bewegungs- und Behandlungslehren und Therapien aus dem chinesischen Kulturraum5 sollen hier kurz vorgestellt werden.

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Anmerkungen

1 Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, der im November 2005 auf der Tagung „Was ist Gesundheit?“ der Ev. Akademie Tutzing in Rothenburg o.d.T. gehalten wurde.
2 Gertrud Wagemann, Verständnis fördert Heilung. Der religiöse Hintergrund von Patienten aus unterschiedlichen Kulturen. Ein Leitfaden für Ärzte, Pflegekräfte, Berater und Betreuer, Berlin 2005.
3 Johann-Christoph Student (Hg.), Sterben, Tod und Trauer. Handbuch für Begleitende, Freiburg i.Br. 2004.
4 Vgl. dazu kritisch Elisabeth Nüchtern, Was Alternativmedizin populär macht, EZW-Text 139, Berlin 1998; Krista Federspiel, Vera Herbst, Handbuch Die andere Medizin. Nutzen und Risiken sanfter Heilmethoden, Stiftung Warentest, Berlin 41996.
5 Thomas Ots, Medizin und Heilung in China, Berlin 31999; Traditionelle Chinesische Medizin, Sonderheft DAO. Magazin fernöstlicher Lebenskunst, Hamburg 1998.

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